Aphrodite Schatzsucherin

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Aphrodite Schatzsucherin
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Jose DeChamp

Aphrodite Schatzsucherin

Magisch realistischer Roman

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Widmung

Prolog

INSEL. Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

II. FESTLAND. Kapitel 7

Kapitel 8

III. WASSER. Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

IV. APOLLYON. Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

V. SCHULD DES URANOS. Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

VI. TROMMELN. Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

VII. APHRODITE. Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Impressum neobooks

Widmung

Gewidmet denen, die um die Schattenwelten wissen - die manche auch die 'Höhlen der verlorenen Kinder' nennen. - Gewidmet denen, die ein Kind der Höhlen in sich tragen und deren Stärke, Einfühlungsgabe und Ideenreichtum außergewöhnliche ist.

Ihr Mut ist ohnegleichen.

Prolog

“Werde ich dich wiedersehen?”

Aphrodite nickt. “Ich hoffe ja.”

“Werde ich mich deiner erinnern können? Mir ist, als seist du mir oft begegnet und doch vergesse ich dich immer wieder. Vergesse all das, was du mir sagst.”

“Du wirst wieder vergessen. Für lange Zeit. Bis du keine Angst mehr hast, dich zu erinnern.”

“Angst?”

Aphrodite nickt unmerklich.

"Kann ich denn nichts tun, um nicht zu vergessen?"

“Wenn es deine Zeit ist, wirst du dich meiner erinnern. Und deiner selbst. Denn es ist deine Reise.”

“Meine Reise?”

Aphrodite nickt. “Wenn du angekommen bist, werde ich da sein, um dich zu grüssen. Mögest du deine Stimme finden, deine Kraft und deinen Platz. Möge es dir gelingen das verlorene Kind aus der Höhle zu befreien. Glaube an dich. Du bist nicht allein.”

INSEL. Kapitel 1

Viele Jahre schon trage ich eine Geschichte in mir. Habe versucht sie niederzuschreiben, aber was dann vor mir entstand, war nie die Essenz der Geschichte. Konnte es nicht sein, weil ich sie noch nicht verstand. Ich hatte nicht alle Bilder. Widersprüchliche Hinweise verborgen in verschiedenen Kammern, von denen manche keine Türen zu haben schienen. Was ich ahnte, wagte ich nicht niederzuschreiben, was ich niederschrieb war Fleisch, Blut, Farben. Nebelhafte Gedankenspuren. - Das Knochengerüst der Geschichte war unvollständig, so wie auch die Schatzsucherin von der ich erzählen möchte.

Was macht eine Schatzsucherin aus? Was unterscheidet sie? Warum sucht sie? Der Schatzsucherin zu folgen war nicht einfach. Verwehte, unterbrochene Pfade. Ich habe ihre Irrfahrten nicht nachvollziehen können. - Wer Schwermut nicht kennt, kann sie wohl nicht verstehen. – Die Einsamkeit der Schatzsucherin, ihre Getriebenheit, die scheinbare Vergeblichkeit ihrer Suche. Erst jetzt beginne ich allmählich zu verstehen, was sie tat und warum sie es tat. Jetzt, wo das, was für mich selbstverständlich gewesen ist, jäh zu einem Ende gekommen ist.

So fügen sich nun die Reisestationen der Schatzsucherin zusammen. Ich bin an einem Ort an dem sie vor vielen Jahren gewesen ist. Vielleicht sitze ich sogar auf dem gleichen Stuhl wie sie damals. Denn die schäbige Bar im Herzen von Camden Town sieht wohl immer noch so aus wie damals, als sie hierher kam. Eine spanische Bar, die sie an eine Taverna in ihrer Heimatstadt erinnert hatte. - An die Musikerfreunde die sie dort gehabt hatte. Das bisschen Ähnlichkeit mit einem Ort aus der Vergangenheit, um sich nicht so fremd zu fühlen.

