Loe raamatut: «Der Heilige mit der roten Schnur», lehekülg 2

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Aber die Weisheit und die Melancholie in den Augen des Jungen waren schwer, nur schwer erträglich für seine Mutter, die ein paar Tage lang ihrem Kind nicht in die Augen sehen konnte, wenn sie ihm die Stirn küsste oder ihn fest im Arm hielt. Ich bin sicher, du willst erfahren, welches Wunder der kleine Taush von seiner einsamen Pilgerschaft mitbrachte, ich werde dich also nicht zu lange warten lassen. Seine Mutter sah zu allererst es ihn vollbringen, während sie auf der Treppe vor dem Haus saß und ihre Beine, Arme und ihren Rücken ausruhte, dabei an Taush dachte und an ihren Mann und an alles, was war, und alles, was sein würde, da sah sie ein dickes Insekt aus dem Flug auf der Schulter des kleinen Taush landen, und es berührte sein rechtes Ohr mit seinen Fühlern. Taush ließ sein kindliches Spiel sein und die Frau sah wieder seine Augen, tief wie Wasser und weise wie der Himmel. Der Junge stand auf und ging durch das Tor auf die Straße und von dort ging er durch die verwinkelten Gassen von Gaisterştat. Die Frau erhob sich eilig und folgte ihm aus Angst, das Kind würde wieder davonlaufen, denn Tränen hatte sie wohl keine mehr zum Vergießen. Aber Taush verließ die Festung nicht, sondern hielt vor dem Haus des Bäckermeisters Bruit, der drei Töchter und drei Söhne hatte, ging ins Haus, ohne an die Tür zu klopfen, und stieg hinauf in das Zimmer des Hausherrn. Seine Mutter eilte ihm nach und ging ebenfalls in das Haus und bat nach allen Seiten um Entschuldigung bei denen, die in den Zimmern und Fluren beieinanderstanden, und versprach, eilends ihren Jungen aus dem Haus der fremden Leute zu holen. Aber als sie oben ankam, fand sie den kleinen Taush am Bett des Bäckers. Der war ganz weiß und fröstelte und war eingehüllt in Decken, als sollten sie seine Eingeweide im Gleichgewicht halten, als läge er also im Sterben.

Die Frau schämte sich und zerrte an Taush und fragte, was er glaubte, im Haus eines Kranken zu schaffen zu haben, dass er ihm die Ruhe vor der Ruhe störe. Taush antwortete nicht, wir wissen ja, er sprach noch nicht, auch mit sieben nicht, sondern er zog nur sein Hemd aus und fing an, mit den Fingern in seinem Bauchnabel zu wühlen. Die Familie des Moribunden betrachtete ihn verwundert und verängstigt, die Frau schämte sich noch mehr, aber noch bevor einer etwas sagte oder tat, begann Taush eine rote Schnur aus seinem Nabel zu ziehen, fast einen Meter dicker nasser Schnur holte er heraus und wickelte sie um seine Faust, dann schnitt er die Schnur ab und steckte das lose Ende zurück in den Nabel. Seine Mutter hielt sich die Hände vor den Mund vor Verwunderung, und die Menschen begannen alle zu flüstern, dass dies, ja, dieser Junge musste der kleine Taush sein, nicht wahr?, der Heilige von Gaisterştat.

Taush wickelte die Schnur ab und um das rechte Handgelenk des Bäckers. Dann zog er sein Hemd wieder an und ging an der Hand seiner Mutter aus dem Haus. Warum er das getan hat, fragst du mich? Ach, viele fragten sich das in jenen Tagen, die dem Tod des Bäckers folgten, und viele dachten darüber nach. Ich weiß es und ich kann es dir sagen, wenn du willst, denn ich weiß es geradewegs von ihm, er hat es mir aus heiterem Himmel einmal gesagt, dass nämlich zu ordnen, wie ein Mensch ins Jenseits geht, wichtiger sei als das Heilen. Und die Menschen aus Gaisterştat begannen zu ahnen, dass der kleine Taush dies tat und dass es gut sein musste, denn was hatte der kleine Heilige in der Stadt Gaisterştat jemals an Schlechtem getan? Sobald also ein Mensch zu Bett sank und alle seine Glieder vom Gefühl des Todes durchdrungen waren, schickten die Leute nach Taush und meist fanden sie ihn auch schon auf dem Weg zu ihnen mit einem Schmetterling in der Hand oder einer Fliege auf den Lippen. Er kam, entkleidete sich und spann die rote Schnur aus dem Nabel, das Siegel der rechten Hand, damit jeder Geist an jeder Zollstelle wüsste, dass der kleine Taush, der große Heilige, demjenigen die letzten Stunden liebkost hatte.


KAPITEL DREI

IN DEM WIR VON TAUSHS RUF AN DEN HOF ERFAHREN UND VOM TOD SEINES VATERS; IN EINER ANDEREN GESCHICHTE VERFAULT EINE HEILIGE UND TRIFFT REISEVORBEREITUNGEN

Die Kunde von seinen Wundern verließ Gaisterştat und verbreitete sich über die Ebene wie die aufeinandertreffenden Gefährten Wind und Feuer, und es dauerte nicht lang, da erreichte die Legende von Taush, so wie sie wirklich war, aber wohl auch ausgeschmückt, den HOF. Damals hatte das Volk des Königs den langen Krieg jenseits der Lacrimile lui Tapal, des sogenannten GROSSEN FLUSSES, noch nicht begonnen, sondern widmete sich vor allem kleineren Schlachten mit den Nachbarn, Unruhen und Aufregungen. Als der König gerade zwischen zwei solchen Kämpfen zu Hause war, erfuhr er vom kleinen Taush und seiner Gabe, den letzten Weg der Menschen zu bestellen, und er rief ihn mitsamt seiner ganzen Familie, damit er seine magische Schnur um das rechte Handgelenk seines Großvaters legen sollte, der seit Jahren mit einer Krankheit im Bett lag und mit ihr rang und dergestalt ausharrte, mit dem einen Fuß im Grab und dem anderen immer am Hintern des Königs.

Als die Gesandten des Königs in Gaisterştat ankamen, erschrak Taushs Mutter sehr und glaubte, man wollte ihn wegen Häresie einsperren und dergleichen Erfundenem oder Wahrem mehr, und wollte Taush nicht aus dem Hause lassen. Und das Gefolge zog sich zurück in seine kostbaren Kaleschen und führte lange Gespräche mit dem Oberhaupt von Gaisterştat, der immerzu verlangte, der ein oder andere der Delegierten solle aus der Kalesche steigen, damit der Rat Platz hätte, allerdings sah den niemand. Die Männer des Königs wechselten viele Worte mit den Geistern, denn diese fürchteten sich, Taush gehen zu lassen, ihren kleinen heiligen Schatz. Als sich der Rat davon überzeugte, dass sie wirklich vom HOF kamen und der König selbst etwas von dem kleinen Taush wollte, erlaubten sie die Weiterfahrt und erweichten das Herz der Frau, sich zu erbarmen und mit dem Jungen an den HOF zu kommen. Und so gingen sie alle drei, reisten zehn Tage eiligen Schrittes, denn dem Großvater des Königs, so starrsinnig wie er war, mochte es einfallen, in diesen zehn Tagen zu sterben, er lag ja schon zehn Jahre da.

Sie kamen an den HOF und wurden dort gut empfangen. Noch nie hatte Taushs Familie solche Kostbarkeiten und Köstlichkeiten erblickt. Dann wurden sie in die Kammer des Alten gebracht, der schon nichts mehr sah und auch nicht mehr gut hörte, aber er hatte die ärgerliche Vorliebe, jeden, der sich seinem Bett näherte, anzuspucken, sobald ihm etwas nicht passte. Aber Taush spuckte er nicht an. Der Junge zog sein Hemd aus und begann, die rote Schnur aus seinem Nabel zu spinnen, doch als es daran ging, sie ihm umzuwickeln, wählte er den linken Arm, um das Siegel anzulegen. Dann stieg er in die Kalesche und gab dem gesamten Hof zu verstehen, dass wäre es, er hätte seine Arbeit verrichtet, was sollte er noch bleiben? Auf nach Gaisterştat!

