Mörderische Ostsee

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Mörderische Ostsee
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Claudia Schmid

Mörderische Ostsee

Krimis


Zum Buch

Von Flensburg bis Helsinki Erliegen Sie dem speziellen Charme Stockholms, erkunden Sie das Venedig des Nordens und umrunden die Ostsee – gemeinsam mit dem kultigen Ehepaar Edelgard und Norbert. Dabei entlocken Sie einer Insel des Schärengartens ein schauriges Geheimnis und treffen in Tallinn die Journalistin Marja, die im pulsierenden Sankt Petersburg die Bekanntschaft einer äußerst bemerkenswerten Dame machte. Gemeinsam mit Marja spüren Sie im Baltikum der bewegenden Lebensgeschichte einer betagten Nachbarin nach, wobei Edelgard in Klaipeda einer geheimnisvollen Schriftstellerin begegnet. In Danzig dagegen wittert sie einen hinterhältigen Betrug. Schließlich geht es längs der deutschen Küste gewohnt aufregend weiter – unter anderem in Flensburg. In Kopenhagen kehren Sie in einer ungewöhnlichen Pension ein. Natürlich stolpern Sie während der Reise über ominöse Kriminalfälle – und über Leichen. Immer inmitten einer atemberaubend schönen Landschaft und vor dem Hintergrund faszinierender Städte.

Claudia Schmid lebte in Passau, bevor sie sich ihren Traum erfüllte und an der Mannheimer Universität Germanistik studierte. Seit 30 Jahren wohnt sie nun in der Metropolregion Rhein-Neckar, nahe Heidelberg, und schreibt Kriminelles, Historisches, Reiseberichte, Hörspiele und Theaterstücke. Neben ihren Büchern hat die Ehren-Kriminalkommissarin der Polizei Mannheim-Heidelberg über vier Dutzend Kurzgeschichten veröffentlicht. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin ist auch als Redakteurin von »kriminetz.de« sowie als Kommunikationstrainerin tätig und übernimmt mit Vorliebe kleine Rollen in Fernsehkrimis. Lesetermine der Autorin finden Sie auf www.claudiaschmid.de.

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Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Susanne Tachlinski

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © riebevonsehl / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6770-7

Inhalt

Zum Buch

Impressum

Widmung

Erdbeerwild (Stockholm, Schweden)

Dame mit Schirm (Sankt Petersburg, Russland)

Vollgetankt (Tallinn, Estland)

Von einer, die auszog, ihr Glück zu suchen (Riga, Lettland)

Lindas Verschwinden (Klaipeda, Litauen)

Die Puppe (Vilnius, Litauen)

Das Gold der Ostsee (Danzig, Polen)

Kein Hoch auf die Familie (Lübeck, Lübecker Bucht, Deutschland)

Ferienwohnung mit Anschluss (Flensburg, Deutschland)

Das Katzenzimmer (Kopenhagen, Dänemark)

Verschnupft (Helsinki, Finnland)

Worte im Nachklang und Dank

Karte

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Widmung

Gewidmet all denen,

die auf der Suche nach Heimat sind.

Erdbeerwild
(Stockholm, Schweden)

Es war ihm nicht möglich, seine Beine auszustrecken. Schon jetzt bemerkte er, wie es zu kribbeln begann. Zunächst nur zögerlich, aber er wusste ganz genau, dies würde bis zur Unerträglichkeit zunehmen. Als ob kleine Ameisen in seinen Nervenbahnen unterwegs wären. Außerdem saß der Gurt stramm und fesselte ihn. Zu atmen fiel ihm schwer. Er spürte, wie sich kleine Tropfen aus Schweiß an mehreren Stellen seines Körpers bildeten und zu kleinen Lachen sammelten. Einatmen, ausatmen. Konzentration. Es war wichtig, Ruhe zu bewahren. Das hatte er irgendwo gelesen, er hatte die Quelle vergessen. Sobald er in Panik verfiel, war alles zu spät. Er kam hier nicht raus. Es lag nicht in seiner Hand. Dabei hatte er sich nichts vorzuwerfen. Absolut nichts. Er war hier gegen seinen Willen.