Es ist früh. Sommerregen hängt noch in der Luft die sich von der Morgensonne zu erwärmen beginnt. Die Markthändler bauen ihre Stände auf. Metallstangen schlagen aneinander wie Perkussion. Ein Strassenmusiker lehnt mit geschlossenen Augen an einer Graffiti-besprühten Wand neben der Bar und streichelt Akkorde aus seiner abgeschabten Gitarre. Gegenüber eine Bude mit dem Gesicht von Amy Winehouse bemalt. Die Zeitungen sind voll von der Jazzsängerin, die am gestrigen Tage gestorben ist. Amy Winehouse hatte hier gelebt. Nord-West-London, Camden Town; dem bunten und dreckigen Stadtteil, den sich Touristen und Einheimische teilen, die einen laut und in Feierstimmung, die anderen arm und in Eile - hohe Mieten, teures London und die Arbeit niemals sicher - oder so wohlhabend, dass sie mit der Armut niemals in Berührung kommen. Amy war sich und ihrer einfachen Herkunft treu geblieben. An den schnieken Nachtbars von London hatte sie kein Interesse gehabt. Stattdessen war sie dort zu finden gewesen, wo alternative Londoner aus der Rockszene hingehen.

Im Pub ‘The Good Mixer’, Ecke Arlington Road / Inverness Street hatte sie Freunde gehabt, Pool gespielt, getrunken. Ein ‘Boozer' einer alten Generation, wie sie immer weniger zu finden sind. Einfache Kneipen mit Billard Tischen und Stammkunden. Die traurige Nachricht scheint über dem Marktplatz zu liegen, Viele hier haben sie gekannt und gemocht.

Auch die Schatzsucherin hatte Amy Winehouse manchmal im ‘Good Mixer’, ‘The Hawley Arms' oder ‘The Black Hearts’ gesehen. Hang-Outs der Camden Rockszene. Sie hatte ausser ‘Hi’ kaum Worte mit ihr gewechselt, aber in ihren Aufzeichnungen lese ich von ihrer kindhaften Freude darüber.

Amy Winehouse habe bis spät in die Nacht in ihrem Schlafzimmer Musik gehört und gesungen, würden Zeitungen später berichten. Am Morgen danach habe ihr Bodyguard sie still auf ihrem Bett liegend gefunden. Wie schlafend. Aber sie hatte nicht mehr geatmet.

Der Gedanke lässt mich heftig nach Luft schnappen. Ich lebe! Ich bin noch da. Ich bin hier. Im Zentrum einer Weltstadt. Königshaus und Ghetto. Weiss gestrichene, viktorianische Bürgerhäuser mit römischen Säulen neben Council-Hochhäusern mit Graffiti-besprühten Aufzügen.

Abbey Road, Rolling Stones, Iron Maiden, The Clash, Led Zeppelin, Pink Floyd, Queen. - Jimi Hendrix und Bob Marley waren in London bekannt geworden. Und Amy Winehouse, Nord-Londoner Arbeiterklasse-Tochter. Es war ihr Camden Town gewesen. Treffpunkt für progressive Musiker, Magnet für Reisende, Gaukler, Künstler und Junkies. Marktplatz der Hoffnungen und Seifenblasen.

Ich bin nicht mit Träumen hierher gekommen. Meine Reise ist ein Opfergang - etwas zu Ende bringen und der Geschmack im Mund ist bitter. So hatte es nicht enden sollen. So hatte ich es nicht geplant. Mein Leben war gut gewesen, überschaubar. Ich hatte gesät und geerntet. Manches gut, manches weniger gut, aber im grossen Ganzen so wie ich es gewollt hatte. Und nun sitze ich hier einen Tag nachdem Amy Winehouse gestorben ist, lese die Aufzeichnungen der Schatzsucherin und blicke dabei unwillkürlich zurück auf eine Serie von eigenen Geschichten. Ich als junge Frau im weissen Kleid in der Kirche am Arm eines anziehenden Mannes. Wir vor dem Tor einer alten Fabrik, dass unsere Unternehmen werden würde, ich mit einem kleinen Wesen im Arm, Milch und Honig, ein Engelsgesicht. Der verwilderte Vorgarten zu unserem eigenen Haus, dann ein zweiter Engel, zwei perfekte Kinder, Penelope am Tage ihrer Ballet Prüfung, Nikolas mit einer Schultüte fast so gross wie er selbst, Penelope bläst 10 Kerzen der Geburtstagstorte aus, Nikolas im Bayern-München Trikot auf Grossvaters Geburtstagsfeier, Maximilian und ich vor dem Eiffelturm an unserem fünfzehnten Hochzeitstag, Penelopes Abitur Bilder, Nikolas in seinem ersten Auto. Urlaubsbilder Südfrankreich, Thailand, Malediven. Unser Trip nach New York. Der Anbau am Haus für mein Atelier.

