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Loe raamatut: «Die Frau in Weiss», lehekülg 39

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V

Die Geschichte meiner ersten Nachforschungen in Hampshire ist bald erzählt.

Meine frühe Abreise aus London setzte mich in den Stand, schon Nachmittags in Dr. Dawson’s Hause anzulangen. Unsere Unterredung führte, was den Zweck meines Besuches betraf, zu keinem befriedigenden Resultate.

Mr. Dawson’s Bücher zeigten uns allerdings, wann er seine Besuche bei Miß Halcombe in Blackwater Park wieder aufgenommen hatte; doch war es unmöglich, irgendwie genau von diesem Datum ohne solche Hülfe von Mrs. Michelson zurückzurechnen, wie diese, wie ich wußte, sie uns nicht zu geben im Stande war. Sie konnte uns aus der Erinnerung nicht sagen (und wer kann dies wohl je in solchen Fällen?), wie viele Tage zwischen des Doctors Rückkehr zu seiner Patientin und der vorher stattgehabten Abreise Lady Glyde’s verflossen waren. Sie war fest überzeugt, daß sie des Umstandes der Abreise gegen Miß Halcombe erwähnt – aber es war ihr ebenso unmöglich, das Datum anzugeben, an welchem sie die Mittheilung machte, wie das Datum des Tages vorher genau zu bestimmen, an welchem Lady Glyde nach London abgereist war. Ebenso wenig konnte sie genau die Zeit berechnen, welche zwischen Lady Glyde’s Abreise und ihrem Empfange des undatirten Briefes von der Gräfin Fosco verflossen war. Und endlich, um die Reihe der Schwierigkeiten vollständig zu machen, hatte der Doctor, da er zur Zeit selber krank war, es unterlassen, wie gewöhnlich den Tag der Woche und des Monats in seine Bücher einzutragen, an welchem der Gärtner aus Blackwater Park ihm Mrs. Michelson’s Botschaft überbracht hatte.

Indem ich die Hoffnung, von Mr. Dawson Beistand zu erhalten, schwinden ließ, beschloß ich zunächst zu versuchen, ob ich nicht das Datum von Sir Percival’s Ankunft in Knowlesbury mit Bestimmtheit erfahren könne.

Es schien ein Verhängniß zu sein! Als ich in Knowlesbury anlangte, war das Wirthshaus geschlossen und ein Zettel an die Mauern geklebt. Die Spekulation war, wie man mich unterrichtete, seit die Eisenbahn dorthin verlegt worden, eine schlechte gewesen, indem das neue Gasthaus an der Station allmälich die Kundschaft an sich gezogen; und das alte Wirthshaus (von dem wir wußten, daß es dasjenige sei, wo Sir Percival eingekehrt war) war vor etwa zwei Monaten geschlossen worden. Der Besitzer desselben hatte die Stadt mit seinem ganzen Hab und Gut verlassen, und ich konnte von Niemandem mit Bestimmtheit erfahren, wohin er gegangen. Die vier Personen, bei welchen ich mich erkundigte, lieferten mir vier verschiedene Angaben über seine Pläne und Absichten, nachdem er Knowlesbury würde verlassen haben.

Es blieben mir noch einige Stunden übrig, ehe der letzte Zug nach London durchkam, und so fuhr ich denn mit einer Droschke von der Station zu Knowlesbury nach Blackwater Park zurück in der Absicht, den Gärtner und die Person, welche das Haus hütete, zu befragen. Falls auch sie sich als unfähig auswiesen, mir zu helfen, so waren meine Hülfsquellen für jetzt zu Ende, und ich konnte nach London zurückkehren.

Ungefähr eine (engl.) Meile vom Parke entließ ich meine Droschke und setzte dann, nachdem ich mir von dem Kutscher hatte die Richtung bezeichnen lassen, meinen Weg nach dem Hause allein und zu Fuße fort.

Als ich von der Landstraße in den Privatweg einbog, sah ich einen Mann mit einem Nachtsacke in der Hand schnell vor mir der Wohnung des Parkhüters zugehen. Er war ein kleiner Mann in abgeschabten schwarzen Kleidern und mit einem auffallend großen Hute. Ich hielt ihn (soviel mir dies zu beurtheilen möglich war) für einen Advocatenschreiber und stand augenblicklich stille, um die Entfernung zwischen uns zu vergrößern. Er hatte mich nicht kommen hören und ging ohne sich umzuschauen weiter, bis ich ihn nicht mehr sehen konnte. Als ich eine kleine Weile später ebenfalls durch das Thor ging, war er nicht zu sehen – er war offenbar nach dem Herrenhause gegangen.