Es hatte so schön begonnen. Die Planung hatte er jedoch ihr überlassen. Dass dies ein großer Fehler gewesen war, fiel ihm jetzt wie Schuppen von den Augen. Diese Erkenntnis kam zu spät für ihn. Es gab kein Zurück. Er steckte ziemlich in der Klemme. Ob er das hier überleben würde? Er selbst schätzte seine Chancen dafür als ziemlich gering ein. Hatte er überhaupt ein Testament gemacht? Solange er niemanden eigens festlegte, ging alles den normalen gesetzlichen Weg. Seine Frau und ihr gemeinsamer Sohn waren seine Erben. Die Lebensversicherung wies einzig seine Frau als Begünstigte aus. Ob sie ihrem Sohn etwas davon abgeben würde? Er jedenfalls wünschte es sich. Herrgott noch mal, weshalb fiel ihm das ausgerechnet jetzt ein? Als ob es in dieser aussichtslosen Situation nichts Wichtigeres für ihn gäbe.

Er spürte das leise Rütteln und vernahm ein schnurrendes Geräusch. Es begann also. Seine letzten Minuten brachen an. Seine Atmung ging flach. Er mühte sich ab, so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen. Wieso war er so grenzenlos dumm gewesen, ihr zu vertrauen? Das hatte er nun davon. Seine eigene Gutmütigkeit war der einzige Grund für seine missliche Lage. Er trug selbst die Schuld daran. Das machte es nicht leichter für ihn.

»Norbert?« Edelgard griff entschlossen nach der Hand ihres Mannes. »Weshalb bist du so still? Du sagst gar nichts.« Sie tätschelte seinen Arm. »Du hättest besser Julians Geschenk annehmen sollen.«

»Was?«, klang es gepresst aus der Kehle ihres Mannes.

»Diesen Kurs gegen Flugangst. Julian wollte dir einen schenken! Aufgedrängt hat er ihn dir regelrecht. Meine Güte, wie einem kranken Gaul hat er dir zugeredet. Aber du wolltest ja nicht. Stur wie ein alter Esel. Du bist blass, mein Lieber. Möchtest du etwas zu trinken?«

Norbert schüttelte den Kopf.

»Guck, jetzt sind wir schon auf der Startbahn. Meine Güte, zu Beginn ist es immer ein wenig wie Busfahren. Aber das legt sich rasch.«

»Aus einem Bus kann ich jederzeit aussteigen. Aus diesem Ding hier nicht.«

»Jetzt übertreibst du aber, Norbert. Der Busfahrer lässt dich nur an den festgelegten Haltestellen aussteigen. Dazwischen sitzt du genauso fest wie in einem Flugzeug.«

»Aber …« Norbert brach ab. Er wusste aus Erfahrung, Edelgard würde nicht damit aufhören, die Vorzüge einer Flugreise zu preisen. Im Gegensatz zu ihm war sie allerdings völlig frei von Flugangst, die ihm jedoch im Moment das Leben ziemlich vermieste.

»Stell dir bloß vor, wir wären erst mit dem Zug an die Ostsee gefahren, um die Fähre weiter nach Stockholm zu nehmen. Weißt du, wie lange wir da unterwegs wären? Dieser Flug hier«, sie drückte seine Hand, »dauert lediglich zwei Stunden. Norbert, bis wir unsere Flughöhe erreicht haben, gehen wir bald schon wieder in den Sinkflug.«

Norberts Gesichtsfarbe, bis dahin leidlich rosa, hellte sich auf. Er wirkte ziemlich käsig, mit einer leichten Tendenz zu grün.

Edelgard riss beherzt eine Tüte aus dickem Papier aus dem Netz, das an der Rücklehne des Sitzes vor ihr angebracht war, und drückte sie ihrem Mann in die Hand. »Für alle Fälle.«

Für den Rest des Fluges schwieg Norbert, sosehr Edelgard sich auch bemühte, ihm ein weiteres Wort zu entlocken. Als er nach der Landung endlich den für ihn sehr engen Gurt lösen und aufstehen durfte, zerrte er vom Gang aus sein Gepäckstück aus dem Klappfach über ihren Sitzen. Dass die Passagiere hinter ihm warten mussten, weil es nicht auf Anhieb klappte, brachte ihn nicht aus der Ruhe. Heute würde ihn überhaupt nichts mehr dazu veranlassen, seine Fassung zu verlieren. Er hatte soeben diesen Todesflug überstanden und war heil davongekommen. Schlimmeres als die beiden letzten Stunden, in denen er aus Angst sein Hemd komplett durchgeschwitzt hatte, konnte ihm nicht passieren.