 

Ein Schnappschuss von Maximilian, wie er lachend ins Auto steigt auf dem Weg zum Flughafen. Habe ich ihn umarmt bevor er fuhr? Vielleicht.

So selbstverständlich gelebt, Sommer auf Sommer – viel zu schnell – oft zu voll, zu beschäftigt oder zu müde um dankbar zu sein. Wohlstand, gewisse Fehlschläge, Bitterkeit, Kummer. Momente der Seligkeit, Momente des Glücks. Ich war zufrieden gewesen.

Die Sonne beginnt auf meiner Haut zu brennen, ein sanfter Wind spielt mit meinem Haar - so wie er auch mit den bunten Fahnen des Marktes spielt.

Ich bin. Habe meinen Platz mit Menschen, die meinem Leben Bedeutung geben, deren Leben ich Bedeutung gebe, Räume, Rahmen, Gewohnheiten, die mich ausmachen. Und dann ein Schnitt, eine Explosion, ein Alptraum.

Bin ich? Auf einmal eine riesengrosse Wunde, die grösser zu sein scheint, als ich selbst.

Die Schatzsucherin glaubte an Wunder an der nächsten Wegbiegung.Vielleicht ist es das, was sie anders machte; ihre Träumer-Natur. Das mag sie unterscheiden von denen, die eines Tages erwachsen werden und sich mit ihrem Los zufrieden geben. Vielleicht entscheiden die meisten Menschen irgendwann, das Übliche anzunehmen. Wohlwissend das magische Momente zumeist nur in Romanen und Filmen beschworen werden. Das es Komponisten braucht, die einen Moment, eine Begegnung in einen Rahmen setzen, betonen und mit Musik übersetzen. Das es Schriftsteller und Maler braucht, um das Besondere aus dem zähen Mörtel des Alltags herauszumeisseln. Das die Poesie des Lebens eine raue Freundin ist, Eine die einsaugt und ausspuckt. Die schüttelt und beisst, raubt, tötet und frisst, um schliesslich wieder zu gebären. Ein ewiges Ein und Ausatmen, Geben und Nehmen. Die immer aufs neue gebärende Urmutter, die über Liebesschwüre, Hass, Freude, Träume, Gier, Angst gleichmütig hinweg spült, wie die Wellen des Meeres über gemalte Worte im Sand.

Auch über mich spült sie hinweg.

Antje Freund, verheiratet, zwei Kinder, berufstätig. Ich habe ein Alter erreicht, das Mittelalt genannt wird, um es weniger grausam erscheinen zu lassen. Denn es ist nicht die Mitte und es hat einen Vorgeschmack vom Ende. Ich mag mich mit Energie in neue Projekte stürzen, laut sein, da sein, um der Welt zu zeigen, das ich bin. Mich schmücken, mich reparieren und kaschieren, um meine Furchtlosigkeit dem eigenen Verfall gegenüber zu demonstrieren. Oder einfach grau werden. Grau und ein wenig unsichtbar, meine Pflicht tuend mit leicht gesenktem Kopf und einem Lächeln, damit niemand denkt, ich sei bitter darüber. Ich verliere kleine Teile meiner Körperkraft, unmerklich fast. Meine sexuelle Macht, ein paar Sommer vielleicht. Wenn die riesengrosse Wunde nicht wäre würde ich nun vielleicht ein wenig trauern, über das, was gerade geht. Ein Tod will gefühlt werden, so sagt man doch, um die Phrasen vom Neuanfang einzuleiten.

Ein sanfter Wind streicht über meine Haut. Ich würde gerne weinen können, aber meine Augen sind trocken, als sei der Schmerz zu tief in mir begraben. Vielleicht ist es auch Angst. Wenn ich die Schleusen öffne, werde ich womöglich überflutet von unerträglichen Gefühlen. Könnte darin ertrinken.

Und so schreibe ich. Schreibe die Geschichte der Schatzsucherin nieder. Auch über Zsófia spült die grosse Mutter des Lebens hinweg. Über die Schatzsucherin, die hierher kam um Flamenco-Musik zu hören, in Erinnerung an raue, langhaarige Musiker aus Andalusien, die sie gekannt hatte. Deren Herz schmerzte, und die einsam blieb, weil sie nicht finden konnte, was sie suchte. Aus dem Inneren der ‘Bar Gansa’ tönt Paco De Lucia’s Gitarre aus der Musik Anlage. Ich halte lauschend den Atem an, erwarte den klagenden, langgezogenen Gesang seines Freundes Camarón De La Isla.

