Geschichte des Zigeunermädchens

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Geschichte des Zigeunermädchens
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Miguel de Cervantes Saavedra

Geschichte des Zigeunermädchens


Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020

goodpress@okpublishing.info

EAN 4064066110147

Inhaltsverzeichnis

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Titelblatt

Text

"

Es scheint, daß die Zigeuner und Zigeunerinnen nur auf die Welt kommen, um Spitzbuben zu werden. Sie stammen von Eltern, die Spitzbuben sind, werden mit Spitzbuben erzogen, studieren das Spitzbubenhandwerk und werden endlich Spitzbuben, die auf alle Fälle gemacht und bedacht sind; die Lust am Stehlen und das Stehlen selbst sind gleichsam unabtrennbare Teile ihres Wesens, das sie erst mit dem Tode verlieren.

Eine nun von diesem Volk, eine alte Zigeunerin, die in der Kunst des Cacus[1] bereits ihr Jubiläum gefeiert haben mochte, erzog als ihre Enkelin ein junges Mädchen, dem sie den Namen Preziosa gab und das sie in all ihren Zigeunerstreichen, Gaunereien und Diebeskünsten unterrichtete. Preziosa wurde die vortrefflichste Tänzerin im ganzen Zigeunervolk und das schönste und verständigste Kind, das man nicht nur unter Zigeunern, sondern unter allen Schönen und Klugen finden konnte, deren Ruhm je erschollen ist. Weder Sonne noch Luft noch auch alle Unbilden der Witterung, denen die Zigeuner mehr ausgesetzt sind als andre Leute, vermochten ihrer Schönheit Abbruch zu tun oder ihre Hände zu bräunen. Ja, was noch mehr ist, die rauhe Erziehung, die sie erhielt, konnte nicht verdecken, daß sie von gesitteteren Eltern abstammte, als es Zigeuner sind; denn sie war äußerst gewandt und sehr verständig. Bei all dem war sie frei, ohne die Grenzen der Sittsamkeit zu überschreiten; sie war vielmehr bei allem Witze so züchtig, daß in ihrer Gegenwart keine Zigeunerin, mochte sie alt oder jung sein, ein unanständiges Lied zu singen oder üble Worte zu sprechen wagte. Kurz die Großmutter erkannte, welchen Schatz sie in der Enkelin besaß, und so beschloß denn die alte Dohle, ihr junges Dohlchen ausfliegen zu lassen und es zu lehren, sich den Unterhalt mit den eignen Fängen zu gewinnen. Preziosa zog aus, reich versehen mit Festgesängen, Volksliedern, Seguidillas, Sarabanden und andern Versen, besonders Romanzen, die sie mit eigentümlicher Anmut vortrug; denn die schlaue Alte erkannte, daß bei der Jugend und Schönheit ihrer Enkelin dergleichen Schwänke und Spiele ein sehr glückliches Reiz- und Lockmittel abgeben müßten, das ihr Vermögen vermehren würde. So hatte sie denn auf allen möglichen Wegen nach solchen Dingen gesucht, und es fehlte nicht an Dichtern, die sie damit versahen; denn es gibt ebensogut Poeten, die sich mit den Zigeunern verstehen und Werke an sie verkaufen, wie es andre für die Blinden gibt, denen sie Wundergeschichten erfinden, um den Gewinn mit ihnen zu teilen. In der Welt kommt alles vor, und der Hunger treibt manche Köpfe, Dinge zu tun, die ihnen nicht an der Wiege gesungen worden sind.