 

*

Sie liebte das Blau des Wassers, das es während klarer Tage annahm, besonders. Die Sonne schien im Juni schon in den frühen Morgenstunden mit einer Intensität, die sie in Mitteleuropa höchstens um die Mittagszeit erreichte, bevor sie am späten Nachmittag bereits wieder schwächelte. In Schweden jedoch war das Licht während der Sommerhälfte von einer Klarheit, die alles durchdrang. Das Wasser in den Schären war von einer ganz eigenen Farbe, wie sie es sonst nirgendwo anders erlebt hatte. Sie fühlte sich mit jeder Faser ihres Körpers hier zu Hause. Der Platz, an den sie eindeutig gehörte. Nirgendwo sonst auf der Welt hatte sie dieses Gefühl. Die Luft, die sie einsog, durchströmte ihre Lunge und drang vor bis in die Spitzen der Bronchien, von wo aus der Sauerstoff ihren Körper mit dem lebenswichtigen Stoff versorgte. Es fühlte sich für sie an, als würde sie bis in die Zehenspitzen hinein atmen. Obwohl sie natürlich wusste, dass dies physikalisch nicht möglich war. Alles war so lebendig, hier im Einssein mit der Natur. Nichts in der Welt brachte sie von hier weg. Kein verlockendes Jobangebot, auch kein Liebhaber, der sie zum Umzug in eine andere Stadt bewegen wollte.

Wie von Riesenhand zerstreut lagen die mehreren Tausend Inseln unterschiedlicher Größe vor Stockholm. Die Ostsee umspülte die steinernen Gebilde. Wenn nicht viel los war, kamen sogar Seehunde. Die größeren Inseln waren beliebte Ausflugsziele für Feierlustige. Mit Schrecken dachte sie an Mittsommer. Dann schwärmten wieder alle aus. Einige legten sogar an Privatinseln an. Sie wollte keinen Besuch auf ihrer Insel. Erst recht keinen ungebetenen.

Ihre Insel hatte bereits dem Großvater gehört, der sie irgendwann einmal gekauft hatte. Er war es gewesen, der das kleine rote Holzhaus mit den weißen Fensterrahmen errichten ließ. Soweit sie ihre Erinnerungen zurückverfolgen konnte, hatte sie während ihrer Kindheit dort die meisten Wochenenden und die Urlaubszeit des Vaters verbracht. Im Sommer hatten sie alle gemeinsam mit angepackt, das Haus zusammen neu angestrichen und nötige Renovierungsarbeiten durchgeführt. Ihre Mutter hatte das Haus nicht gemocht, da es ohne Strom und nur mit Holz zu beheizen war. Irgendwann war die Mutter nicht mehr mitgefahren und an den Wochenenden in der Stadt geblieben, wo es für sie bequemer war. Vielleicht lag es ein wenig daran, dass sie Gustav nicht mochte. Vaters große schwarze Dogge, die sich auf der Insel frei bewegen durfte. Gustav liebte es, sich, wenn jemand irgendwo saß, von hinten anzuschleichen und plötzlich seinen Kopf über dessen Schulter zu recken. Des Öfteren war die Mutter dabei fürchterlich erschrocken und hatte sich über das Tier beschwert. Ihr Mann lachte nur dazu und tätschelte Gustav den Nacken.

Wer hätte es dem Vater verübeln wollen, sich eine Geliebte zu nehmen? Eine, die mit ihm auf seine Insel fuhr? Nach dem Ableben des Großvaters war die Insel wie selbstverständlich in seinen Besitz übergegangen. Seine Schwester, die in New York lebte, zeigte kein Interesse daran. Wie sie überhaupt kaum mehr nach Stockholm reiste. Der letzte Besuch ihrer kinderlosen Tante lag viele Jahre zurück. Der Kontakt zu ihr war lose.

Wenn der Vater eines Tages nicht mehr da war, dann ging das Eiland in ihr Eigentum über. Das hatte sie ihm in die Hand hinein versprochen. Ihm lag viel daran. Galt es doch, das Geheimnis der Insel zu wahren. Ein Geheimnis, das die beiden teilten und welches sie miteinander verband. Um das sie niemand, der davon in Kenntnis gelangen sollte, beneiden würde. Es war besser, nur sie beide wussten davon. Und sie setzte alles daran, dass dies so blieb. Wirklich alles. War sie denn nicht immer Vaters kleines Mädchen gewesen? Der Vater hatte ihr immer näher gestanden als ihre Mutter. Weitaus näher.