Da ist er. Singt wie ein einsamer Wolf; inbrünstig, archaisch. Die Schatzsucherin hatte den Flamenco Sänger Camarón geliebt. Ich höre genauer hin, denn ich will verstehen, warum Zsófia sich zu der Musik hingezogen gefühlt hatte. Die Flamenco-Gitarre und der Mann singen, klagen, betören, beten, tanzen und wirbeln. Verstehen die Musiker, was die grosse Mutter und Welten Seele wispert, wenn wir ihren Trommeln folgen? In eine andere Zeit, uralt. Ein anderes Sein. Tief in die Mitte der Erde, Glutlava umhüllt von wundersamen Kristallwäldern.

Dort war die Schatzsucherin gewesen. Tief im Inneren und dann wieder weit draussen. Ich schaue auf ihre Aufzeichnungen. Sie muss Reisen gemacht haben, die nicht stattfinden können. Oder doch?

Waren es Träume gewesen – eine Art von Flucht? So habe ich es lange gesehen. Heute glaube ich etwas anderes. Die Schatzsucherin schreibt von einer ‘Höhle der verlorenen Kinder’. Sie erwähnt diese Höhle mehrfach in ihren Aufzeichnungen. Sie schreibt, dass sie dorthin würde reisen müssen, um ein Kind heimzuholen.

So will ich von der Schatzsucherin schreiben, denn zu lange schon wächst ihre Geschichte in mir. Will geboren werden. Ich werde diese Geschichte mit ihr zusammen schreiben. So wie es Schriftsteller tun auf der Suche nach Poesie und Magie, wahrhaft wohl – aber doch einrahmend. Denn das tatsächliche Leben der Schatzsucherin war kein Film. Es war ein Aneinanderreihen von Tagen und Jahren in einer inneren Abkapselung, von zähem Alltag, unterbrochen von wenigen Schicksals-Momenten.

Ich will die Geschichte nicht mehr in mir tragen. Will sie niederschreiben und verlassen. Und dann? Ich weiss es noch nicht.

Kapitel 2

"Ich will niemals tun, was üblich ist", schrieb sie in ihrem neunten Lebensjahr in ein Tagebuch. Mit Siebenundzwanzig Jahren hatte sich die Schatzsucherin bereits lange an dem versucht was üblich war. Es gelang ihr nicht gut denn die Kraft der Neunjährigen war ihr abhanden gekommen. Falls in ihr noch ihre Wahrheit verborgen war – sie wusste nicht, was sie war. Sie wusste auch nicht wie sie sie hätte finden könnte. “Mein Vermächtnis”, denkt sie. Auf ihrem Brustkorb eine unsichtbare Last und auch das Gehen fällt ihr schwer, als hingen Gewichte an ihren Gelenken. Sie sollte eigentlich zu einem Kunden fahren. Ihm ein Werbekonzept verkaufen. Stattdessen geht sie ziellos in der Innenstadt auf und ab. Ihr Blick streift einen blauen Diesel-VW. Keiner der runden 70’er Jahre Vans, eher ein Kasten. Mit einem Verkaufsschild im Fenster. Sie schaut flüchtig auf die handbeschriebene Pappe. 5000 Deutschmark. Langsam geht sie um den Wagen herum. Kein Rost. Späht nach oben auf ein Schiebedach. Es liesse sich bestimmt sehr weit öffnen. Man könnte im Liegen die Sterne betrachten. Fahren und den Himmel sehen. Sie sieht sich in dem blauen Kastenwagen, laute Musik, den Wind in den Haaren und einfach geradeaus. Süd-Europa, kein Ziel.

“Das kannst du doch gar nicht”, sagt etwas hinter ihrer Stirn. “Dazu hast du nicht den Mut.”

Es ist wahr, sie ist noch nie einfach losgefahren - alleine. Autobahnen, Strassenkarten, Fremde, gefährliche Raststätten, Übernachtungen in einer blechernen Box.

“Es wäre eine Mutprobe”, wieder die Stimme im Inneren. “Ein Beweis, dass ich mir etwas zutraue.” Das hat sie laut gesagt.

“Aber du traust dir nichts zu”, wieder von hinter der Stirn. Sie geht mit schweren Schritten weiter. Doch nicht zu dem Kunden. Sie braucht einen Aufschub. Die Gedanken vorher waren zu ungeheuerlich gewesen. Beinahe wie ein Ausweg.

