Loe raamatut: «Schimpfen? Es geht auch anders!»

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Erik Sigsgaard
Schimpfen?

Es geht auch anders!

Übersetzung aus dem Dänischen von Christian Andersen


Illustrationen von Eva Denk

Renate Götz Verlag

Titel der Originalausgabe:

Skæld mindre ud

© by Hans Reitzels Forlag, Sjæleboderne 2, DK-1122 København K, 2007

Autor: Erik Sigsgaard, Dänemark

Aus dem Dänischen übersetzt von Christian Andersen Alle Rechte an der Übertragung ins Deutsche bei Renate Götz Verlag, A-2731 Dörfles, Römerweg 6

Deutsche Erstausgabe März 2012

Copyright © by Renate Götz Verlag

A-2731 Dörfles, Römerweg 6

e-mail: info@rgverlag.com

www.rgverlag.com

Bildnachweis

Foto des Autors © by Jo Selsing

Cover Seite 1 unter Verwendung des Fotos „bekümmert“ © by Eduard Risavy Illustrationen, Layout, Cover- und Gesamtgestaltung

© by outLINE|grafik Eva Denk . A-2340 Mödling . www.outlinegrafik.at Produktion: Druckerei Paul Gerin . Wolkersdorf . www.gerin.co.at Printed in Austria

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Kopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfäl-tigt oder verbreitet werden.

ISBN Printausgabe 978-3-902625-26-7

ISBN EBook 978-3-902625-26-7

Anmerkungen des Verlages

Im Sinne einer guten Lesbarkeit wurde auf gendergerechte Schreibweise wie PädagogInnen, TeilnehmerInnen usw. verzichtet, es mögen sich aber bitte jeweils weibliche und männliche Personen angesprochen fühlen.

Der Begriff Schimpfen umfasst neben dem direkten Gebrauch von Schimpfworten auch verschiedene Arten von wenig zielführendem oder respektlosem Umgang mit anderen, wie zum Beispiel: anbrüllen, fluchen, maßregeln, niedermachen, rügen, schmähen, tadeln oder zurechtweisen, um nur einige zu nennen.

Einleitung

Worum geht es in diesem Buch? Um Erziehung – könnte man sagen.

Vielleicht ist es aber besser zu sagen, dass sich das Buch mit der Beziehung zwischen Kindern und Eltern beschäftigt. Im Mittelpunkt stehen Geschichten, die von Kindern und ihren Eltern handeln. In anderen erzähle ich von der Beziehung zwischen Kindern oder zwischen Kindern und anderen Erwachsenen.

Im Buch finden Sie viele „gute Geschichten“. Ich sammle Geschichten, so wie andere Fotos sammeln. Sie handeln davon, wie es unseren Kindern und uns geht. Auch wenn manche Geschichten lustig sein mögen, wurden sie vielmehr ausgewählt, weil sie über das Kind, den Erwachsenen, die Beziehung zwischen ihnen, die Zeit und die Gesellschaft Auskunft geben. Und was teilen sie uns mit? Ja, das kommt darauf an, wer sie interpretiert.

Und in diesem Fall werde ich, Erik Sigsgaard, die Geschichten interpretieren. Ich bin dänischer Lehrer und Magister der Pädagogik, habe Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche sowie angehende Kindergartenpä dagogen unterrichtet und schreibe Bücher. Ich habe einen Vorstandsposten in einem dänischen Kindertheater und in der heilpädagogischen Institution Ved Stranden. Außerdem bin ich Forscher. Ich habe erforscht, was es bedeutet, wenn man davon spricht, dass Kinder „Grenzen“

bräuchten, und wie es Kindern damit geht. Ich habe auch erforscht, was Kinder brauchen, um Lesen zu lernen, wann sie schulreif sind und was einen guten Kindergarten ausmacht. Derzeit arbeite ich an einem skandinavischen Forschungsprojekt zum kindlichen Nein und was es bei Erwachsenen auslöst.