Sie erhob sich von dem großen runden Stein, auf dem sie gegessen hatte, und ging zum Haus zurück.

*

Nachdem Norbert sich beruhigt hatte und er und Edelgard endlich im Besitz ihres vollständigen Gepäcks waren, suchte er mitsamt seinem Koffer eine der Flughafentoiletten auf. Als er wieder herauskam, trug er ein frisches Hemd.

»Du hast nicht viele Hemden dabei«, empörte sich Edelgard. »Sollen wir gleich zu Beginn einen Waschsalon aufsuchen?« Sie selbst trug eine leichte Baumwollhose und eine Bluse aus Leinen, die perfekt mit ihrer Haarfarbe harmonierte. Unmittelbar vor ihrer Reise war sie bei ihrer Friseurin gewesen und hatte sich einen neuen Haarschnitt gegönnt. Ihr kinnlanges Haar war frisch durchgestuft, was ihm deutlich mehr Fülle verlieh. Die leichten Strähnchen, die je nach Lichteinfall farblich changierten, waren ein Vorschlag von Sandra gewesen, der sie seit Jahren in diesen Dingen bedingungslos vertraute. Ein frisches Make-up, abgestimmt auf die Bedürfnisse nicht mehr ganz junger Haut, komplettierte ihren Auftritt.

»Julian wird ja wohl eine Waschmaschine haben.«

»Lieber Himmel! Wir wollen dem Bub nicht zur Last fallen.«

»Weshalb dem Bub? Du wirst sie doch auch einschalten können. Oder hast du das verlernt?«

»Papperlapapp. Ich habe Urlaub! Schon vergessen? Wo ist Julian überhaupt? Er will uns doch hier in Arlanda abholen.«

»Ich hätte nichts gegen frische Luft einzuwenden. Lass uns nach draußen gehen. Womöglich wartet er dort auf uns.« Norberts Blick verweilte trotzdem kurz an der einladenden Theke eines Fastfood-Restaurants, das auf einem großen Plakat einen Bio-Burger anpries. »Guck, die Burger sehen richtig gut aus.«

»Mom! Paps! Hej!«

»Hej, Julian!« Edelgard ließ ihren Koffer stehen und umarmte ihren Sohn, der auf sie zugestürmt war.

»Edelgard! Soll dir der Koffer wieder geklaut werden? So wie damals in Berlin, als wir deine Großtante auf diesem Kreuzfahrtschiff besuchten? Willst du nicht besser auf ihn achten?«

Seine Frau ignorierte den Einwand und konzentrierte sich stattdessen auf ihren Sohn. »Gut siehst du aus, Julian. Ich bin so neugierig auf die Stadt. Und auf deine Wohnung! Meine Güte, ich war noch nie in Skandinavien. Das ist wirklich aufregend! Wer hätte gedacht, dass wir einmal hierherreisen?«

Nachdem Norbert Julian, der ihn beinahe um Haupteslänge überragte, ausgiebig auf die Schulter geklopft hatte, nahm Edelgard den Griff ihres Koffers wieder auf.

»Wir fahren mit dem Zug in die Stadt. Das ist sogar relativ preiswert. Die Station erreichen wir von hier aus zu Fuß.«

»Verstehe. Du hattest die ganze Zeit über schon am Telefon gesagt, dass hier alles so teuer ist.« Edelgard nickte ihrem Sohn wissend zu.

»Für Urlauber beispielsweise aus Deutschland. Für die Stockholmer nicht so sehr, die verdienen entsprechend. Was wirklich teuer ist, sind Wohnungen. Ich selbst bin richtig gut dran, weil ich von meiner Firma eine zur Verfügung gestellt bekommen habe.«

»Auf die bin ich echt gespannt, Julian.« Edelgard strahlte ihn an.

»Außerdem ist es toll, dass wir nicht in ein teures Hotel müssen, sondern auf deiner Gästecouch übernachten dürfen«, ergänzte Norbert.