Preziosa war in verschiedenen Gegenden Kastiliens aufgewachsen; in ihrem fünfzehnten Jahre aber führte ihre angebliche Großmutter sie in die Residenz, und zwar auf ihren alten Lagerplatz, die Felder der heiligen Barbara, wo sich die Zigeuner gewöhnlich aufhalten. Sie hoffte, in der Hauptstadt, wo alles gekauft und alles verkauft wird, werde auch sie ihre Ware losschlagen können. An dem Tage, als Preziosa ihren ersten Einzug in Madrid hielt, war das Fest der heiligen Anna, der Patronin und Schutzherrin der Stadt. Acht Zigeunerinnen, vier ältere und vier junge, führten unter der Leitung eines Zigeuners, eines vorzüglichen Tänzers, einen Tanz auf, und wenn sie auch alle sauber und geputzt erschienen, so trat doch Preziosens Zierlichkeit so sehr hervor, daß sie allmählich die Blicke aller Zuschauer auf sich zog. Durch den Klang der Schellentrommel und Kastagnetten, durch die Wirbel des Tanzes scholl der Ruf, der die Schönheit und Anmut des Zigeunermädchens pries. Jünglinge und Männer strömten herbei, um sie zu sehn; als man sie aber gar singen hörte (denn der Tanz war mit Gesang verbunden), wurde der Lärm so groß, daß das Lob der Zigeunerin von allen Seiten widerhallte und die Vorsteher des Festes ihr einstimmig den Preis für den besten Tanz zuerkannten. Nachher führten die Zigeuner in der Kirche der heiligen Maria, vor dem Bildnis der glorreichen Anna, den Reigen noch einmal auf, und nachdem er beendigt war, ergriff Preziosa ein Tamburin, zu dessen Klang sie sich aufs leichteste und zierlichste im Kreis bewegte, und sang folgende Romanze:

Köstlichster von allen Bäumen,

Der so lang nicht Frucht getragen,

Jahre, die wie einer Trauer

Hülle düster auf ihm lagen

Und auf reine Herzenswünsche

Eines liebevollen Gatten,

Überwölkend seine Hoffnung,

Schatten trüb geworfen hatten,

So daß aus der langen Säumnis

Kummer ward, der bitter nagte,

Und der aus dem heilgen Tempel

Den gerechten Mann verjagte.

Heilig unfruchtbarer Boden,

Dem im Anfang doch entsprossen

Jene überreiche Fülle,

Die die ganze Welt genossen.

Haus der königlichen Münzstatt,

Wo der Stempel ward geschlagen,

Der dem Gott die Form gegeben,

Die als Mensch er hat getragen.

Mutter du von einer Tochter,

In der wollt und konnt entfalten

Alle Tugenden der Höchste,

Die sonst Menschen nie erhalten.

Durch dich selbst und durch die Tochter

Bist die Zuflucht du, o Anne,

Welcher wir zur Rettung nahen

Hier in unsres Elends Banne.

In gewisser Art auch darfst du,

Keinen Zweifel laß ich walten,

Über deinem heilgen Enkel

Als gerechte Herrin schalten.

Mitzuthronen, gleich dir Hohen,

In der höchsten Himmelsfeste,

Hielten wohl viel tausend Eltern

Für der Glückesgaben beste.

Welche Tochter! welch ein Enkel!

Welcher Eidam! Hier ist wieder,

Ist gerechterweise Anlaß

Für Triumph- und Siegeslieder.

Aber du in deiner Demut

Bist ihr still voraufgeschritten:

Drauf hat demutsvoll dir deine

Heilge Tochter nachgelitten.

Und jetzt neben ihrer Seite

Vor den Höchsten zugelassen,

Schmeckest du die hohen Wonnen,

Die wir ahnend kaum erfassen.

Preziosens Gesang erregte bei allen Zuhörern Bewunderung. Die einen sagten: „Gott segne dich, Kind.“ Andre: „Wie schade, daß das Mädchen eine Zigeunerin ist, wahrlich und wahrhaftig, sie verdiente die Tochter eines großen Herrn zu sein!“ Und wieder andre, die derber waren, sprachen: „Laßt das Dirnchen nur heranwachsen, sie wird schon ihre Streiche machen; bei Gott, sie wird ein hübsches Schleppnetz zum Fischen der Herzen.“ Wieder ein andrer, artiger, aber plump und ungeschickt in seinen Ausdrücken, rief, als er sie so flink im Tanz dahinschweben sah: „Auf, Töchterchen, auf! Und die Füße gerührt, mein Liebchen, damit es staubt.“ „Und ich Euch den Staub wieder ausklopfe,“ erwiderte sie, ohne den Tanz zu unterbrechen.