Das Cafe, in das sie geht, ist irgend ein Eis Cafe der Stadt. Zufällig gewählt.

Das sie dort ihren Freund Ilos trifft, der in ihrer Stadt mit seinem Bruder eine Bar betreibt- ist auch ein Zufall. Und das sein Bruder gerade Zeit bei seiner Familie auf einer kleinen, griechischen Insel verbringt – sprechen sie ebenfalls eher zufällig an. Doch es ist wie ein Stichword.

“Ich möchte weg von hier”, Zsófia sagt es leise aber Illos hat sie gehört. Schweigend sieht er sie an.

“Urlaub nehmen und für eine Weile weg.” Das ist eine Einschränkung, aber es ist ihr nicht bewusst.

Illos schlägt ihr vor, zu der Insel zu reisen. Zsófia stimmt zu, erleichtert über die zufällige Begegnung. Sie hatte bis eben gerade nicht gewusst, dass sie einen Wunsch zum Weggehen in sich getragen hatte. Wenn man aber glaubt, dass es keine Zufälle im Leben gibt, dann helfen Zsófia drei verhältnismässige Kleinigkeiten auf ihren Weg. Wie die ersten Mosaikstückchen in einem neuen Bild.

Ohne zu ahnen, dass genau in diesem Cafe, mit dieser flüchtigen Begegnung etwas Neues in ihr Leben kommen soll, beschliesst Zsófia auf Ilos’ Insel zu fahren.

Zufall, sagt ein Atheist.

Dein eigener Wille, antwortet ein Spiritualist. Denn es öffnen sich dort die Tore, wo du Eingang finden willst.

Karma, Schicksal oder Gottes Wille, singen die, die glauben.

Dein Höheres Selbst das für einen Moment im Einklang mit einer eigenen Wahrheit schwingt? Vielleicht.

Zsófia geht zurück zu dem Kastenwagen, ruft die Nummer auf dem Pappschild an und wartet, bis der Besitzer erscheint. Als sie den Wagen schliesslich fährt, rasselt der Diesel-Motor ein wenig. Die Federn der Achsen ächzen, wie ein altes Holzschiff. Sie mag es. Es klingt nach Abenteuer. Passend für eine Reise. Angemessen für eine Mutprobe.

Nur wenige Tage später fährt Zsófia auf der Autobahn, einen Fuss leicht hochgestellt, Musik aus den Boxen und ihr ist als sei ein Teil der seltsamen inneren Schmerzen und der Lähmung von ihr genommen. Als lasse sie etwas davon zurück. So wie auch einen Mann, der sie nicht liebt und ein Leben als Werbekauffrau in einer Stadt im Norden, in der die Skandale des Geldadels für Gespräche sorgen.

Sie kauft sich an einem Rasthof ein Buch über Schicksalsfügungen und Liebe. Oh, diese Geschichten über Zufälle und Romantik, die denen, die an glückliche Fügungen des Schicksals glauben, Nahrung für ihre Träume geben.

Zsófia und das Buch sind auf dem Weg zu dem Land der 'lächelnden Sonne' – wie Friedrich Schiller die Heimat der Griechen nannte.

In ein Land, in dem Quellen mit Nymphen, Bäume und Sträucher mit Satyrn beseelt sind und in dem alle Gaben des Lebens auf Göttinnen und Götter zurückgeführt werden. Von denen antike Geschichtsschreiber geträumt und später Fragmente niedergeschrieben haben.

Hin zu einem tanzenden Dionysos der Nebelwelten? Hin zu einer kraftvollen Athene, deren Glaubensbekenntnis das einer Kriegerin ist? Verwoben in Dialoge des Zeus und der Hera über die Essenz des Seins? Hand in Hand mit einer lächelnden Aphrodite?

Du glaubst es nicht? Zsófia hätte es wohl auch nicht geglaubt.

Wendepunkte im Leben sollten mit einer Reise beginnen. So habe ich die Geschichte der Schatzsucherin hier begonnen. An dem Tag, an dem sie den Volkswagen kaufte und sich zu einer Mutprobe überwand. Sie glaubte nicht, dass sie das, was sie suchte, finden würde, wenn sie im Gewohnten bliebe. Die Karte auf dem Fussboden ausgebreitet, folge ich ihrer Reise von Deutschland über Österreich, Ungarn, Serbien, Mazedonien bis hin nach Athen in Griechenland. Hier würde sie mit dem Schiff übersetzen um auf die Insel zu fahren, die Ilos ihr genannt hatte.