»Alter Geizhals. Von dem gesparten Geld können wir toll mit Julian essen gehen.«

»Kommt, der nächste Zug fährt bald. Ich habe für euch Wochenkarten besorgt.« Julian zog zwei aufladbare Plastikkarten aus seiner Jackentasche. »Die müsst ihr bei jedem Betreten einer Station am Eingang ans Lesegerät halten.«

Julian war ihr einziges Kind. Als er klein war, hatte Edelgard sogar ein paar Jahre auf eine eigene Berufstätigkeit verzichtet und ganz für ihre Familie gelebt. Später, als Julian aufs Gymnasium kam, hatte es sich ergeben, dass die Pfarrerin in ihrem Ort eine Sekretärin suchte. Für Edelgard war es der perfekte Job.

Während sie ihren Sohn anhimmelte, freute sie sich wie schon so oft darüber, dass Julian vom Aussehen her nach ihrer Verwandtschaft kam und keine Ähnlichkeit mit seinem sehr rundlich gewordenen, nicht allzu hoch gewachsenen Vater aufwies. Julian war größer als seine Eltern und schlank wie seine Mutter. Sein dichtes Haar war wie Edelgards dunkelblond, die Augen braun. Ihre Schwiegermutter hatte früher wegen der mangelnden Ähnlichkeit Julians mit seinem Vater öfter spitze Bemerkungen gemacht. Als sie Norbert unverhohlen einen Vaterschaftstest empfahl, verbot ihr dieser empört, jemals wieder einen solchen Verdacht zu äußern. Auch wenn die Ehe mit Norbert aus Edelgards Sicht nicht immer ein Grund zum Jubeln war und sie früher das eine oder andere Mal tief in sich den Wunsch verspürt hatte, etwas nachzuhelfen, um endlich Witwe zu werden, so gestand sie sich inzwischen ein, dass Norbert durchaus seine guten Seiten hatte.

Zu Edelgards Bedauern war die Schwiegermutter damals jedoch nicht lange gekränkt gewesen und setzte ihre ausgiebigen Besuche bei ihnen unverdrossen fort. Nachdem im Anschluss an Julians Konfirmation nach ihrer Abreise Julians Zahnbürste auf unerklärliche Weise verschwunden war, setzte die Schwiegermutter wenig später völlig überraschend ihren Enkel im Testament sogar als Alleinerben ein. Norbert hatte ihr bereits mehrfach vergeblich dazu geraten, um eine Generation mit der Erbschaftssteuer zu überspringen. Da er selbst als Jurist im Finanzamt tätig war, kannte er sich aus mit solchen Dingen.

Norbert und Julian saßen ihr im Zug gegenüber. Der Vater befragte den Sohn zu seiner Arbeit bei einer großen Versicherungsgesellschaft. Aber darüber war Edelgard bereits hervorragend informiert, da sie selbst regelmäßig mit Julian telefonierte. Sie blickte aus dem Fenster, als sie durch die Vororte Stockholms fuhren. Leider hatte sie Julian zu der Zeit, als er auf Malta arbeitete, nicht besucht. Diesen Fehler wollte sie während seines Aufenthaltes in Schweden nicht wiederholen.

Sie spürte eine Hand auf ihrem Arm.

»Mom, wir müssen umsteigen. Wir sind an der Centralstation angekommen. Wir müssen in die grüne Linie.«

»Grüne Linie?«

»Jede Linie der U-Bahn hat eine andere Farbe, so kann man sie leicht auseinanderhalten. Wir müssen in Richtung ›Hässelby strand‹ fahren. Wir steigen in Bromma aus. Das ist der Vorort, in dem ich wohne.«

Nachdem sie die S-Bahn-Haltestelle verlassen hatten, folgten sie der Straße, die zur linken Seite leicht bergauf führte. Zu ihrer Überraschung stellte Edelgard fest, dass viele Fenster der Häuser, an denen sie vorbeigingen, nicht mit Gardinen verhangen waren, so, wie sie es von zu Hause her kannte.

»Die Fenster, ich weiß nicht. Das sieht irgendwie nackig aus. Gar nicht gemütlich.«

»Die Schweden wollen vermutlich das wenige Licht während des dunklen Halbjahres nicht aussperren und haben deshalb keine Gardinen.«

»Da kann doch jeder reingucken! Außerdem ist es jetzt Sommer. Da wird es doch kaum dunkel.«

»Mom, in Schweden guckt man fremden Leuten nicht durchs Fenster in die Wohnung.«

Edelgard schüttelte den Kopf. »Wieso denn nicht? Ich finde es großartig, im Winter spazieren zu gehen und durch Fenster in beleuchtete Wohnzimmer zu linsen. Das ist so heimelig. All die mit Lichterketten geschmückten Räume. Also wirklich! Wenn jemand nicht will, dass man bei ihm hineinguckt, muss er halt die Vorhänge zuziehen!«

Julian lächelte nachsichtig. Die sprichwörtliche Neugierde seiner Mutter war ihm bewusst. »Die Leute hier sind eben anders. Zurückhaltender als in Deutschland. Wer sein Fenster trotzdem blickdicht machen will, kann die Jalousie herunterlassen. Dazu muss man doch keine Staubfänger aus Stoff ans Fenster hängen.«

Norbert blieb nach ein paar Metern schwer atmend stehen.