Es waren zwei Frauen in der Wohnung des Parkhüters. Die Eine von ihnen war alt; in der Andern aber erkannte ich sogleich nach Mariannen’s Beschreibung von ihr Margaret Porcher.

Ich frug zuerst, ob Sir Percival zu Hause sei, und nachdem man mir hierauf verneinend geantwortet, erkundigte ich mich, wann er abgereist sei. Keine von den beiden Frauen wußte mir darüber Bestimmteres zu sagen, als daß er im vergangenen Sommer fortgegangen sei. Ich konnte aus Margaret Porcher Nichts weiter als wiederholtes nichtssagendes Lächeln und Kopfschütteln herausbringen. Die alte Frau war ein wenig verständiger, und es gelang mir, sie dazu zu bringen, von der Art und Weise, wie Sir Percival abgereist, zu sprechen und von dem Schrecken, welche dieselbe ihr verursacht hatte. Sie erinnerte sich, daß ihr Herr sie aus dem Bette gerufen und daß er sie durch furchtbare Flüche erschreckt – aber das Datum, an welchem sich dies zutrug, ging, wie sie ganz ehrlich gestand, »über ihren Horizont.«

Da ich die Wohnung des Parkhüters verließ, erblickte ich den Gärtner in geringer Entfernung bei der Arbeit. Als ich ihn anredete, sah er mich zuerst etwas argwöhnisch an; da ich jedoch von Mrs. Michelson’s Namen Gebrauch machte und eine höfliche Bemerkung in Bezug auf ihn selbst hinzufügte, ging er ziemlich bereitwillig in die Unterhaltung ein. Es ist unnöthig, zu beschreiben, was zwischen uns vorging: die Unterredung endete, wie alle meine bisherigen Bemühungen, das Datum zu entdecken, geendet hatten Der Gärtner wußte, daß sein Herr »im Juli, entweder in den letzten vierzehn oder ersten zehn Tagen, in der Nacht davongefahren« – und weiter Nichts.

Während wir zusammen sprachen, sah ich den Mann in Schwarz mit dem großen Hute von dem Hause herkommen, dann in einiger Entfernung stille stehn und uns beobachten.

Es war mir schon ein gewisser Verdacht in Bezug auf Das, was ihn nach Blackwater Park führte, durch den Kopf geflogen. Derselbe vermehrte sich jetzt, als der Gärtner mir nicht sagen konnte (oder wollte), wer der Mann sei, und ich beschloß, mir hierüber Auskunft zu verschaffen, indem ich ihn selbst anredete. Die einfachste Frage, die ich als Fremder thun konnte, war die: ob es Fremden gestattet sei, das Haus zu besehen. Ich ging sofort auf den Mann zu und richtete diese Frage an ihn.

Sein Aussehen und Wesen verrieth deutlich, daß er wußte, wer ich sei, und daß er mich zum Streite zu reizen wünschte. Seine Antwort war impertinent genug, um ihn seinen Zweck erreichen zu lassen, wäre ich weniger fest entschlossen gewesen, meinen Gleichmuth zu bewahren. So aber begegnete ich derselben mit der ausgesuchtesten Höflichkeit, entschuldigte mich wegen meiner Störung (welche er eine »unberufene Aufdringlichkeit« nannte) und verließ den Garten. Die Sache verhielt sich, wie ich geargwöhnt hatte. Sir Percival war davon unterrichtet, daß ich, als ich Mr. Kyrle’s Expedition verlassen, gesehen und erkannt worden, und der Mann in Schwarz war, in Erwartung, daß ich mich dorthin wenden werde, um im Hause und in der Umgegend Erkundigungen einzuziehen, mir bereits vorausgeschickt worden. Hätte ich ihm die allermindeste Ursache gegeben, irgend eine Art gesetzlicher Anklage gegen mich zu erheben, so hätte man ohne Zweifel von der Einmischung des Ortsrichters als Hemmschuh gegen mein Fortschreiten und als Mittel, um mich wenigstens auf einige Tage von Marianne und Laura zu trennen, Gebrauch gemacht.