2002 habe ich ein Forschungsprojekt zum Thema Schimpfen als Mittel für Sanktionen in der Erziehung abgeschlossen. Das dabei in dänischer Sprache erschienene Buch Quelle 1 machte auf ein bis dahin nicht beachtetes Thema aufmerksam: wie Kinder in Kindergärten und Schulen gescholten werden. Über Schimpfen als Erziehungsmittel wurde früher kaum gesprochen, es wurde nicht einmal in Nachschlagewerken der Erziehungs wissenschaften genannt. Heute fragen junge dänische Pädagogen bei einem Bewerbungsgespräch in einem Kindergarten, wie oft mit Kindern geschimpft wird, und Eltern achten besonders auf die Stimmung in Kindergarten und Schule. Die Umgangsformen sind eben wichtiger als schön formulierte pädagogische Ziele. Obwohl ich mich vor allem an Pädagogen wandte und den Alltag in Kindergärten behandelte, haben auch viele Eltern das Buch gelesen und mich aufgefordert, ein weiteres Buch zu schreiben, das sich an Eltern wendet. Hier ist es.

Ob ein Kind eine Schule oder einen Kindergarten besucht, in dem wenig gescholten wird, ist unglaublich wichtig. Nur eines ist wichtiger: wie es dem Kind zu Hause geht. Davon handelt dieses Buch. Kinder, denen es zu Hause gut geht, fühlen sich auch in Schule und Kindergarten wohl und umgekehrt. Geschimpft zu werden gehört zum Schlimmsten, was einem passieren kann. Auch viele Eltern sehen das so. Ich habe im Rahmen eines Projektes mit Eltern gearbeitet, die lernen wollten, weniger zu schimpfen. Kennen Sie jemanden, der sich vorgenommen hat, seine Kinder am nächsten Tag mehr zu schimpfen? Wohl kaum. Wir wollen wohl alle weniger schimpfen und darum geht es in diesem Buch.

Es dreht sich also nicht darum, jetzt und auf der Stelle das Schimpfen einzustellen. Vielmehr geht es um einen langwierigen und anhaltenden Veränderungs prozess. Setzen Sie sich kleine, erreichbare Ziele: seltener und nicht so heftig zu schimpfen. Entschuldigen Sie sich bei Ihrem Kind, wenn Sie doch zu laut geworden sind. Wenn Sie den ersten Schritt getan haben, dann schreitet die Entwicklung schon voran. Daran sind sowohl Eltern als auch Kinder interessiert.

Übertreibe ich nicht, wenn ich ein ganzes Buch dem Schimpfen widme? Der Alltag in der Familie hat ja auch andere Seiten. Stimmt. Deshalb habe ich das Buch auch viel breiter angelegt. Aber die Häufigkeit und Heftigkeit von Schimpfen und Ermahnungen ist ein guter Indikator dafür, wie es den Familienmitgliedern miteinander geht.

Zurück zu den Geschichten. Im Laufe der Jahre habe ich mehr als 1.000 inspirierende Episoden gesammelt. Für dieses Buch habe ich etwa 100 ausgewählt. Diese Methode habe ich nicht selbst erfunden. Jean Piaget, der große Biologe und Psychologe, hat das Gleiche gemacht, um seine Theorie über die Entwicklung von Kindern aufzustellen. So wie der Imker den Honig aus den Waben schleudert, ziehe ich eine Theorie aus den Geschichten. Die Geschichten sind also nicht Beispiele, die die Theorie illustrieren. Vielmehr habe ich aus den Geschichten die Theorie gewonnen.

Die Geschichten erzählen von Kindern und Eltern, die ich kenne, unter anderem davon, wie ich meine Kinder „erzogen“ habe. So wie die Eltern in den anderen Geschichten habe ich mich auch nicht immer gleich geschickt angestellt. Unglaublich, wie oft ich etwas Dummes getan oder gesagt habe! Zum Glück sind Kinder nicht sonderlich nachtragend und Meister der Vergebung. Außerdem kann man ja aus den eigenen Dummheiten lernen, wenn man sie bemerkt. Normalerweise machen uns Kin der auf unsere Fehler aufmerksam, wenn wir ihnen zuhören. Vielleicht hilft Ihnen dabei ja auch Ihre Ehefrau oder Ihr Ehemann.