»Paps, soll ich deinen Koffer nehmen?« Julian wandte sich besorgt seinem Vater zu.

Norbert schielte nach seiner Frau. Unter normalen Umständen hätte er Edelgard den Koffer jetzt aufs Auge gedrückt. Schließlich verfügte sie über zwei kräftige Arme. Aber wenn sein Sohn dabei war, ging das natürlich nicht. Was sollte der denn von seinem Vater denken? Doch auch Julian wollte er sein Gepäckstück nicht übergeben – er sollte schließlich nicht fälschlicherweise annehmen, er sei alt und kraftlos.

»Passt schon«, sagte er deshalb resigniert und setzte sich tapfer erneut in Bewegung.

Edelgard passte sich seinem Tempo an und ging hinter ihm. Das neue Outfit, das sie ihrem Göttergatten für den Besuch bei Julian mit viel Mühe aufgeschwatzt hatte, stand ihm gut, stellte sie bei sich fest. Sein uralter beigefarbener Breitcordanzug, den er mit Vorliebe trug, befand sich ohnehin beinahe in Auflösung. Den hatte sie kurz vor ihrem Abflug heimlich in einer Box für Kleiderspenden entsorgt. Norbert hatte die Nähte des guten Stücks derart beim Tragen überdehnt, dass der Stoff an einigen Stellen bereits mürbe geworden war. Man hätte gut und gern eine Zeitung durch ihn hindurch lesen können. Sie hatte ihren Mann zwei Wochen vor der Reise mit der Idee zu einer spontanen Einkaufstour überrumpelt und ihm eine komplett neue Garderobe aus warmen Erdtönen aufgeschwatzt. Norbert hatte zwar etwas gemurrt, als er an der Kasse den Zahlbetrag sah. Nichtsdestotrotz hatte ihn Edelgard zu einem Friseur bugsiert und dem heimlich ins Ohr geraunt, er solle ihrem Mann einen modischen Haarschnitt verpassen, während sie die prall gefüllten Tüten ans Auto schleppte. Ihrem Wunsch, das Rasieren zu vernachlässigen und sich einen Bart stehen zu lassen, hatte Norbert sich bislang erfolgreich verweigert. Edelgard lächelte still. Ihr Mann wusste nicht, dass sie das Ladegerät seines Rasierers heute früh heimlich aus seinem Kulturbeutel entfernt hatte. Sie war gespannt darauf, wie er mit Bart aussehen würde. Früher hatte sie gedacht, zu viel Gesichtsbehaarung stünde ihm nicht. Aber wieso nicht mal etwas Neues wagen?

 

Die Blocks, auf die sie zusteuerten, waren im nüchternen Stil gehalten. Jede Wohnung war mit einem großen Balkon ausgestattet. Zwischen den Häusern wuchsen hohe Kiefern. Es wirkte auf Edelgard so, als wäre die Siedlung in einen bereits vorhandenen Wald gebaut worden.

»Weshalb sind denn die Autos nur auf einer Straßenseite geparkt? Ist das hier eine Einbahnstraße?« Edelgard wunderte sich.

»Ist es nicht, aber es ist ziemlich wichtig, die Parkvorschriften zu beachten. Wegen der Straßenreinigung darf man an bestimmten Tagen nur auf einer der beiden Seiten parken. Sonst kommt die lapplisa.«

»Die wer?«

»So heißen die Politessen auf Schwedisch.«

Julian benutzte einen kurzen gewundenen Weg, um zur Haustüre zu gelangen. Dort tippte er einen Code in ein metallenes Tastenfeld ein. Daraufhin ertönte ein Summen und Julian drückte die Tür auf.