Sie war im Frühsommer von 1994 aufgebrochen. Der Zeit des blutigen Bosnia Herzegovina Krieges. Der Zusammenbruch des ehemaligen Jugoslawien sollte zu einem der Grauen erregendsten Bürgerkriege führen, die Europa seit dem zweiten Weltkrieg erfahren hatte. Zsófia schien das Ausmass der Gewalt nicht zu erfassen, als sie ihre Reise plante. Ich blättere durch ihre Aufzeichnungen. Sie erwähnt einen Anruf bei einer Spedition, die noch Fahrten durch das ehemalige Jugoslawien machte und ihr eine Route empfahl. Aber den Krieg erwähnt sie nur in einem Nebensatz, so als existiere er in einer anderen Welt solange er nur nicht die Strassen kreuzte, die sie würde befahren müssen. In einer Zeit vor Internet und youtube war Zsófia sich des Grauens der Kämpfe nicht bewusst und wohl nicht daran interessiert. Zu beschäftigt mit ihrer Expedition um Raum für das Schicksal anderer Menschen oder für internationale Belange zu haben. Ihre Unwissenheit erschreckt mich.

 

Vielleicht liessen die inneren Dämonen keinen Raum für mehr als das Nötigste. Wie getrieben plante sie die Reise, so als fürchte sie, sie würde nicht fahren, wenn sie nicht sofort führe. Es war keine Ferienreise die sie plante, es war eine Mission, die sie nur würde antreten können, wenn sie Furcht mit eiligem Handeln überdeckte. Ich hatte zunächst nur wage Vermutungen darüber wovor die Schatzsucherin davon lief, ich glaube nicht, dass sie selbst es wusste. Ich glaube auch nicht, dass ihr bewusst war, dass sie auf der Flucht war. Für sie war es eine Suche. Und vielleicht sind Flucht und Suche auch nur zwei Seiten der gleichen Münze.

Auf der Autobahn bemerkt Zsófia, dass die Bremsen schlecht funktionieren. An der Deutsch-Österreichischen Grenze hält sie endlich an, beginnt die Wagenpapiere zu studieren und liest etwas über Bremsflüssigkeit. Statt in eine Werkstatt zu fahren, lässt sie sich von einem Tankwart erklären, was sie kaufen muss und füllt etwas in einen kleinen Tank, von dem sie hofft das es der Tank für Bremsflüssigkeit sei. Schreibt von ihrem Triumph-Geheule als danach die Bremsen funktionieren. Von ihrem Gefühl die Königin der Strasse zu sein in ihrem alten Bus. Ich lese Gedanken eines Kindes.

Bei Regensburg beschreibt sie den Sonnenuntergang im Rückspiegel und später den Vollmond an ihrer Seite, den sie als gutes Vorzeichen für das Gelingen ihrer Reise sieht. Stunden lang ist sie verzaubert von einem grünen Nachtmond, der ihr wie eine Ampel der Hoffnung erscheint, bis sie bemerkt, dass ihre Scheibe am oberen Rande getönt ist. Zsófia ist auf der Suche nach Wundern. Getrieben von einem kindlichen Hunger und einer unbändigen Vorstellungskraft. Unwillkürlich sorge ich mich um sie. So unvorbereitet und naïve. Ich denke an meine beiden Kinder die erwachsen werden. Vergleiche sie mit Zsófia und hoffe, dass sie ein Fundament haben, um ausgeglichene Erwachsene zu werden. Hoffe, dass sie weniger einsam und unglücklich sind als die Schatzsucherin. Sicher bin ich mir nicht, denn ihre Gedanken und Träume teilen sie nicht länger mit mir. Ich glaube, sie verachten mich ein wenig. Dafür, dass ich die Gediegenheit meines Lebens mit entschlossener Beharrlichkeit ausgebaut habe. Sie sind jung und wissen noch nicht, das Stürme mit Geduld ausgesessen werden müssen - dass es manchmal besser ist nicht so genau hinzuschauen. Das Ehe und Familienleben Ausdauer und eine Fähigkeit im Erdulden benötigen. Ich habe nie auf Wunder gewartet und auf das Beständige gesetzt. Es hat sich bewährt. Doch nicht alles kann gesichert werden und mein Leben, das viele Jahre in einem beständigen Flusse gewesen war, ist plötzlich ein reissender Strom in dem Altvertrautes von mir gerissen wird und Unbekanntes neben mir treibt während ich angestrengt schwimme und versuche etwas zum Festhalten zu finden. Die Geschichte der Schatzsucherin ist ein Teil dieses Unbekannten.