Sie werden in diesem Buch immer wieder gelb hinterlegte Kästchen finden, in denen Forschungsergebnisse anderer in aller Kürze präsentiert werden. Im Zentrum bisheriger Forschung stand vor allem die körperliche Strafe, weil sie als schädlicher eingeschätzt wurde. Aber auch das Schimpfen wurde erforscht. Ich möchte mich für die Recherchen bei den Forschungsförderungsfonds der Gewerkschaften SL (Socialpædago gernes Landsforbund), BUPL (Forbundet for pædagoger og klubfolk) und FOA (Fag og arbejde) bedanken. Mag. Søren Pedersen hat mit der Bearbeitung vor allem quantitativer Forschungsergebnisse und der Erstellung von Fragebögen einen wichtigen Beitrag geleistet.

Meine Forschung habe ich im Zentrum für Institutionsforschung an der Universität UCC Kopenhagen durchgeführt.

Ich will mich bei allen bedanken, die mir mit den Geschichten geholfen haben. Vor allem bei meinem Sohn Asbjørn und meiner klugen Frau Marianne, mit der ich laufend Analysen durchgeführt und Ideen diskutiert habe. Weiters bei meinen Kollegen Ulla Liberg, Henning Kopart, Heidi Hansen und all jenen, die mich beim Projekt Schimpfen unterstützt haben. Vielen Dank an Anne Lindegaard vom University College Lillebelt, die Geschichten ihrer Schüler zum Thema Schimpfen gesammelt hat. Die Lektorin Anne Grete Holtoug unterstützte mich durch gute kritische und kreative Rückmeldungen.

Eine Mutter erzählte ihrer sechsjährigen Tochter, dass sie einen Vortrag besuchen wolle. „Worüber?“, fragte die Tochter. „Schimpfen, weil Kinder meinen, dass es nichts Schlimmeres gibt.“ „Aber Mutter, du weißt schon, was das ALLERschlimmste ist?“ „Nein.“ „Wenn jemand mit mir schimpft, der Kaffee trinkt und raucht!“

Viel Spaß beim Lesen

Erik Sigsgaard

März 2012

Kapitel 1
Wann werden
Kinder gescholten?

„Keine Lebensart ist so kindisch und närrisch als die Lebensart nach Schnur und Uhr.“

Michel de Montaigne (1580) Quelle 2

Will man seltener schimpfen, ist es wohl gut, zuerst zu untersuchen, in welchen Situationen man am meisten mit jemandem schimpft, um dort zu beginnen. Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Manche schreck en sich über dies, andere werden wütend über das. Aber es gibt wohl auch Gemeinsamkeiten. Mit Kindern wird oft geschimpft:

 wenn sie körperlich aktiv sind

 wenn ihre Handlungen gegen übliche Regeln und Normen verstoßen

 wenn sie ihren Willen durchsetzen wollen

 wenn sie fragen und stören.

In diesem Kapitel begegnen uns Kinder zwischen acht Monaten und 15 Jahren, ihre Eltern und andere Bezugspersonen.

Körper und Lebenshunger
Mach Platz für die Freude

Andreas war zwei Jahre alt. Er saß am Boden. Plötzlich rief er: „Es ist wieder so weit!“ Schon stand er auf und lief im Raum herum. Immer schneller und weiter.

Was war da wohl so weit? Vielleicht war es der Lebenshunger, der sich bemerkbar machte. Die Freude am Leben kann so groß sein, dass sie kaum Platz hat im Körper eines Zweijährigen, und dann muss man eben laufen.

Zum Glück hat Andreas eine Mutter, die sehen kann, wann ihn der Lebenshunger packt, und ihm genug Raum für seine freudigen Ausbrüche lässt.

Die Tagesmutter und der Kindergarten wollen ihm diesen Platz sicher auch geben. Aber wenn viele Kinder wenige Quadratmeter teilen müssen, dann kann es bei Freudensprüngen schon eng werden.