Ich erwartete, daß man mich auf meinem Wege von Blackwater Park bis zur Station beobachten werde, wie man es am vorhergehenden Tage in London gethan hatte. Aber ich konnte zur Zeit nicht entdecken, ob man mir bei dieser Gelegenheit wirklich folgte, oder nicht. Dem Manne in Schwarz mochten Mittel zur Verfügung stehen, mir nachzuspüren, die mir unbekannt waren – jedenfalls sah ich ihn aber persönlich weder auf meinem Wege nach der Station, noch später abends bei meiner Ankunft in London auf dem Perron. Ich erreichte unsere Wohnung zu Fuße, nachdem ich jedoch, ehe ich mich unserer Hausthür nahte, die Vorsicht gebraucht, durch die einsamsten Straßen der Nachbarschaft zu gehn und dort stille zu stehn und mich mehr als einmal umzusehn. Ich hatte diese Kriegslist in den verdächtigen Wildnissen von Centralamerika gelernt und brachte sie jetzt zu demselben Zwecke und mit sogar noch größerer Vorsicht mitten im Herzen vom civilisirten London in Anwendung!

Es hatte sich in meiner Abwesenheit Nichts ereignet, um Marianne zu beunruhigen. Sie frug mich begierig, welchen Erfolg ich gehabt. Als ich ihr Alles erzählt, konnte sie mir ihre Verwunderung über die Gleichgültigkeit nicht verhehlen, mit der ich von dem bisherigen Mißlingen meiner Nachforschungen sprach.

Die Wahrheit aber war, daß mich meine Erfolglosigkeit noch nicht im Geringsten entmuthigt hatte. Ich hatte meine Nachforschungen als eine Sache der Pflicht begonnen, jedoch Nichts von ihnen erwartet. In meinem derzeitigen Gemüthszustande war es mir fast eine Erleichterung, zu wissen, daß der Kampf sich jetzt auf einen Wettkampf in List zwischen Sir Percival Glyde und mir beschränkte. Der Beweggrund der Rache hatte sich von Anfang an mit meinen anderen und besseren Beweggründen vermischt, und ich bekenne, daß es mir eine Genugthuung war, zu fühlen, daß die sicherste Art und Weise – ja, die einzige mir noch übrige – Laura’s Interesse zu dienen, die war, mich fest an den Schurken zu hängen, der sie geheirathet hatte.

Während ich gestehe, daß ich nicht stark genug war, um meine Beweggründe außer dem Bereiche dieses Wunsches nach Rache zu halten, kann ich auf der andern Seite mit Wahrheit Etwas zu meinen Gunsten beibringen. Mein Herz dachte keinen Augenblick an eine erbärmliche Speculation auf eine etwaige künftige Beziehung zwischen Laura und mir oder auf die persönlichen Concessionen, zu denen es mir, falls ich ihn einmal in meine Gewalt bekäme, gelingen dürfte, Sir Percival zu zwingen. Ich sagte mir nicht ein einziges Mal: »Falls es mir gelingt, so soll ein Resultat meines Erfolges das sein, daß ich ihren Mann machtlos mache, sie wieder von mir zu nehmen.« Ich konnte, wenn ich sie ansah, nicht solche Gedanken an die Zukunft hegen. Der traurige Anblick der Veränderung, welche sie erlitten, machte das Interesse meiner Liebe zu einem Interesse der Zärtlichkeit und des Mitleids, die ein Vater oder Bruder für sie hätte fühlen mögen, und die ich – Gott weiß es – im innersten Herzen fühlte. Alle meine Hoffnungen blickten jetzt nicht weiter hinaus, als bis zu dem Tage ihrer Genesung. Hier endete – bis sie wieder gesund und glücklich war, bis sie mich wieder anschauen und zu mir sprechen konnte wie ehedem – die Zukunft meiner seligsten Gedanken und meiner theuersten Wünsche.

Ich schreibe diese Worte nicht in mäßiger Selbstbetrachtung. Es werden bald Punkte in meiner Erzählung folgen, wo die Gedanken Anderer mein Verhalten richten werden. Es ist nur billig, daß man das Schlimmste und das Beste in mir zuvor gegeneinander abwägt.

An dem Morgen nach meiner Rückkehr aus Hampshire nahm ich Marianne mit mir auf mein Arbeitsstübchen und machte sie hier mit dem Plane vertraut, den ich mir reiflich ausgedacht hatte, um mich der einen angreifbaren Stelle in Sir Percival Glyde’s Leben zu bemeistern.

Der Weg zu dem Geheimnisse ging durch das uns Allen undurchdringliche zweite Geheimniß, welches die Frau in Weiß umhüllte. Der Zugang zu demselben durfte seinerseits mit Hülfe der Mutter Anna Catherick’s gewonnen werden, und das einzige erreichbare Mittel, Mrs. Catherick zur Sprache oder zur That zu bewegen, hing von der Aussicht ab, ob ich örtliche und Familieneinzelheiten von Mrs. Clements erfahren würde. Nachdem ich die Sache sorgfältig überlegt, kam ich zu der Ueberzeugung, daß ich meine neuen Nachforschungen beginnen mußte, indem ich mit Anna Cathericks treuester Freundin und Beschützerin in Verkehr trat.

Die erste Schwierigkeit also war, Mrs. Clements zu finden.

Ich verdankte es Mariannen’s Scharfblicke, dieser Nothwendigkeit auf die beste und einfachste Weise zu begegnen. Sie erbot sich, an die Leute auf dem Gehöfte bei Limmeridge (Todd’s Ecke) zu schreiben und sich zu erkundigen, ob sie in den letzten paar Monaten von Mrs. Clements gehört hatten. Es war uns unmöglich, zu errathen, auf welche Weise Anna von Mrs. Clements getrennt worden war; doch nachdem diese Trennung einmal bewerkstelligt, mußte es Mrs. Clements gewiß einfallen, sich vor Allem in der Gegend nach ihr zu erkundigen, für die, wie sie wußte, die Verschwundene die größte Vorliebe hatte: in der Gegend von Limmeridge. Ich sah augenblicklich, daß Mariannen’s Vorschlag uns eine Aussicht auf Erfolg bot, und sie schrieb demzufolge mit der nächsten Post an Mrs. Todd.

Während wir die Antwort erwarteten, ließ ich mich durch Marianne, soweit ihr Dies möglich, über Sir Percival’s Familienverhältnisse und über sein früheres Leben unterrichten. Sie konnte hierüber nur nach Hörensagen berichten; aber über das Wenige, was sie zu erzählen hatte, konnte sie mit ziemlicher Gewißheit sprechen.

Sir Percival war ein einziger Sohn. Sein Vater, Sir Felix Glyde, hatte seit seiner Geburt an ein einem schmerzhaften und unheilbaren Gebrechen gelitten und seit frühester Kindheit alle Gesellschaft gescheut. Sein einziges Glück lag im Genusse der Musik, und er hatte eine Dame geheirathet, welche seine Geschmacksrichtungen theilte und die, wie man sagte, eine ausgezeichnete Virtuosin war. Er erbte die Güter von Blackwater Park, als er noch ein junger Mann war; doch weder er noch seine Frau näherten sich, nachdem sie von dem Landsitze Besitz genommen, auf irgend eine Weise der Gesellschaft der Umgegend, und Niemand verleitete sie, ihre Zurückhaltung abzulegen, mit der einen unheilvollen Ausnahme des Geistlichen des Kirchspiels.

Dieser war der schlimmste aller unschuldigen Unheilstifter – ein übertrieben amtseifriger Mann. Er hatte gehört, daß Sir Felix die Universität in dem Rufe, wenig besser als ein Revolutionär in der Politik und in der Religion ein Ungläubiger zu sein, verlassen hatte, und er kam daher gewissenhaft zu dem Schlusse, daß es seine Pflicht sei, den Herrn des Gutes aufzufordern, orthodoxe Ansichten in der Kirche seines Sprengels predigen zu hören. Sir Felix wurde wüthend über des Pfarrers wohlgemeinte, aber schlechtangebrachte Einmischung und beleidigte ihn so gröblich und öffentlich, daß die Familien der Umgegend ihm Briefe voll entrüsteter Gegenvorstellungen schickten, und selbst die Pächter auf seinen Gütern ihre Ansicht darüber so deutlich aussprachen, wie sie es eben wagten. Der Baronet, der in keiner Beziehung Geschmack am Landleben fand und keine Art Vorliebe für den Ort selbst oder für irgend Jemanden, der dort lebte, hatte, erklärte, daß die Gesellschaft um Blackwater Park keine zweite Gelegenheit haben solle, ihn zu behelligen, und verließ von Stund’ an den Ort.

Nach kurzem Aufenthalte in London reiste er mit seiner Frau nach dem Festlande und kehrte nie wieder nach England zurück. Sie lebten zum Theil in Frankreich und zum Theil in Deutschland – jedoch stets in der Zurückgezogenheit, welche Sir Felix durch das krankhafte Gefühl seines Gebrechens zum Bedürfnisse geworden war. Ihr Sohn, Percival, war im Auslande geboren und dort von Privatlehrern erzogen worden. Von seinen Eltern war es seine Mutter, die er zuerst verlor. Sein Vater starb ein paar Jahre nach ihr, entweder im Jahre 1825 oder 1826. Sir Percival war ein paarmal vorher als junger Mann in England gewesen, aber seine Bekanntschaft mit dem verstorbenen Mr. Fairlie begann erst nach dem Tode seines Vaters. Sie wurden bald sehr vertraute Freunde, obgleich Sir Percival zu jener Zeit selten oder nie nach Limmeridge House kam. Mr. Frederick Fairlie war ihm vielleicht ein paarmal in Mr. Philipp Fairlie’s Gesellschaft begegnet, aber er konnte weder damals noch je später viel von ihm erfahren haben. Sir Percival’s einziger intimer Freund in der Familie Fairlie war Laura’s Vater gewesen.