Auch Zsófia hatte damals nach aussen hin funktioniert. Doch in ihren Tagebüchern lese ich Gedanken eines getriebenen Menschen, bizarre Traumbeschreibungen und immer wieder Hinweise auf ein Geheimnis. Wie in eine Wolke gehüllt, als vertraue sie der eigenen Wahrnehmung nicht. Ich sitze im Café und warte auf einen Mann, der Zsófia gekannt hat. Ich hatte seinen Namen in ihrem Adressbuch gefunden und mit ihm Kontakt aufgenommen. Er sei wieder in London, hatte er mir mitgeteilt und so warte ich auf ihn. Um mir die Zeit zu vertreiben lese ich in Zsófias Reisebeschreibungen.

In Linz in Österreich übernachtet Zsófia auf dem Parkplatz einer Raststätte. Umgeben von riesigen Lastwagen rollt sie sich in ihre Decke. Das Lager ist ihr noch ungewohnt und sie fühlt sich verloren.

Das Aufheulen schwerer Motoren lässt sie im Morgengrauen erwachen. Die LKW-Fahrer reisen weiter. Steifbeinig bereitet auch sie selbst sich auf die Weiterreise vor, kommt im Rasthaus mit einem Ungarischen Lastwagenfahrer ins Gespräch, der ihr sagt, dass die Durchfahrt von Serbien über Belgrad frei sei. Er spricht von einer hohen Autobahngebühr und willkürlichen Armee-Kontrollen. Zsófia schreibt dazu, “Was die Kontrollen angeht - es herrscht Krieg in Bosnien Herzegovina. Was also kann man anderes erwarten? Ich bin gespannt. Natürlich habe ich etwas Angst, aber ich bin zuversichtlich.”

Auf der Autobahn durch Ungarn beschreibt sie Gegensätze, Hochhaus Silhouetten grau in grau. Sanft geschwungene Felder in verschwommenem Heugelb und Sommergrün. Viel grösser als in Deutschland. Unendlich weit.

Stoppelfelder zum dahin galoppieren. Zsófia ist auf dem Lande aufgewachsen und wie viele junge Mädchen hat sie Pferde geliebt. Sonnenblumen Felder, Zsófia springt an einem Punkt aus dem Auto um bei den Sonnenblumen Feldern die Arme in die Luft zu werfen und zu tanzen. Sie beschreibt felsige Berge, Häuser mit spitzen Dächern an steile Hänge geklebt und freundliche, gemütliche Menschen an ihren Rastplätzen. Spätabends erreicht sie die Grenze zu Serbien. In Gedanken ist sie bereits auf der Insel. Eine lange Nacht verbringt sie in einer endlosen Schlange von Autos die in stockendem Schritt-Tempo auf die Grenze zu kriechen. Doch als sie endlich vor den Grenzpfosten halt macht, lassen die Beamten sie nicht auf die andere Seite. Sie hat kein Visum für Serbien.