»Edelgard, das wäre was für dich! So oft, wie du deine Schlüssel suchst!« Er wandte sich an seinen Sohn. »Die Handtasche deiner Mutter weist unergründliche Tiefen auf.«

Edelgard prustete los. »Und für dich erst! Wo du dir nicht einmal die Geheimzahl deiner Kreditkarte merken kannst. Du könntest gleich ein Abo beim Schlüsseldienst buchen.«

Norbert ging wortlos ins Haus.

Im ersten Stock angelangt, öffnete Julian mit derselben Methode seine Wohnungstür.

Die Wohnung selbst war hell und übersichtlich eingerichtet. Deshalb wirkte sie nicht so beengt, wie Edelgard zunächst befürchtet hatte. Der helle Parkettboden und die weiß getünchten Wände ließen in Verbindung mit der klug gewählten Einrichtung die Räume größer erscheinen, als sie tatsächlich waren. Ihr Sohn war offensichtlich noch nicht dazu gekommen, Bilder aufzuhängen. Sie nahm sich vor, ihm, sobald sie wieder zu Hause war, ein Poster zu senden. Eines von ihnen dreien, auf Fotoleinwand gedruckt.

»Die 50 Quadratmeter sind aber wirklich gut aufgeteilt«, staunte sie, als sie von der Küche aus durch einen kleinen Schlafraum mit Bett und einer unterhalb der Decke befestigten Stange als Schrankersatz in das Wohnzimmer ging, wo neben einer bequemen Sitzgruppe ein kleiner Esstisch mit vier weißen Stühlen stand. Auf der schmalen Fensterbank neben der Balkontür befand sich ein Topf mit einer weißen Orchidee. »Außerdem ist es klasse, dass du Urlaub bekommen hast, während wir hier sind.«

»Ich habe mir gedacht, heute essen wir hier. Die Couch lässt sich ausziehen, die müsste für euch beide reichen.«

»Für mich schon«, griente Norbert, während Edelgard auf den Balkon trat.

»Ein Reh! Dort, zwischen den Bäumen!«, rief sie erstaunt aus.

»Die kommen hier öfter her. Weil ihnen niemand etwas tut, sind sie ganz schön zutraulich.«

»Was ist mit Elchen?«, wollte Edelgard wissen.

Julian lachte. »Dazu müssen wir nach Skansen. Dort könnt ihr Elche mitten in der Stadt sehen.«

»Skansen? In unserem Reiseführer steht, das ist ein Freilichtmuseum«, mischte Norbert sich ein.

»Es ist ein Freilichtmuseum und ein Zoo. Man kann es mit einem gemeinsamen Ticket besuchen.«

Während die beiden Männer sich zurück ins Wohnzimmer begaben, nahm Edelgard den schräg gegenüberliegenden Block genauer in Augenschein. Er hatte fünf Etagen, genau wie der, in dem sie momentan weilte. Die Balkone ohne Blumenschmuck erinnerten sie an den des schwedischen Kommissars Beck in der gleichnamigen Fernsehkrimireihe, der einen ähnlichen hatte. Des Öfteren wurde der müde Kommissar zu Feierabend von seinem Nachbarn, der aus für sie ungeklärten Gründen eine Halskrause trug, behelligt. Bestimmt war das Tragen der Halskrause prompt in einer der wenigen Folgen erklärt worden, die sie nicht kannte.

Der unterste Balkon gegenüber weckte spontan ihre Aufmerksamkeit. Eine junge Frau mit schulterlangen blonden Haaren eilte nach drinnen, genau in dem Moment, als Edelgard sie erblickte. Sie guckte sogar zu ihr herüber, als ihre Hand nach dem Jalousiengurt griff und ihn betätigte.

Edelgard begab sich ebenfalls nach drinnen.

»Paps ist im Bad. Mom, was ich dich immer schon mal fragen wollte – ist es dir damals, als du mich bekommen hast, eigentlich schwergefallen, deine Arbeit aufzugeben?«

»Was hätte ich denn tun sollen? Wir hatten niemanden vor Ort, der mich unterstützt hätte. Meine Mutter wohnte weit weg. Und dich als Baby schon in eine Krippe zu geben, das hätte ich wirklich nicht über mich gebracht. Du warst so ein süßes Kind.«

Julian zog eine Grimasse. Er konnte selbst aufs Gramm genau angeben, wie viel er bei der Entbindung gewogen hatte, über die Größe wusste er ebenfalls Bescheid. Edelgard hatte ihm ausführlich von der glücklichen Geburt erzählt. »Gab es damals keine Elternzeit?«