Seine Familie fürchtete die Wut des Königs bei einem solchen Affront, aber davon war keine Rede, der König war glücklich, dass die Sache gelungen war wie gewünscht, und gab ihnen ein Pferd mit Sternenblesse und einen Beutel mit Zahnmünzen und Klauen-Talern und schickte sie mit demselben reichen Gefolge nach Hause. Niemand merkte, dass Taushs Schnur an die linke Hand des Alten gebunden war, denn noch nie zuvor hatte Taush sie dort angebracht, niemand ahnte also, ob das etwas Gutes oder Schlechtes bedeutete. Taush hatte die Schnur umgebunden und damit war es gut – lasst uns fröhlich sein! Aber ich, und nur ich, weiß, was diese Schnur an der linken Hand bedeutete, denn ich habe den Alten auf der Schwelle zwischen den Welten getroffen, und so stand er da an der Schwelle und spuckte nach allen Seiten, und er konnte keinen Schritt tun, weder nach hier noch nach dort, so groß war Taushs Macht.

Wieder in Gaisterştat angelangt, freute sich die ganze Stadt. Ihr kleiner Heiliger war zurückgekehrt, er war unter den Fremden nicht zu Schaden gekommen, und der Beutel mit Geld war zu groß für eine so kleine Familie, sodass die Frau die Stadt glücklich machte, da sie beschloss, den Inhalt des Beutels mit den Bedürftigen zu teilen. Die hielten drei Tage und drei Nächte ein Fest, aber niemand bemerkte die Traurigkeit des kleinen Taush; nur seine Mutter, denn sie war die Mutter. Während die Musikanten im Hof spielten und die Köche unermüdlich Essen für die Verwandten und Nachbarn zubereiteten, saß die Frau im Dunkeln in ihrem Zimmer und hielt ihren Jungen fest in den Armen und sprach in Gedanken zu ihm, sie hoffte, auch seine Stimme einmal wenigstens in Gedanken zu hören, wenigstens als Echo der ihrigen, wenigstens als Stimme, die einen Gedanken imitierte oder einen Wind oder etwas, irgendetwas.

»Warum bist du traurig?«, fragte die Frau und streichelte sein Haar. »So viele Menschen erfreust du, du gibst den Tieren ihr Leben zurück, berätst dich mit den Käferchen und sorgst dich um das Leben der Menschen im Jenseits. Warum bist du jetzt traurig?«, und während sie all das sagte, erbebte die Frau und begriff, dass wohl jeder das hiesige Leben durch Arbeit und Nachdenken bestellen kann, aber das Leben im Jenseits nur eine Handvoll Menschen, und unter ihnen Taush.

Und wie schwer musste es ihm bei seinen sieben Jahren sein, zwei Welten zu betreten, Schwellen zu überschreiten und die eine Welt von der anderen aus zu sehen und die andere von der einen aus. Und sie hielt ihn noch fester und weinte noch bitterer und dachte an die Wege ihre Sohnes bei seinen drei Reisen, nicht in die WELT hinein, sondern in die UN’WELT, und ein Schauder überlief ihren Körper, der, wenn auch nur in Gedanken, dem Tod so nahe war.