Als die Vesper und das Fest der heiligen Anna vorüber war, fühlte Preziosa sich ein wenig erschöpft, aber um ihrer Schönheit, ihres Witzes und Verstandes und ihrer Tanzkunst willen war sie auch schon so berühmt, daß man in der ganzen Residenz auf allen Straßen von ihr sprach. Vierzehn Tage nachher kam sie abermals nach Madrid, und zwar in Begleitung von drei andern Mädchen, mit Schellentrommeln und einem neuen Tanze. Alle waren sie ausgerüstet mit Romanzen und munteren, aber sittsamen Liedchen, denn Preziosa gab nie zu, daß ihre Gefährtinnen unschickliche Lieder sangen, so wenig sie selbst jemals mit dergleichen vortrat. Viele merkten das denn auch und hielten sie deshalb besonders hoch. Nie trennte sich die alte Zigeunerin, die sie wie ein Argus bewachte, von ihr, denn sie war immer in Angst, man könnte ihr das Mädchen entführen. Sie nannte sie ihre Enkelin, und Preziosa hielt sie für ihre Großmutter. Um den Zuschauern ein Vergnügen zu machen, stellten sie sich in der schattigen Toledostraße zum Reigen auf, und bald sammelte sich das ihnen nachziehende Volk zu einem großen Kreise. Während des Tanzes bat die Alte die Umstehenden um einen Beitrag, und die Achtel- und Viertelrealen regneten wie Hagelschauer auf sie ein, denn die Schönheit hat die Kraft, die schlafende Freigebigkeit zu wecken.

Als der Tanz zu Ende war, sprach Preziosa: „Wenn mir jeder vier Viertelrealen gibt, so will ich euch allein eine gar schöne Romanze singen über den ersten Kirchgang, den unsre Königin Doña Margarita nach ihrem Wochenbett in Valladolid gehalten hat, und zwar zur Sankt-Lorenzkirche; und ich sage euch, es ist ein Meisterstück, von einem Kapitalpoeten, der seinen Mann zu stellen vermag.“

Kaum hatte sie dies ausgesprochen, als alle Umstehenden mit lauter Stimme riefen: „Singe, Preziosa, da sind meine vier Quartos.“ Und von neuem hagelten die Geldstücke auf sie ein, so daß die Alte kaum Hände genug hatte, um sie zu sammeln. Als die Ernte geborgen war, griff Preziosa nach ihrem Tamburin und sang zu dem rauschenden Geklingel folgende Romanze:

Ersten Kirchgang nach den Wochen

Hielt der Fürstinnen Europens

Größte, die nach Wert und Namen

 

Strahlet über jedem Lobe.

Wie die Augen sie emporschlug,

Hat die Herzen sie erhoben

Aller, die bewundernd schauten

Ihre Andacht, ihre Hoheit.

Und zu zeigen, daß der Himmel

Raum hat auf der Erde Boden,

Wandelt hier die Sonne Östreichs,

Dort die schmelzende Aurora.

Hinter ihr kam nachgezogen

Hell der lichte Stern des Morgens,

Der so plötzlich aufgegangen,

Daß von Tau die Himmel flossen.

Und wenn Sterne hat der Himmel,

Die umstrahlte Wagen formen,

Schönre Sterne ihrem Himmel

Hier auf irdschen Wagen folgten.

Hier der alternde Saturnus

Glättet und verjüngt den Bart sich

Und geht schnell, der sonst so langsam,

Denn von Gicht heilt ihn die Wonne.

Und der Gott der leichten Rede

Spricht in süßen Schmeichelworten;

Und in bunten Chiffren Amor,

Die Rubin und Perl' umbortet.

Dort geht Mars, der Muterfüllte,

Wunderbar herausgeputzt,

Wie ein kecker Jüngling, der sich

An dem eignen Schatten stößt.

Hart am Haus der Sonne schreitet

Jupiter; denn was erobert

Nicht das innige Vertrauen,

Das durch Klugheit wird gewonnen?

Luna folgt ihm, auf den Wangen

Mancher Menschengöttin thronend;

Venus, in den Zügen jener,

Welche diesen Himmel bilden.

Kleine, holde Ganymede

Schwärmen, drängen, gehen, kommen

Um den goldumstrahlten Gürtel

Dieses hehren Himmelsbogens.

Und damit sich alles wundre,

Alle ihr Erstaunen zollen,

Steigt die strahlende Verschwendung

Nun hinan zum Wundervollen.

Mailands reiche Prachtgewebe

Liegen hier der Menge offen,

Indiens helle Diamanten

Und Arabiens Arome.

Denen, welche bösen Sinnes,

Muß der Neid im Herzen toben,

Aber Jubel füllt den Busen

Jedes echten spanschen Sohnes.

Fliehend aus der Trauer Banden

Zieht der allgemeine Frohsinn

Durch die Straßen, durch die Plätze,

Wie auf lauten Wahnsinns Wogen.

Zu viel tausend Segenswünschen

Tut der Mund sich auf der Stille,

Und es wiederholt die Jugend,

Was das Alter ausgesprochen.