»So wie heute war das nicht geregelt. Auf keinen Fall hätte ich wieder auf meinen alten Arbeitsplatz zurückgekonnt. Der war ohnehin zeitlich befristet, so war das damals an der Uni, an der ich arbeitete, üblich.«

»Das war praktisch für deinen Dienstherrn, also wirklich! Wieso hat Paps sich nicht beurlauben lassen? Beamte können, soweit ich weiß, zwölf Jahre lang freigestellt werden. Und du hättest dich um einen neuen Vertrag kümmern können.«

»Ach, Julian. Dein Vater hat mehr verdient als ich. Wir hatten uns grade das Haus gekauft. Das musste abbezahlt werden.«

»Also, hier in Schweden ist es üblich, dass Eltern sich die Erziehungszeit teilen. Es ist ganz normal, dass Väter sich ebenfalls um die Kinderbetreuung kümmern.«

»Julian, jetzt sag bloß … Warum denkst du so viel darüber nach? Hast du etwa eine Freundin? Weshalb hast du nichts davon erzählt?«

»Am Telefon? Nee, ich wollte es dir persönlich sagen.«

»Wir lernen Sie hoffentlich kennen?«

Julian legte sich nicht fest. »Mal sehen, wie sich das einrichten lässt.«

Edelgard legte ihre Hand auf Julians Arm. »Will sie denn mit dir in Deutschland leben?«

»Mom, ich finde es großartig hier in Stockholm. Die Menschen sind anders als zu Hause. So gelöst. Und respektvoll. Sie lassen den anderen so sein, wie er ist, ohne ihm ständig vorzuhalten, was er falsch macht. Irgendwie kommen mir die Leute hier entspannter vor. Zumindest in der Hauptstadt.«

»Aber …« Edelgard schluckte. »Dann sind ja meine Enkelkinder so weit von mir weg.«

»Mom! Enkelkinder. Da sind noch keine in Sicht! Ich habe lediglich überlegt, weshalb du damals beruflich pausiert hast. Außerdem ist Stockholm nicht aus der Welt. Wie lange seid ihr geflogen? Zwei Stunden!«

»Dein Vater hat Flugangst. Du möchtest im Flugzeug nicht neben ihm sitzen!«

»Das wird sich geben.«

»Du hast keine Ahnung. Es ist bühnenreif, was er da aufführt. Er hat sich benommen, als ob er gleich sterben würde. Ein sterbender Schwan ist nichts dagegen! Er könnte wirklich damit auftreten.«

»Dann fahrt ihr eben mit dem Zug! Über Hamburg und Kopenhagen. Oder mit der Fähre. Von Rostock aus.«

»Bist du glücklich mit ihr?«

Julian nickte. Er zog sein Smartphone aus der Jackentasche. »Ich zeige dir ein Foto.«

Edelgard blickte auf den kleinen Bildschirm. Eine groß gewachsene blonde Frau war zu sehen. Ihr Sohn hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt. Die beiden wirkten sehr verliebt. Es versetzte ihr einen kleinen schmerzhaften Stich. Eine Fremde. Julian hatte ihr bislang nicht einmal erzählt, dass es jemanden in seinem Leben gab. So etwas Wichtiges erzählte man seiner Mutter doch! War sie denn nicht immer die Person gewesen, die ihm am allernächsten stand? Die Erkenntnis, dass eine andere Frau diesen Platz nun einnahm, war wie ein Nadelstich direkt in ihr Herz. Sie versuchte tapfer, sich ihre Kränkung nicht anmerken zu lassen.

»Was macht sie beruflich?«

»Wir sind Kollegen in derselben Firma.«

»Kann sie kochen?«

»Mom, echt jetzt, was soll das? Ich habe keine Stelle für eine Haushälterin ausgeschrieben!« Um vom Thema abzulenken, sagte er: »Paps hat mir mal erzählt, du wolltest damals nach deinem Studium in Biologie eigentlich promovieren.«

»Ja, schon. Aber mein Doktorvater ist gestorben und alles hat sich irgendwie verzögert. Ja, und dann war ich schwanger. Danach hat sich mein Leben sowieso verändert.«

»Paps meint, du warst richtig gut, damals an der Uni.«

Edelgard wurde verlegen. »Das hat er gesagt?«