Doch kurze Zeit später sollte die Frau den Tod nicht nur in Gedanken, sondern in der Wirklichkeit kennenlernen. Es war eines Morgens zu Winteranfang, die Luft war eisig und in der Seele lag eine dunkle Vorahnung, als die Nachricht auf den Großen Platz von Gaisterştat gelangte, dass die neue Mauer der Festung, an der die Männer und jungen Burschen schon viele Monate gearbeitet hatten, über den Gerüsten zusammengestürzt war und vierzehn Seelen mit sich gerissen hatte. Gleich ergriff Furcht das Herz der Mutter, denn ihr Mann war seit dem Abend fort, um beim Errichten der Mauer zu helfen. Schwere Nacht, durchwachte Augen, schwache Arme, und das Unglück war geschehen. Die Frau rannte, als fliehe sie vor einem Gedanken, dem sie entkommen wollte, an den Rand der Stadt und begann dort nach ihrem Mann zu rufen. Sie zählte die Männer, soweit sie es in ihrer Angst konnte, sie schweifte mit den Blicken in die Ferne, hob hier einen Steinbrocken auf, dort einen, half das Gerüst aufzuheben, aber nach zwei Stunden begriff sie, dass ihr Mann, ihr geliebter Mann und liebster Freund auf Erden vom Staub der Felsen verschlungen worden war und dass er irgendwo dort wie ein Wurm im Abgrund lag. Sie wurde ohnmächtig.

Als die Frauen sie aufweckten, die alle plötzlich verwitwet waren und verweint, sagten sie ihr, sie solle aufstehen, ihr Junge wäre gekommen. Und so war es, der kleine Taush stand auf einem riesigen Stein, den eine unsichtbare Hand aus der Festungsmauer gerissen hatte, und zog unermüdlich an der Schnur aus dem Nabel, zog immer und riss sie ab, zog und riss ab, zog und riss ab, zog und riss ab, zog und riss ab, zog und riss ab, zog und riss ab, zog und riss ab, zog und riss ab, zog und riss ab, zog und riss ab, zog und riss ab, zog und riss ab, zog und riss ab, zog vierzehnmal und riss ab. Dann legte er die Schnüre auf den Stein vor sich und betrachtete sie gedankenverloren und so traurig, wie noch nie ein Kind von sieben Jahren gesehen ward. Vierzehn verschwendete Schnüre und es schaudert und ekelt einen, teurer Reisender, wenn man an die vierzehn Männer denkt, alles Familienväter mit Frau und Kindern und ungelebtem Altwerden, alle dort gedrängt an der Schwelle zwischen den Welten, nicht hier, nicht dort, schmutzig vom Staub und die Knochen zermalmt, alle auf einem Haufen und doch allein. Die Frauen nahmen die Schnüre als Andenken und begruben ihre Männer. So legte sich die Trauer in diesem grauen Winter über Gaisterştat.

Unser Taush war ebenfalls in Trauer. Er bewahrte sich die Trauer im Gesicht, die Melancholie in den Augen, aber er begann zu sprechen. Die Frau konnte es kaum glauben, als sie eines Nachmittags in den Hof kam und eine Menge Leute sah, Alte und Junge, Frauen und Männer, alles Nachbarn, die sich um den kleinen Taush geschart hatten und ihm aufmerksam und mit offenen Mündern zuhörten.


»Frau«, sagten alle einstimmig, »dein Taush ist von Kopf bis Fuß ein Wunder! Hör du auch zu, wie gut er erzählt!«

Wirklich, die Ältesten von Gaisterştat murmelten in ihre Bärte, sie hätten in ihrem ganzen langen Leben nicht einmal bei den Großeltern und Urgroßeltern solche Geschichten gehört. Auch ich war dort und ich erinnere mich gut, glaub mir, ich weiß es jetzt – Taush erzählte Geschichten aus einer anderen Welt, Folklore, die er im Jenseits gesammelt hatte, wo die Menschen keine Menschen sind und die WELT keine WELT ist, sondern viel mehr und im Gegenteil auch viel weniger. Von dort hatte Taush sie aufgeschnappt und bot sie der Stadt dar, erzählte sie, damit wir sie wohl verstünden, wenn nicht, wären unsere Ohren gerade gut genug, um sie den Schweinen vorzuwerfen.