Einer spricht: „Ergiebge Rebe,

Wachs empor und schling dich eng

Her um die geliebte Ulme,

Daß ihr Schatten dich umflore,

Dir zu deinem eignen Ruhme

Und zu Spaniens Ehr und Frommen

Und zur Förderung der Kirche

Wie zum Grausen des Mahoma!“

Eine andre Stimme rufet:

„Lebe hoch, o Taube, holde,

Die für uns du hast geboren

Einen Aar mit zweien Kronen,

Zu vertreiben aus den Lüften

Jeden raubergebnen Vogel,

Mit dem Fittich zu bedecken

Jeder Tugend bange Sorgen!“

Noch ein andrer, der noch feiner

Gab des raschen Witzes Proben,

Sprach, in Augen und im Munde

Ausgedrückt das Herz, das frohe:

„Diese Perle, die du schenktest,

Östreichs Perlenmutter, große,

Wie viel List hat sie vereitelt,

Wie viel Wünsche sie gebrochen!

Was zerstört sie nicht an Ränken,

Was gewährt sie nicht an Hoffnung,

Welche Fehlgeburten treibt sie

Jetzt nicht aus dem Zeitenschoße!“

Mittlerweile kam zum Tempel

Man des Phönix, der in Roma

Hat den Flammentod bestanden

Und nun lebt in ewger Glorie.

Und zum Bild des ewgen Lebens,

Zu der Königin dort oben,

Die, weil sie in Demut wallte,

Über Sterne ward erhoben,

Zu der Mutter und der Jungfrau,

Zu der Tochter und Verlobten

Gottes hat, aufs Knie gesunken,

Margarita so begonnen:

„Was du gabst, geb ich dir wieder,

Hand zum Geben stets erschlossen,

Denn wem deine Gnade fehlet,

Der wird stets vom Weh getroffen.

Sieh, den Erstling meiner Früchte

Bring ich, Jungfrau, dir zum Opfer;

Wie sie ist, nimm hin die Gabe,

Und laß herrlicher sie sprossen.

Seinen Vater auch empfehl ich,

Der, ein Atlas, unverdrossen

Sich der Last so vieler Reiche

Beugt, so vieler fernen Zonen.

Denn ich weiß, das Herz des Königs

Ruhet in den Händen Gottes,

Und ich weiß, daß Gott nie weigert,

Was du bittest, Demutvolle!“

Als geendet diese Rede,

Haben andre sich ergossen

In Gesänge, die bewiesen,

Daß auf Erden Himmel rollen.

Als vorüber dann des Hochamts

Königliche Zeremonien,

Kehrte heim der hehre Himmel

Mit den wundervollen Sonnen.

Als Preziosa ihre Romanze beendet hatte, erhob sich aus dem glänzenden Kreis ihrer Zuhörer einstimmig der Ruf: „Singe noch einmal, Preziosa, es soll Geld absetzen wie Sand am Meer!“

Nun sahen dem Tanz der Zigeunerinnen mehr als zweihundert Personen zu, und alle lauschten ihrem Gesang, als zufällig (eben war das Gedränge am stärksten geworden) einer der Stadtschultheißen des Weges kam, und da er so viele Leute beisammen sah, fragte er, was es gäbe. Auf die Antwort, man höre der schönen Zigeunerin zu, die eben singe, trat der Schultheiß neugierig näher und horchte selbst ein Weilchen hin, wartete aber, um seiner Würde keinen Eintrag zu tun, das Ende der Romanze nicht ab. Da ihm jedoch das Mädchen außerordentlich gut gefallen hatte, befahl er seinem Pagen, der Alten zu sagen, sie möge gegen Abend mit den Zigeunerinnen in sein Haus kommen; er wünsche, daß auch seine Gemahlin, Doña Clara, sie höre. Der Page gehorchte, und die Alte versprach sich einzufinden. Als Tanz und Gesang zu Ende waren und man sich eben an einen andern Ort begeben wollte, trat ein zweiter, sehr wohl gekleideter Page zu Preziosa, gab ihr ein zusammengefaltetes Papier und sprach: „Prezioschen, singe die Romanze, die hier steht; sie ist sehr gut, und ich werde dir von Zeit zu Zeit noch andre geben, durch die du den Ruf der ersten Romanzensängerin der Welt erlangen sollst.“

„Ich werde sie mit großem Vergnügen lernen,“ entgegnete Preziosa, „und vergeßt ja nicht, mein Herr, mir auch die andern Romanzen zu bringen, von denen Ihr sprecht. Doch müssen sie anständig sein. Wollt Ihr, daß ich sie bezahle, so wollen wir nach Dutzenden miteinander abrechnen, so daß ich für ein Dutzend bezahle, wenn ich es gesungen habe. Im voraus zu zahlen ist mir unmöglich.“

„Wenn mir Jungfer Prezioschen dies schwarz auf weiß geben will,“ erwiderte der Page, „so bin ichs zufrieden, und obendrein soll eine Romanze, die nicht gut und ehrbar ausfällt, nicht gerechnet werden.“

„Die Wahl muß mir überlassen bleiben,“ antwortete Preziosa und ging mit ihren Begleiterinnen weiter, als einige Kavaliere sie aus einem Fenstergitter anriefen. Preziosa trat an das niedrige Gitter und sah in einem kühlen, freundlichen Saal mehrere vornehme Herren, von denen einige auf und ab gingen, andre sich mit allerlei Spielen unterhielten.

„Wollt ihr mir ein Aufgeld geben, meine Herren?“ fragte Preziosa mit dem lispelnden Ton der Zigeuner, der ihnen übrigens nicht natürlich, sondern künstliche Angewöhnung ist.

Da bei diesen Worten auch Preziosens Gesicht im Fenster erschien, verließen die Spieler die Tische, die Umhergehenden blieben stehn, und alle eilten sofort ans Fenster, um sie zu sehn; denn sie hatten bereits von ihr vernommen. „Kommt herein, kommt herein, ihr Zigeunerinnen,“ riefen sie, „wir wollen euch Aufgeld geben.“

„Es könnte uns teuer zu stehn kommen, wenn ihr uns da in die Falle locktet!“ antwortete Preziosa.

„Nein, auf Ritterwort,“ entgegnete einer, „du kannst getrost eintreten, Kleine, und bei dem Kreuz, das ich hier auf der Brust trage, du darfst sicher sein, daß dir niemand ein Haar krümmen wird.“ Damit legte er die Hand auf sein Calatravakreuz.

„Wenn du hinein willst, Preziosa,“ sprach eine ihrer drei Gefährtinnen, „so geh in Gottes Namen; ich für meine Person bleibe fort, wo so viel Männer sind.“

„Nicht doch! Christina,“ antwortete Preziosa. „Vor einem einzelnen Mann mußt du dich hüten, und wenn du allein bist. Sind viele beisammen, so brauchst du keine Angst zu haben, daß man dich ungebührlich behandle. Merk dirs, Christinchen, und glaube mir, wenn ein Mädchen entschlossen ist, seinen guten Ruf zu bewahren, so kann sie ihn selbst mitten in einem Heere bewahren. Freilich soll man die Versuchung fliehen, aber die geheime, nicht die öffentliche.“

„So laß uns hineingehn, Preziosa,“ erwiderte Christina; „du weißt mehr als ein Gelehrter.“

Auch die alte Zigeunerin ermunterte sie, und sie traten ein. Kaum war Preziosa drinnen, als der Herr mit dem Kreuz das Papier bemerkte, das sie im Busen stecken hatte; er trat auf sie zu und griff danach, Preziosa aber rief: „Nehmt es mir nicht, mein Herr, es ist eine Romanze, die ich in diesem Augenblick bekommen und noch nicht einmal gelesen habe.“

„So kannst du lesen, mein Kind?“ fragte einer.

„Und auch schreiben!“ entgegnete die Alte. „Ich habe meine Enkelin erzogen, als wäre sie eine Gelehrtentochter.“

Der Kavalier faltete das Papier auseinander, fand einen Goldtaler dareingewickelt und rief: „Zum Kuckuck, Preziosa, dem Brief ist das Porto gleich beigeschlossen! Da hast du einen Taler; er lag in der Romanze!“ „Gut!“ antwortete Preziosa, „der Dichter hat mich als ein armes Ding behandelt, und schließlich ist es ein größeres Wunder, daß ein Dichter mir einen Taler schenkt, als daß ich ihn nehme. Kommen all seine Romanzen mit solcher Zugabe, so mag er ruhig den ganzen Romancero ausschreiben und mir Stück für Stück schicken; ich werde ihnen schon den Puls fühlen, und sind sie hart, so will ich weich sein und sie annehmen.“

Die Zuhörer bewunderten den Witz und die Anmut ihrer Worte; sie aber fuhr fort: „Leset, mein Herr, und zwar recht laut; wir wollen sehn, ob der Witz des Dichters so groß ist wie seine Freigebigkeit.“

Und der Kavalier las vor:

Du Zigeunerin, als Rose

Aller Schönheit wohl zu preisen,

Die du wirst mit Recht geheißen,

Gleich dem Edelstein, Preziose,

Auch aus dir ist jener Rede

Richtigkeit leicht zu ersehen,

Daß stets miteinander gehen

Schönheit und die härtste Spröde.

Wenn, wie du im Wert dich hebest,

Willst die eigne Schätzung steigern,

Mußt du jeden Kauf wohl weigern

Dem Geschlecht, in dem du lebest.

Traun, ein Basiliske nistet

Dir im Herzen, der uns tötet,

Und so weich dein Mund auch flötet,

Ists doch Herrschaft, was dich lüstet.

Unter armen Bettlern war es,

Daß solch Lichtbild ward geboren?

Wie zu solchem Glück erkoren

Ward der stille Manzanares?

Ja, in hellen Ruhms Geleite

Wird er jetzt, wie Tajo, fließen,

Um Preziosa mehr gepriesen

Als des Ganges Meeresbreite.

Wohl willst Glück voraus du sehen,

Doch du kannst nur Unglück bringen,

Da nach zwei verschiednen Dingen

Blick bei dir und Wille gehen.

Denn in der Gefahr, der großen,

Daß wir unverweilt dir huldgen,

Will dein Wille dich entschuldgen,

Doch dein Blick will uns durchstoßen.

Sagt man, daß im Zauber mächtig

Sämtliche Zigeuner seien,

So sind deine Zaubereien

Wahrer und mehr unheilsträchtig.

Daß du alle hast am Fädchen,

Die dir jemals nah gewesen,

Dieses Zaubers böses Wesen

Liegt in deinem Aug, o Mädchen.

Und du wirst es weiter bringen,

Denn du blickst uns an im Tanze,

Tötest mit des Auges Glanze

Und bezauberst uns im Singen.

Tausend Zauberein zusammen

Übst im Sprechen du und Schweigen;

Magst verstecken dich, dich zeigen,

Immer schürst du unsre Flammen.

Selbst die allerfreisten Seelen

Werden dir als Sklaven eigen,

Davon kann die meine zeugen,

Folgend deines Winks Befehlen.

Köstliches Juwel der Liebe,

Dieses wagte der zu schreiben,

Der, im Tod selbst, dein wird bleiben,

Arm zwar, doch mit reinem Triebe.

„Mit ‚arm‘ fängt die letzte Zeile an,“ sagte Preziosa, „das ist ein schlimmes Zeichen; Verliebte sollten nie sagen, daß sie arm sind, denn am Anfang, scheint mir, ist die Armut eine große Feindin der Liebe.“

„Wer hat dich das gelehrt, Kind?“ fragte einer.

„Wer brauchte es mich zu lehren?“ antwortete Preziosa. „Habe ich keine Seele im Leibe? Bin ich nicht schon fünfzehn Jahre alt? Mein Verstand ist weder lahm noch verstümmelt noch verkrüppelt. Die Köpfe der Zigeunerinnen stehen unter einem andern Stern als die der übrigen Leute; sie sind ihren Jahren immer voraus. Es gibt keinen dummen Zigeuner und keine linkische Zigeunerin. Da sie ihren Lebensunterhalt nur durch Schlauheit, Scharfsinn und List verdienen, so schleifen sie den Verstand bei jedem Schritt und lassen nirgends Rost daran. Seht meine jungen Begleiterinnen, die stehn so still da wie die Rohrkolben. Steckt ihnen aber einmal den Finger in den Mund und fühlt nach den Weisheitszähnen, so sollt ihr euer Wunder erleben. Keine Zigeunerin von zwölf Jahren, die nicht so viel wüßte wie ein andres Mädchen von fünfundzwanzig, denn sie haben zum Meister und Lehrer den Teufel und die Übung, die ihnen in einer Stunde beibringen, woran andere ein Jahr studieren.“

 

Durch solche Reden setzte das Mädchen ihre Zuhörer in Verwunderung, und alle, ob sie spielten oder nicht, gaben Kartengeld. Die Büchse der Alten wurde um dreißig Realen schwerer, und reicher und besser gelaunt als am Palmsonntag sammelte sie ihre Lämmer und führte sie ins Haus des Herrn Stadtschultheißen, indem sie versprach, sie würde nächster Tage mit ihrer Herde wiederkommen, um den freigebigen Herren noch einmal aufzuwarten.

Señora Doña Clara, die Frau des Herrn Stadtschultheißen, war bereits benachrichtigt, daß die jungen Zigeunerinnen in ihr Haus kommen würden, und mit ihren Mädchen und Jungfern und denen der Frau Nachbarin, die sich alle versammelt hatten, um Preziosa zu sehn, harrte sie ihrer voller Ungeduld. Kaum aber waren sie eingetreten, so strahlte Preziosa unter den übrigen hervor wie das Licht einer Fackel unter kleinen Lampen. Darum lief ihr alles entgegen; die einen umarmten sie, die andern betrachteten sie, diese wünschten den Segen des Himmels auf sie herab, und jene ergossen sich in Lobeserhebungen.

„Ja,“ rief Doña Clara, „das nenne ich goldene Haare, das nenne ich Azuraugen!“

Die Frau Nachbarin ging sie prüfend von oben bis unten durch, unterwarf all ihre Glieder und Gelenke einer Besichtigung, kam schließlich mit ihrem Lobe zu einem Grübchen in Preziosens Kinn und rief: „Welch ein Grübchen! In diese Grube muß ja jedes Auge fallen, das sie sieht!“

Dies hörte ein langbärtiger, hochbejahrter Kavalier der Doña Clara, der anwesend war, und sagte: „Das nennen Euer Gnaden ein Grübchen? Ich müßte mich schlecht auf Gruben verstehen, wenn dies ein Grübchen ist und nicht vielmehr ein Grab lebendiger Wünsche. Bei Gott, die Kleine könnte nicht niedlicher sein, und wenn sie aus Silber oder Marzipan wäre. Kannst du auch wahrsagen Kleine?“

„Auf drei- bis viererlei Arten,“ erwiderte Preziosa.

„Das auch noch!“ rief Doña Clara. „Beim Leben des Stadtschultheißen, meines Gemahls, du sollst mir wahrsagen, Goldkind, Silberkind, Perlenkind, Karfunkelkind, Himmelskind! Das ist der höchste Name, den ich für dich finde.“

„Gebt der Kleinen die Hand und etwas, womit sie das Kreuz machen kann,“ sagte die Alte, „und man wird sehn, was sie zu sagen weiß, denn sie versteht mehr als ein Doktor der Heilkunst.“

Die Frau Stadtschultheiß griff in die Tasche, fand aber keinen Quarto darin; sie bat ihre Mädchen um einen Viertelreal, doch keine vermochte einen aufzufinden, und ebensowenig die Frau Nachbarin. Als Preziosa das sah, rief sie: „Jedes Kreuz, wenn es nur ein Kreuz ist, taugt; die silbernen oder goldenen aber sind besser, und ich darf Euer Gnaden nicht vorenthalten, daß es dem Glücke schadet, wenn man auf der Hand das Zeichen des Kreuzes mit einem Kupferstück macht, wenigstens wenn ich es tue. Daher mache ich das erste Kreuz gar gern mit einem Goldtaler oder doch mit einem schweren oder leichten Real; ich bin wie die Küster, die sich freuen, wenn ein großes Opfergeld fällt.“

„Du bist nicht auf den Kopf gefallen, Kleine,“ bemerkte die Frau Nachbarin, wandte sich an den Kavalier und fragte: „Herr Contreras, habt Ihr nicht einen leichten Real zur Hand? Gebt ihn mir! Sobald mein Mann, der Doktor, kommt, gebe ich ihn Euch zurück.“

„Ich habe wohl einen,“ erwiderte Contreras, „aber ich habe ihn für zweiundzwanzig Maravedis versetzt, um die ich gestern zu Nacht gespeist; gebt mir so viel, und ich will ihn auf der Stelle holen.“

„Wir alle haben keinen Viertelreal,“ entgegnete Doña Clara, „und Ihr wollt zweiundzwanzig Maravedis? Geht, Contreras, Ihr wart immer ein alberner Kerl.“

Endlich sagte ein Mädchen, da das ganze Haus so unfruchtbar blieb, zu Preziosa: „Kleine, schadet es denn, wenn man das Kreuz mit einem silbernen Fingerhut macht?“

„Im Gegenteil,“ erwiderte Preziosa, „das größte Kreuz in der Welt wird mit silbernen Fingerhüten gemacht, wie gar mancher weiß!“

„Ich habe einen;“ versetzte das Mädchen, „tut er die gleichen Dienste, so nimm ihn, jedoch unter der Bedingung, daß du auch mir Glück prophezeist.“

„Für einen Fingerhut so viel Glück!“ rief die Alte. „Töchterchen, tummle dich, es wird Nacht!“

Preziosa nahm den Fingerhut sowie die Hand der Frau Stadtschultheiß und begann also:

Schönes Weibchen, schönes Weibchen,

Mit der Hand aus Silberplatten,

Nicht den Alpujarrenkönig

Liebt wie dich dein treuer Gatte.

Bist ein Täubchen ohne Galle,

Aber oft auch bist du flammend

Wie die Löwenmutter Orans,

Wie die Tigerin Ocañas.

Doch eh man die Hand umdrehet,

Ist der Sturm vorbeigegangen,

Und du bist wie Gerstenzucker,

Gleichst an Sanftmut einem Lamme.

Zankest viel und issest wenig,

Etwas Eifersucht auch hast du,

Denn der Schultheiß liebt sein Späßchen,

Ob er auch nach Würde trachtet.

Dich als Mädchen schon begehrte

Einer von gar feinem Ansehn,

Doch zum Henker mit den Kupplern,

Die des Hauses Frieden schaden.

Wärst du etwa Nonne worden,

Würdst du ganz im Kloster schalten,

Denn du hast zu der Äbtissin

Mehr wohl als vierhundert Gaben.

Sollt es eigentlich nicht kundtun,

Doch gleichviel, es muß zutage:

Zweimal wirst du Wittib werden,

Zweimal wirst du wieder Gattin.

Weine nicht, o meine Herrin,

Evangelium ist nicht alles,

Was Zigeunerinnen sprechen,

Weine nicht, sei ruhig, Herrin.

Würdest du vom Tod gefordert

Vor dem Schultheiß, dem Gemahle,

So genügt dies, dich vor schlimmem

Witwenstande zu bewahren.

Erben wirst du, und zwar nächstens,

Ein bedeutendes Vermögen;

Domherr wird dein Sohn einst werden,

Welcher Kirch, ist schwer zu sagen,

Doch unmöglich in Toledo.

Wirst gebären, rot von Wangen,

Eine Tochter: wird sie Nonne,

Wird sie wohl auch einst Prälatin.

Wenn dein Gatte nicht verscheidet

Noch im Lauf von dreißig Tagen,

So bekommt ihn noch zum Richter

Burgos oder Salamanka.

Hast ein Muttermal! wie lieblich!

Jesus! wie der Mond so glanzhell!

Welch ein Glanz! bei Antipoden

Dringt er noch in dunkle Tale!

Ihn zu sehn gäb mancher Blinder

Mehr als einen halben Taler!

Und jetzt lächelst du darüber;

Ah, wie steht dir das so artig!

Aber hüte dich, zu stürzen,

Und nach hinten zu vor allem;

Denn solch Fallen ist gefährlich

Für die angesehnen Damen.

Vieles gäbs noch auszusprechen;

Willst du bis zum Freitag warten,

Wirst du's hören und dich freuen,

Doch auch grollen über manches.

Damit schloß Preziosa ihre Prophezeiung, die in allen Anwesenden den Wunsch geweckt hatte, gleichfalls ihr Glück zu erfahren. Daher baten sie insgesamt, auch ihnen wahrzusagen, aber Preziosa verwies sie auf den kommenden Freitag, und sie versprachen, Silberrealen zur Zeichnung des Kreuzes mitzubringen. Unterdes kam der Herr Stadtschultheiß, dem man von der kleinen Zigeunerin Wunder über Wunder erzählte. Er ließ sie und ihre Gefährtinnen ein wenig tanzen, erklärte das Preziosa erteilte Lob für gerecht und verdient, fuhr mit der Hand in die Tasche und machte Miene, ihr etwas zu geben. Als er die Tasche jedoch zu wiederholten Malen durchstöbert, gerüttelt und geschüttelt hatte, zog er endlich die Hand leer heraus und rief: „Bei Gott, ich habe keinen Quarto! Doña Clara, gebt Ihr doch Prezioschen einen Real, ich werde ihn Euch wiedergeben.“

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