Die Dreijährige lief quer durch das Wohnzimmer und blieb plötzlich stehen: „Darf ich hier laufen?“ „Ja natürlich“, antwortete die Mutter, „wo darf man denn nicht laufen?“ „Im Kindergarten. Man darf auch keinen Lärm machen. Weil dort keine Männer sind.“

Früher mussten Kinder mit frisch gekämmtem Haar still sitzen und sich verneigen. Oft aber waren sie unter sich, konnten laut sein, laufen, küssen und raufen. Heutzutage sind fast immer Erwachsene in der Nähe. Die Freiheit, die Kinder früher hatten, muss ihnen heute erst gewährt werden.

Sie brauchen die Erlaubnis der Erwachsenen.

Zum Glück erlauben Eltern ihren Kindern heute mehr als früher. Stellen Sie sich vor, wenn Kinder weder zu Hause noch im Kindergarten laufen und laut sein dürften. Was sollten sie bloß mit ihrer Freude, ihrem Zorn und ihrer Kraft anstellen? Die meisten würden diese Regeln brechen und würden dafür häufig gescholten.

Kinder genießen die Ruhe bei Kerzenschein und eine gemütliche Jause [Jause = Imbiss, Pausenbrot]. Wenn aber der ganze Tag ruhig und besinnlich zu sein hat, was ist dann mit dem Körper?

Ich weiß kaum etwas über meinen Großvater. Mit Dreißig war er Bürgermeister, fuhr mit seiner Kutsche durch die Stadt und kam mit jedem ins Gespräch. Seine Kinder durften von Zeit zu Zeit in seinem Bett schlafen.

Das weiß ich, weil mein Vater mir erzählte, wie er mit zehn Jahren meinen Großvater wecken wollte, dieser jedoch kalt war. Es muss ein Schock für meinen Vater gewesen sein. Vielleicht war er deshalb nicht in der Lage, mir mehr von meinem Großvater zu erzählen. Mein Onkel erzählte mir 1988, wie schön es am Hof meines Großvaters war. Er konnte sich noch immer mit Freude daran erinnern, wie sich mein Großvater unter dem Esstisch versteckte und furchterregendes Löwengebrüll ausstieß. Das muss etwa 1914 gewesen sein, kurz vor Großvaters Tod.

Wie ist das wohl heute? Dürfen Zehnjährige ab und zu bei uns im Bett schlafen? Verwandeln wir uns manchmal in furchterregende Ungeheuer, vor denen unsere Kinder lustvoll flüchten können?

Ob es jetzt mehr Eltern gibt, die das tun? Darüber wissen wir nichts.

Wir können es nur hoffen.

Wir waren gut drauf

Asbjørn, fünf Jahre alt, kam eines Tages vom Kindergarten heim. Er war bestens aufgelegt, fast übermütig. Er konnte es gar nicht erwarten, vom Kindergarten zu erzählen: „Wir haben ein lustiges Spiel gespielt.

Wir haben uns immer auf die Polster gestürzt und Katja war auch dabei.

Das war so lustig und die Erwachsenen haben gar nichts gesagt. Wir waren gut drauf!“

Keine „Grenzen“. Kein „Seid mal still!“ Der Kindergarten war kurze Zeit keine Institution mehr sondern einfach … ein Kinder-Garten, in dem Kinder leben, wachsen und gedeihen. Sie durften sich entfalten, weil niemand sie ermahnte, sich zurückzuhalten oder zum Essen zu kommen.

Die Kinder konnten sich fallen lassen, Asbjørns Freundin Katja war auch dabei und nichts störte dieses wunderschöne Spiel.

Das Kindergartenpersonal weiß sicher, dass es nicht einfach ist, ein Kindergartenkind zu sein. Es gibt so viele Ge- und Verbote, die für Kinder belastend sein können. Wenn sie ab und zu einfach das tun dürfen, was sie wollen, dann kann nicht von Laisser-faire die Rede sein. Es ist vielmehr ein Ausdruck dafür, dass sich das Personal um die mentale Gesundheit der Kinder kümmert. Davon profitieren alle Kinder, vor allem natürlich die, denen zu Hause diese Freiheit nicht gewährt wird.