Und der Winter ging vorüber, wie er eben vorübergeht, ob man will oder nicht, und auch das Jahr verging und brachte Menschen mit sich und führte Menschen mit sich fort, wie das Jahr es eben tut, ob man will oder nicht. Taush wurde der beste Erzähler von Gaisterştat und die Menschen der Stadt lebten Tausende und Abertausende Leben in seinen Erzählungen, ohne dass sie in diesen zwei Jahren seit dem Tod von Taushs Vater alterten, bis der Junge in den Wald aufbrechen musste. Die Gesellen vom Alten Tace zeigten sich an der Tür der Frau, als ihr Sohn zehn Jahre alt wurde, und sie verlangten, dass sie ihn dem Alten gäbe, denn siehst du, sagten sie, er hat mit der Stimme eines anderen nach ihm geschickt.

Aber nun, teurer Reisender, hat uns die Nacht überrascht und wir müssen unter die Felsen, dort, siehst du, damit wir uns ausruhen, ich meine Knochen und du dein Fleisch, auf dass wir morgen wieder tapfer unterwegs sind und kräftig und mit Lust aufs Erzählen.

Das Skelett Bartholomäus Knochenfaust zog den Karren in den Schutz ausgehöhlter Felsen und machte dann ein Feuer mit Zweigen, die der einäugige Reisende gesammelt hatte. Mit dem Mond über ihnen setzten sie sich dann ans Feuer und lauschten den Geräuschen der Nacht.

»Eine schöne Welt öffnet sich in der Nacht, wenn die des Tages sich schließt«, sagte Bartholomäus und zündete sich eine lange Pfeife an.

Der Rauch kam dick, schwer, holzig aus den Falten seiner Robe, drang zwischen den Rippen des Skeletts hervor und ringelte sich um das lodernde Feuer. Der Reisende holte seinen Beutel hervor und legte das Essen vor sie auf den Boden, einen Kanten Brot und Schinken, Bier und einen Apfel; er bot Bartholomäus davon an, der war jedoch in eine merkwürdige Meditation verfallen und sog immerzu an seiner Pfeife und gab kein Wort mehr von sich, erst weit nach Mitternacht sagte er:

»Nun, lieber Reisender, hoffe ich, dass meine Geschichte deinen Gefallen gefunden hat, denn es ist noch viel von ihr übrig und es wäre schade, sie gerade jetzt abzubrechen, da du von der Geburt und der Kindheit dessen gehört hast, welcher die Stadt gegründet hat, der wir uns gemeinsam nähern wie zwei alte Freunde, obwohl wir uns gerade erst kennengelernt haben. Wir haben den kleinen Taush an der entscheidenden Stelle zwischen der Mutter und dem Alten Tace zurückgelassen, und es wäre nicht gut, ihn dort zu lange festzuhalten und zu vergessen. Morgen machen wir uns auf den Weg und die Geschichte mit uns und siehe, so erfüllen sich die Welten in Welten und Leben in Leben. Aber wo die WELT ist, ist auch die UN’WELT, und wo da Leben ist, ist auch der Tod, und der Mensch ist auf all das vorbereitet. Auch wir, bereiten wir uns in Ruhe auf das vor, was kommen wird. Schließe also, werter Reisender, dein Auge und ruhe dich aus bis zum Morgen, und ich werde das Feuer hüten und mich um deine versprochene Bezahlung für Weg und Erzählung kümmern, genau wie wir es ausgemacht haben.

Und der Mann streckte sich aus und schlief gleich in der Wärme der Flammen ein. Bartholomäus Knochenfaust beugte sich über ihn und in dieser ersten Nacht auf der Reise des Pilgers mit dem Skelett nach Alrauna zahlte der Reisende den ersten Teil des Wegs. Bartholomäus begann, die Beine des Mannes zu entbeinen, zuerst das linke, dann das rechte, langsam, sorgsam, in jedem Schnitt die Erfahrung vieler Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Vom Gesäß bis zu den Fersen verließen jeder Muskel, ob groß, ob klein, jede Sehne und die Haut ihren Knochen, an dem sie gewachsen waren, und mit geschickten Knochenfingern befestigte Bartholomäus sie sorgfältig an seinen Knochen. Eine ganze Nacht mühte sich das Skelett ab, ihm das Fleisch von den Beinen zu reißen, und erhielt so von dem Mann das erste Wegegeld, das Wegegeld des Bartholomäus Knochenfaust.