Hierauf beschränkten sich die Einzelheiten, welche Marianne mir mitzutheilen im Stande war. Ich sah in ihnen Nichts, was meinem gegenwärtigen Zwecke hätte dienen können, doch schrieb ich sie mir sorgfältig auf, für den Fall, daß sie in Zukunft von Wichtigkeit werden könnten.

Mrs. Todd’s Antwort (welche sie auf unser Ersuchen an ein Postbureau in einiger Entfernung von uns adressirt hatte) war bereits dort angelangt, als ich hinging, um danach zu fragen. Das Glück, welches bisher so beharrlich gegen uns gewesen, wandte sich von diesem Augenblicke an zu unsern Gunsten. Mrs. Todd’s Brief enthielt den ersten Fingerzeig auf das hin, wonach wir forschten.

Mrs. Clements hatte (wie wir gemuthmaßt) an Mrs. Todd geschrieben, und nachdem sie sich wegen der plötzlichen Art und Weise entschuldigt, in der sie und Anna ihre Bekannten (an dem Morgen nach dem Tage, an welchem ich mit der Frau in Weiß im Gottesacker zu Limmeridge zusammengetroffen) verlassen, hatte sie Mrs. Todd von Anna’s Verschwinden unterrichtet und sie inständig gebeten, Nachfragen in der Umgegend anzustellen, in der Erwartung, daß die Verlorene ihren Weg nach Limmeridge gefunden habe. Zu dieser Bitte hatte Mrs. Clements die Adresse hinzugefügt, unter der man ihr immer mit Sicherheit schreiben könne, und diese Adresse übersandte Mrs. Todd jetzt an Marianne. Es war in London und innerhalb einer halben Stunde Weges von unserer Wohnung.

Des Sprichwortes eingedenk beschloß ich, »kein Gras unter meinen Füßen wachsen zu lassen.« Schon am folgenden Morgen machte ich mich auf den Weg, um mir eine Unterredung mit Mrs. Clements zu verschaffen. Dies war mein erster Schritt in den mir bevorstehenden Nachforschungen und hier beginnt die Erzählung des verzweifelten Versuches, den ich mir jetzt zur Pflicht gemacht hatte.

VI

Die von Mrs. Todd angegebene Adresse führte mich nach einem in einer anständigen Straße nahe bei Gray’s Road gelegenen Logirhause.

Als ich klopfte, wurde die Thür von Mrs. Clements selbst geöffnet Sie schien mich nicht zu erkennen und frug, was mein Anliegen sei. Ich erinnerte sie an unser Begegnen im Friedhofe zu Limmeridge am Schlusse meiner Unterredung mit der Frau in Weiß, wobei ich zu gleicher Zeit Sorge trug, sie auch daran zu erinnern, daß ich es war, der (wie Anna es ihr selbst gesagt) Anna Catherick’s Flucht aus der Irrenanstalt unterstützte. Dies war mein einziges Recht an Mrs. Clements Vertrauen. Sie erinnerte sich des Umstandes, sowie ich seiner erwähnte, und bat mich in der größten Spannung, ob ich ihr etwa Nachrichten über Anna bringe, in ihr Wohnzimmer zu treten.

Es war mir unmöglich, ihr die ganze Wahrheit zu sagen, ohne zugleich in Einzelheiten in Bezug auf den ausgeübten Verrath einzugehen, welche einer Fremden anzuvertrauen gefährlich gewesen wäre. Ich konnte mich nur auf das Vorsichtigste enthalten, falsche Hoffnungen zu erregen, und dann ihr erklären, daß der Zweck meines Besuches der sei, die Personen zu entdecken, die an Anna’s Verschwinden schuld wären. Ich fügte sogar, um mich gegen spätere Vorwürfe meines eigenen Gewissens zu schützen, hinzu, daß ich nicht die geringste Hoffnung habe, ihre Spur zu entdecken: daß ich glaube, wir würden sie selbst nie lebend wiedersehen und daß mein Hauptinteresse in der Sache dahin gehe, zwei Männer zur Strafe zu bringen, die ich im Verdachte habe, sie entführt zu haben, und von denen ich und mir sehr theure Angehörige bitteres Unrecht erfahren. Nach diesen Erklärungen überließ ich es Mrs. Clements zu sagen, ob unser Interesse an der Sache (welcher Unterschied auch immer in unseren Beweggründen sein möchte) nicht ein und dasselbe sei, und ob sie irgend Etwas dagegen habe, meinen Zweck durch solche Auskunft zu fördern, wie sie mir zu geben im Stande sei.