Ein guter Mensch

Karl saß beim Frühstück und plauderte mit seiner Mutter. Kurze Nachdenkpause, dann kam es: „Manchmal, wenn ich nicht gut schlafen kann, meint mein Körper, dass ich kein guter Mensch bin.“

Mutter: „Ist es nicht dein Kopf, der das meint?“

Karl: „Nein – es ist mein Körper.“

Karl war fast sechseinhalb. Er ging in eine andere Schule als sein guter Freund Jesper, wodurch er ihn fast aus den Augen verloren hätte. Nach dem ersten Schuljahr arrangierten die Eltern der beiden Burschen ein erstes Wiedersehen. Karl freute sich, genau wie Jesper. Als Jesper ihn mit den Fäusten schlug, war er enttäuscht. Am nächsten Morgen sprach Karl nochmals mit seiner Mutter darüber: „Sein Körper meint vielleicht auch, dass er kein guter Mensch ist, und er hat vielleicht Angst davor, dass ich das auch so sehe.“

Bald danach erzählte eine Freundin der Familie von einem Gespräch mit ihrem Sohn über Träume und Fantasien. Er schaute nachdenklich aus und sie fragte ihn: „Woran denkst du in deinem Kopf?“

„Ich denke nicht mit dem Kopf. Ich denke mit allem“, sagte er und machte mit einer Hand eine große Kreisbewegung, die den ganzen Körper umfasste.

Die Aussagen der beiden Jungen passen zu dem, was die hervorragenden Theoretiker Pierre Bourdieu und Maurice Merleau-Ponty zur Bedeutung des Leibes für Erfahrungen, Gefühle und Denken sagen. Quelle 3 Im Gegensatz dazu steht der sogenannte „Hausverstand“, der besagt, dass zwischen dem Theoretischen und dem Praktischen, dem Musischen und dem Technischen zu unterscheiden sei und dass das Theoretische Vorrang vor dem Praktischen habe.

Erwachsene können zum Ausdruck bringen, dass ihnen etwas das Herz bricht oder dass ihnen etwas schwer im Magen liegt. Die Aussagen der Kinder gehen noch weiter.

Sowohl Erwachsene als auch Kinder erleben die Welt mit ihrem Körper. Keine Erfahrung ist ohne den Körper möglich. Bei vielen Konflikten in der Erziehung spielt der Körper eine wichtige Rolle. Es ist die Hand, die die Tasse auf dem Tisch abstellt, und es ist der Darm, der eine lange Kack schlange macht, um die es in einer späteren Geschichte geht. Es ge schieht immer wieder, dass man sich im eigenen Körper nicht wohlfühlt, und manchmal macht er etwas gegen den Willen des Kopfes. Der Kopf sagt: „Ich will sein wie eine liebe Katze oder wie die warme Sonne.“

Aber der Körper schlägt einfach zu und trifft den besten Freund am Kopf.

Kinder sind bemüht, gute Menschen zu sein, und oft haben sie den Eindruck, daran zu scheitern. Das kann daran liegen, dass sie, was unvermeidbar ist, die Gefühle anderer verletzen, indem sie jemandem die Freundschaft ausschlagen oder jemanden verlassen, Erwartungen anderer enttäuschen oder sich abgrenzen: Das ist unvermeidbar und gehört zum Leben dazu. Für ein junges, empfindsames Kind, das sich an solche Erfahrungen noch nicht gewöhnt hat, kann das sehr schmerzhaft sein.

Dazu kommen vielleicht noch Scham und ein schlechtes Gewissen, das ihm in der Erziehung eingeimpft wurde.

Vielleicht sollten Erwachsene sich nicht so viel damit beschäftigen, Kinder zu besseren Menschen erziehen zu wollen. Würden wir einen guten Umgang mit unseren nahen und fernen Mitmenschen pflegen, hätten unsere Kinder bessere Vorbilder.

Und die Erwachsenen könnten sich entspannen und besser schlafen.