Als die Sonne hinter den alten Felsen hervorkam, weckte Bartholomäus den Pilger und beide stiegen in den Karren und machten sich weiter auf zur Festung des Heiligen Taush. Wohl zwei Stunden sah der Reisende nur nach unten, mal auf seine Knochen, mal auf das frische Fleisch an den Beinen des Skeletts, immer hin und her und ohne ein Wort zu sagen, bis Bartholomäus die Geschichte des kleinen Taush weiterzuerzählen begann, wo er sie am gestrigen Abend abgebrochen hatte. Und da ist nun, was er erzählte:

ZWEITER TEIL

IN WELCHEM MAN ERFÄHRT

KAPITEL VIER

IN DEM WIR VOM ALTEN TACE ERFAHREN UND VON SEINEN GESELLEN UND WIE TAUSH SEIN LEBEN BEI IHNEN BEGINNT UND VON DANKO FERUS, DEM ARMEN; DER KLEINE HEILIGE MACHT WELT

Alle in Gaisterştat, und nicht nur sie, hatten vom Alten Tace gehört, aber wenige hatten ihn wirklich gesehen. Was sie jedoch sahen, und das nicht selten, waren dessen Gesellen, die leicht von Weitem zu erkennen waren: Jüngelchen zwischen zehn und achtzehn Jahren mit geschorenen Köpfen und der grauen Kutte des Ordens, an den Füßen trugen sie von eigener Hand gefertigte Ledersandalen, und zwar winters wie sommers. Sie gingen jeweils zu zweit, zu dritt, selten einfach auf eigene Faust, und immer in wer weiß was für Gedanken versunken, geradezu durch den Ort und holten Essbares ein, an den Mauern sammelten sie Kräuter oder sie gingen zu wohl nicht einmal ihnen selbst bekannten Zielen, die ihnen im Schlaf von ihrem alten Meister eingegeben worden waren. Ich sage das, denn auch ich, lieber Reisender, war in meiner Jugend einer von ihnen, vielmehr, ich war in der Gesandtschaft jenes Tages und trug im Kopf und im Bauch den Wunsch des guten Alten Tace, dass wir ihm den kleinen Taush mitbrächten, von dem man schon allerorts und in jedem Winkel der Welt gehört hatte.

Ich hatte noch zwei Brüder dabei, wir waren aus dem Wald gekommen und nach Gaisterştat hineingelangt und die Leute sahen uns neugierig an und die Mädchen voller Verlangen, denn wir waren eitle und schöne Jungen, die an schwere Arbeit gewöhnt waren und deren Geist sich quälte, aber wir gaben in keinerlei Weise Antwort auf die vorlauten Rufe, denn im Schlaf hatten wir den strengen Befehl erhalten, Taush herzubringen und der Frau an seiner Stelle ein Ei dazulassen. Wir kannten die Pläne des Alten nicht und auch wussten wir nicht, was es mit dem Ei auf sich hatte, aber ich hielt es fest an den Bauch gepresst, und sobald die Frau die Türe öffnete, gab ich es ab. Ich weiß auch jetzt noch nicht, was es damit auf sich hatte, aber es ist schon lang verjährt. Und die Frau freute sich, dass ihr Taush seinen Platz gefunden hatte, denn nach all dem Fortlaufen und all dem Stummsein vorher, und jetzt mit all seinen Geschichten, die aus seinem Mund kamen, war Taush doch nie zur Schule geschickt worden. Und die Frau wusste wie alle Mütter von Talpa lui Tapal damals, wenn es der Herrschaft jenseits von Lacrimile lui Tapal je einfiele, mit den Schlachten auch diesseits des Wassers zu beginnen, dann käme ihr Junge nur an der Seite der Brüder davon, dort im Wald.

Tasuta katkend on lõppenud.

Žanrid ja sildid

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192 lk 37 illustratsiooni
ISBN:
9783946120919
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