Die arme Frau war anfangs zu sehr verwirrt und bewegt, um mich genau zu verstehen. Sie konnte mir blos sagen, daß sie mir zum Danke für meine Güte gegen Anna Alles sagen wolle, was sie wisse. Doch da sie nie besonders schnell von Begriffen sei, wenn sie mit Fremden spreche, so bäte sie mich, ihr etwas zu helfen, indem ich ihr sagte, wo sie anzufangen habe.

Da ich aus Erfahrung weiß, daß die deutlichste Erzählung, die man von Leuten erhält, welche nicht daran gewöhnt sind, ihre Ideen zu ordnen, diejenige ist, welche gleich zu Anfang weit genug zurückgeht, um in ihrem Verlaufe alle Hindernisse der Rückblicke zu vermeiden, so bat ich Mrs. Clements, mir erst zu sagen, was sich zugetragen, nachdem sie Limmeridge verlassen, und auf diese Weise führte ich sie durch vorsichtige Fragen von einem Punkte zum andern, bis wir zu dem ihres Verschwindens kamen.

Die Auskunft, welche ich auf diese Weise erhielt, lief auf Folgendes hinaus:

Nachdem sie das Gehöft, Todd’s Ecke, verlassen, waren Mrs. Clements und Anna an dem Tage bis Derby gereist, wo sie Anna’s wegen sich eine Woche lang aufgehalten. Sie waren dann nach London zurückgekehrt und etwa einen Monat in dem Logis geblieben, das Mrs. Clements zur Zeit innegehabt, worauf Verhältnisse, welche sich auf das Haus und den Hauswirth bezogen, sie genöthigt hatten, ihre Wohnung zu verändern. Anna’s jedesmalige Angst, entdeckt zu werden, wenn sie in London oder der Umgegend spazieren zu gehen wagten, hatte allmälig auch auf Mrs. Clements gewirkt, und sie hatte deshalb beschlossen, sich nach einem der entlegensten Orte in England zurückzuziehen: nach der Stadt Grimsby in Lincolnshire, wo ihr verstorbener Mann seine ganze Jugend verlebt hatte. Seine Verwandten waren angesehene in der Stadt ansässige Leute, welche Mrs. Clements stets mit großer Freundlichkeit entgegengekommen waren, und es schien ihr, daß sie nichts Besseres thun könne, als dorthin zu gehen und sich von der Familie ihres Mannes Rath ertheilen zu lassen. Anna wollte nicht davon hören, daß sie zu ihrer Mutter nach Welmingham zurückkehrte, weil sie von dort aus nach der Irrenanstalt gebracht worden und weil Sir Percival sicher dorthin zurückkehren und sie dann finden würde. Es war dieser Einwand ein wohlbegründeter, und Mrs. Clements fühlte, daß derselbe nicht leicht zu beseitigen sei.

In Grimsby hatten sich die ersten ernstlichen Symptome von Anna’s Krankheit gezeigt. Dies war bald, nachdem die Nachricht von Lady Glyde’s Vermählung in den öffentlichen Blättern erschienen und auf diese Weise bis zu ihr gedrungen war.

Der Arzt, welcher zu der Kranken gerufen wurde, erkannte sofort, daß sie an einer gefährlichen Herzkrankheit litt. Die Krankheit währte lange, schwächte sie sehr und kehrte in Zwischenräumen, jedoch in gelinderem Grade, immer wieder. Sie blieben in Folge dessen während der ersten Hälfte des neuen Jahres in Grimsby und wären wahrscheinlich noch viel länger dort geblieben, hätte nicht Anna plötzlich den Entschluß gefaßt, nach Hampshire zurückzukehren, um sich eine heimliche Unterredung mit Lady Glyde zu verschaffen.

Mrs. Clements that Alles, was in ihrer Macht lag, um die Ausführung dieses gewagten und unbegreiflichen Vorsatzes zu hintertreiben. Anna gab keine Erklärung ihrer Beweggründe, außer daß sie glaube, der Tag ihres Todes sei nicht mehr ferne, und daß ihr Etwas auf dem Herzen laste, das sie auf alle Gefahr hin Lady Glyde im Geheimen mittheilen müsse. Ihr Entschluß hierin war so unerschütterlich, daß sie erklärte, sie werde allein nach Hampshire gehen, falls Mrs. Clements abgeneigt sei, sie zu begleiten. Der Arzt war, da man ihn zu Rathe zog, der Ansicht, daß, falls man ihrem Wunsche entschieden entgegenträte, Dies aller Wahrscheinlichkeit nach einen zweiten und vielleicht gar tödtlichen Anfall ihrer Krankheit zur Folge haben würde, weshalb Mrs. Clements auf seinen Rath der Nothwendigkeit nachgab und nachmals mit traurigen Vorahnungen von kommender Noth und Gefahr Anna Catherick ihren Willen haben ließ.

Auf der Reise von London nach Hampshire fand Mrs. Clements, daß einer ihrer Reisegefährten genau mit der Umgegend von Blackwater Park bekannt war und ihr jede Auskunft in Bezug auf die Lokalitäten geben konnte, welcher sie bedurfte. Auf diese Weise erfuhr sie, daß der einzige Ort, an dem sie sich aufhalten konnten, der nicht in gefahrvoller Nähe von Sir Percival’s Wohnung gelegen, ein großes Dorf Namens Sandon sei. Die Entfernung desselben von Blackwater Park war zwischen drei und vier (engl.) Meilen – und diese Strecke war Anna Catherick jedesmal, wo sie in den Parkanlagen am See erschien, zu Fuße hin und zurück gegangen.

Während der wenigen Tage, welche sie, ohne entdeckt zu werden, in London zugebracht, hatten sie ein wenig außerhalb des Dorfes in der Hütte einer achtbaren Witwe gewohnt, welche ein Schlafzimmer zu vermiethen gehabt, und deren Schweigen Mrs. Clements wenigstens während der ersten Woche sich zu sichern vermocht. Auch hatte sie ihr Möglichstes versucht, um Anna zu bewegen, sich erst damit zu begnügen, daß sie an Lady Glyde schreibe. Doch das Mißlingen der Warnung in dem anonymen Briefe, welchen sie nach Limmeridge geschickt, hatte Anna entschlossen gemacht, diesmal zu sprechen, und sie blieb hartnäckig bei ihrem Beschlusse, allein ihrem Vorhaben nachzugehen.

Mrs. Clements folgte ihr dessenungeachtet jedesmal heimlich nach dem See, ohne sich jedoch dem Boothause nahe genug zu wagen, um zu sehen und zu hören, was dort vorging. Als Anna das letztemal aus der gefahrvollen Nachbarschaft zurückkehrte, hatte die Anstrengung, Tag für Tag zu Fuße eine Strecke zu gehen, die weit über ihre Kräfte ging, und die entkräftigende Wirkung der Aufregung, welche sie erduldete, die Folge, welche Mrs. Clements längst befürchtet. Der alte Schmerz über dem Herzen und die anderen Symptome der Krankheit, welche sie in Grimsby gehabt, zeigten sich abermals und fesselten Anna an ihr Bett in dem Häuschen.

Unter diesem Drangsale war es, wie Mrs. Clements aus Erfahrung wußte, vor Allem nothwendig, Anna’s Besorgnisse zu beruhigen, zu welchem Zwecke die gute Frau folgenden Tages nach dem See ging, um zu sehen, ob sie nicht mit Lady Glyde werde sprechen (die, wie Anna ihr sagte, ihren täglichen Spaziergang dorthin machen würde) und sie überreden können, heimlich mit ihr nach der Hütte in Sandon zurückzukehren. Als sie am Saume der Pflanzung anlangte, begegnete Mrs. Clements nicht Lady Glyde, sondern einem großen, starken ältlichen Herrn, der ein Buch in der Hand hielt – mit einem Worte, dem Grafen Fosco.

Der Graf frug sie, nachdem er sie erst einen Augenblick sehr aufmerksam betrachtet, ob sie dort Jemanden zu treffen erwarte, und fügte dann, ehe sie noch Etwas erwidern konnte, hinzu, daß er selbst dort mit einer Botschaft von Lady Glyde warte, jedoch nicht sicher sei, ob die Person vor ihm der Beschreibung derjenigen entspreche, an die er abgeschickt sei.

Hierauf vertraute Mrs. Clements ihm sofort ihr Anliegen und bat ihn inständig, ihr behülflich zu sein, Anna’s Besorgnisse zu beschwichtigen, indem er ihr Lady Glyde’s Botschaft anvertraue. Der Graf erfüllte ihre Bitte auf das Freundlichste und Bereitwilligste. Was Lady Glyde ihm zu sagen aufgetragen, sei, wie er sagte, von größter Wichtigkeit. Lady Glyde bitte Anna und ihre gute Freundin dringend, unverzüglich nach London zurückzukehren, da sie überzeugt sei, daß, falls sie noch länger in der Umgegend von Blackwater Park blieben, Sir Percival sie entdecken würde. Sie selbst werde in Kurzem nach London reisen, und falls Mrs. Clements und Anna ihr vorausreisen und sie dann von ihrer Adresse in Kenntniß setzen wollten, so sollten sie in weniger als vierzehn Tagen entweder sie sehen oder von ihr hören. Der Graf fügte hinzu, daß er bereits versucht habe, Anna selbst eine freundschaftliche Warnung zu geben, daß sie jedoch beim Anblicke eines Fremden zu sehr erschrocken gewesen, um ihn näher zu kommen und mit ihr sprechen zu lassen.

Mrs. Clements erwiderte hierauf in der größten Unruhe und Bestürzung, daß sie es wohl zufrieden sei, Anna nach London und in Sicherheit zu bringen, daß aber für jetzt keine Hoffnung vorhanden, sie aus der gefahrvollen Nachbarschaft zu entfernen, da sie augenblicklich krank im Bette liege. Der Graf erkundigte sich, ob Mrs. Clements ärztlichen Beistand geholt, und da er hörte, daß sie bisher aus Furcht, dadurch die Aufmerksamkeit des Dorfes auf sich zu ziehen, angestanden, dies zu thun, erklärte er ihr, daß er selbst Arzt sei und mit ihr zurückgehen wolle, um zu sehen, was für Anna gethan werden könne. Mrs. Clements (da sie ein erklärliches Zutrauen zu einem Manne fühlte, dem Lady Glyde einen heimlichen Auftrag anvertraut hatte) nahm das Anerbieten dankbar an, und Beide kehrten dann zusammen nach der Hütte zurück. Anna schlief, als sie dort anlangten. Der Graf fuhr bei ihrem Anblicke überrascht zusammen (offenbar in Erstaunen über ihre Aehnlichkeit mit Lady Glyde); die arme Mrs. Clements glaubte blos, weil es ihn erschreckte, zu sehen, wie krank sie war. Er wollte nicht zugeben, daß sie geweckt würde, sondern begnügte sich damit, Mrs. Clements über die Symptome auszufragen, sie zu betrachten und leise ihren Puls zu fühlen. Der Ort Sandon war groß genug, um einen Apothekerladen zu besitzen, und dorthin begab sich der Graf, um das Recept zu schreiben und die Medicin machen zu lassen. Er brachte dieselbe selbst zurück und unterrichtete Mrs. Clements, daß es ein starkes Reizmittel sei und Anna Kraft geben werde, aufzustehen und die Reise von nur wenigen Stunden nach London auszuhalten. Die Medicin sollte zu bestimmten Zeiten an diesem und dem nächstfolgenden Tage eingegeben werden; am dritten werde sie dann wohl genug sein, um zu reisen, und er kam mit Mrs. Clements überein, sie an der Station von Blackwater zu treffen und mit dem Mittagszuge abreisen zu sehen. Falls sie nicht kämen, würde er annehmen, daß Anna’s Zustand sich verschlimmert habe und dann augenblicklich nach der Hütte kommen.

Diese letztere Nothwendigkeit trat jedoch nicht ein.

Die Medicin hatte eine erstaunliche Wirkung auf Anna, und der Erfolg derselben wurde noch durch die Versicherung unterstützt, welche Mrs. Clements ihr jetzt geben durfte: daß sie nämlich binnen Kurzem Lady Glyde in London sehen werde. An dem bestimmten Tage und Zeitpunkte (nachdem sie sich im Ganzen kaum eine Woche in Hampshire aufgehalten) trafen sie auf der Station ein. Der Graf erwartete sie hier und war mit einer ältlichen Dame, welche ebenfalls mit diesem Zuge nach London zu fahren schien, in Unterhaltung begriffen. Er leistete ihnen den freundlichsten Beistand beim Einsteigen, indem er Mrs. Clements bat, nicht zu vergessen, Lady Glyde ihre Adresse zu schicken. Die ältliche Dame reiste nicht mit ihnen in demselben Coupé und sie sahen nicht, was aus ihr wurde, als sie in London anlangten. Mrs. Clements nahm eine anständige Wohnung in einer stillen Nachbarschaft und schrieb dann, wie sie versprochen, um Lady Glyde von ihrer Adresse in Kenntniß zu setzen.

Žanrid ja sildid
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04 detsember 2019
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