Cheerleader

Eine 15-jährige Schülerin erzählt:

„Wir jubelten, feuerten an und schrien uns die Seele aus dem Leib. Am Sporttag durften wir endlich, was sonst immer verboten ist.“

Zwanzigtausend Stunden ist dieses Mädchen in Kindergarten und Schule gegangen, ohne schreien zu dürfen. Endlich kam der Sporttag, an dem Lehrer nicht mehr Lehrer und Schüler nicht Schüler waren. Sie waren vereint und schrien sich für ihr Team „die Seele aus dem Leib“!

Das tut man nicht
Kackschlange

Der fünfjährige Jakob schaute begeistert in die Kloschüssel: „Schau mal! Die Wurst hat einen Kopf und auf der Seite ist ein Auge. Das ist eine Kackschlange. Ich habe eine Kackschlange gemacht!“

Das ist echte Schaffensfreude. Oft habe ich Kinder gehört, die sich so gefreut haben. Schau, was ich kann! Der Mensch erschafft Neues und hinterlässt Spuren: eine Burg in der Sandkiste, Graffiti, frisch gepflanzte Mohrrüben, eine Kackschlange. Neues zu erschaffen macht Freude.

Jakob lässt seiner Freude freien Lauf, kommt gar nicht auf die Idee, dass sie stinken könnte oder ekelig wäre. Er hat – noch – ein naives und unkompliziertes Verhältnis zu seinem Körper.

Und das ist wahrlich nicht selbstverständlich. Ein vierjähriges Mädchen geht im Kindergarten aufs Klo. Nachdem es fertig ist, schaut ein Erwachsener in die Kloschüssel und sagt: „Igitt, ist dein Pipi aber ekelig!“

Danach geht das Mädchen im Kindergarten nie wieder aufs Klo. Eine unüberlegte Bemerkung mit Konsequenzen. „Wenn mein Pipi so ekelig ist, dann bin ich es wohl auch“, mag es sich gedacht haben. Das vierjährige Mädchen verteidigt sich und schützt sein Schamgefühl, indem es das Klo des Kindergartens nicht mehr benutzt. Seither sind 31 Jahre vergangen. Dass wir von den Konsequenzen dieser unüberlegten Bemerkung erfahren, verdanken wir der heute 35-jährigen Frau.

Mütter, Väter und Pädagogen müssen ihre Worte mit Bedacht wählen, wenn das fünfjährige Kind stolz von seiner Kackschlange erzählt. Das kann schon richtig schwerfallen. Vor allem, wenn man selbst „gelernt“

hat, Pipi und Kacke als ekelig anzusehen und nicht darüber zu sprechen.

Meine Großmutter sagte noch: „Ich muss dorthin, wo auch der Kaiser zu Fuß hingeht.“

Das brauche ich

Drei Tage hatte er seine Mutter nicht gesehen. Für einen Dreijährigen ist das eine lange Zeit. Als er sie wieder sah, streichelte er unentwegt ihre Brüste. „Das darf ich. Das brauche ich“, sagte er ernst.

Mutters Brust gibt Geborgenheit. „Das darf ich“, sagt der Dreijährige, weil er das nur dann darf, wenn keine Fremden in der Nähe sind. Genau dann, wenn er es am dringendsten braucht, darf er sie nicht anfassen.

Das dreijährige Kind wird manchmal klein, schluchzt, nuckelt und streichelt Mutters Brust. Manchmal muss es klein sein dürfen, um wachsen zu können. Sich der Welt zuzuwenden erfordert Mut und es fällt leichter, wenn man sich in den schützenden Schoß der Mutter zurückziehen kann.

Der Mut schwindet, wenn Trost nur streng rationiert zur Verfügung steht.

Befreiung fällt schwer, wenn man sich nicht jederzeit in schützende Arme fallen lassen kann. Wenn unser Dreijähriger immer wieder erfährt, dass er in der Öffentlichkeit nicht Schutz suchen darf, dann lernt er sich zu schämen und distanziert sich von seinen Bedürfnissen.

Seine Mutter sagt: „ Ich mag das nicht, wenn wir nicht alleine sind.“

Damit bringt sie zum Ausdruck, dass es nicht an ihm liegt.