Zsófia schreibt von ihrer Endtäuschung und Erschöpfung. Die Nacht ist schwarz als sie umdreht. Sie fährt langsam und schliesslich hält sie an und weint. Ein Bullie mit einem Schweizer Nummernschild stoppt neben ihr und der Fahrer, kommt geradewegs auf sie zu. Zsófia verriegelt ängstlich ihre Tür, aber er fragt nur ob alles in Ordnung sei. Zsófia sagt ihm durch das geschlossene Fenster, dass sie wegen eines fehlenden Visas zurück nach Budapest müsse. Er bietet ihr an hinter ihm her zu fahren, da er auch auf dem Weg zu der Ungarischen Hauptstadt sei. Sie stimmt zu, aber ihr ist nicht wohl dabei. Auf einem Autobahnzubringer stoppt er mitten auf der Strasse, sodass auch Zsófia anhalten muss. Wieder steigt er aus und kommt zu ihr herüber. Er ist noch jung, bemerkt sie. Ein freundliches Gesicht. Er werde am nächsten Rasthof eine Pause machen. Ob sie dort mit ihm einen Kaffee trinken wolle. Zsófia lehnt freundlich ab. Sie sieht die Endtäuschung in seinem Gesicht. Später sieht sie den Rastplatz von dem er gesprochen hat, aber er blinkt nicht, kehrt dort nicht ein. Zsófia bleibt hinter ihm bis Budapest. Ihr Bus ist nicht schnell genug und immer wenn sie zurückbleibt, wird auch er langsamer. In der Hauptstadt gelingt es ihr endlich, ihn loszuwerden. Zsófia schreibt von ihrer Erleichterung. Etwas an ihm hatte ihr Angst gemacht. Dann schreibt sie von einer undichten Ölleitung. Der vergeblichen Mühe eine Werkstatt zu finden in der fremden Stadt.Vom Warten auf Parkplätzen am Wochenende bis das Serbische Konsulat wieder eröffnet würde. Von kurzen Ausflügen in der Altstadt, nichtssagenden Begegnungen und Gesprächen mit anderen Reisenden. Stets darauf bedacht, dass ihr niemand zum Wagen folgt. Von langen, unruhigen Nächten. Dem Erwachen von eigenen Angstschreien. Gedanken aufgeben zu wollen. Und dann wieder Hoffnung. Ein baumüberschattetes Café mit Blick auf die Donau, die hier Duna heisst. Nicht weit vom ‘Duna Castle Palast’, mit historischem Bad, in das sie zum Duschen geht. Ein alter Mann in dem Café, ein Ungar der Deutsch spricht, weil seine Eltern es ihn gelehrt haben. Zsófia schreibt, wie er auf unappetitliche Weise Eis schlürft und dabei immer wieder in seine Serviette spuckt. Klein und hässlich beschreibt sie ihn. Aber sie ist angetan von seinen Augen. Lebhaft, mit einem fast kindlichen Ausdruck der Neugierde. Er sei eigentlich Ingenieur, erzählt er Zsófia. Aber im Kommunismus habe er einen Gemüseladen betrieben. Nun habe er Kontakt mit einem Amerikaner ungarischer Abstammung aufgenommen und plane eine grosse Blumenkette. Englisch wolle er auch lernen. “Ich bin siebzig. Vielleicht lebe ich noch zehn oder fünfzehn Jahre, dann lohnt es sich doch”, sagt er grinsend, “Solange man nicht sterben will lebt man”. Er erzählt Zsófia von seinem Sohn. Er sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Das Gesicht des alten Mannes verzieht sich. “Er fehlt mir sehr.” Dann lacht er wieder und das Funkeln in seinen Augen kehrt zurück. “Wir haben weiterzumachen.”

Haben wir das? Ich blicke auf, sehe auf den Strassenmusiker, der an der Wand hockt und halbherzig auf einer akustischen Gitarre klimpert. Mir liegt etwas Schweres im Bauch. Ein Kloss von Wut und Schmerz.

Mit einem Visum ausgestattet ist Zsófia schliesslich mit undichter Ölleitung und mehreren Litern Reserve-Öl im Wagen weiter gefahren. Gehetzt, als habe sie befürchtet sonst womöglich aufzugeben und umzukehren. An der serbischen Grenze zeigt ihr Tachometer 1983 gefahrene Kilometer. “Es ist halb fünf am Nachmittag. Seit zwei Stunden in einer Warteschlange. Ich hoffe, dass ich um sieben über der Grenze bin.”

Ich blättere durch leere Seiten. Zsófia hat nicht über Serbien und Mazedonien geschrieben. Fast ein Drittel des Tagebuchs hat sie freigelassen. Erst auf dem Fährschiff zur Insel gehen ihre Aufzeichnungen weiter. Ich klappe das Buch zu. Ich brauche eine Pause. Was ich lese ist nicht für mich bestimmt. Auch habe ich ein schweres Knäul aus Wut und Angst im Bauch das nichts mit der Schatzsucherin zu tun hat. Gerade stopfe ich das Tagebuch in meine Tragetasche, da fällt ein dünner Block daraus hervor, wie er früher in Restaurants benutzt wurde. Ich halte ihn hoch und sehe zwei Linien und eine Reihe von Nummern aufgedruckt. Zwei Buchstaben des Griechischen Alphabets. Ich blättere vorsichtig durch die hauchdünnen Seiten. Vergilbte, eng geschriebene Sätze. Deutsch. Ich vergleiche sie mit der Schrift in den Tagebüchern. Es scheint eine andere zu sein. Sicher bin ich mir nicht. Mühsam beginne ich die verblichenen Buchstaben zu entziffern: