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Der Graf von Bragelonne

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XIII.
Der Abbé Fouquet

Fouquet beeilte sich, durch den unterirdischen Gang in seine Wohnung zurückzukehren und die Feder des Spiegels spielen zu lassen.

Kaum war er in seinem Cabinet, als er an die Thüre klopfen hörte; zu gleicher Zeit rief eine wohlbekannte Stimme:

»Oeffnet, Monseigneur, ich bitte, öffnet,«

Mit einer raschen Bewegung brachte Fouquet ein wenig Ordnung in. Alles, was seine Aufregung und seine Abwesenheit verrathen konnte; er zerstreute die Papiere auf dem Schreibtisch, nahm eine Feder in die Hand und fragte durch die Thüre, um noch etwas Zeit zu gewinnen:

»Wer seid Ihr?«

»Wie! Monseigneur erkennt mich nicht?« erwiederte die Stimme.

»Doch,« sagte in seinem Innern Fouquet, »doch, mein Freund, ich erkenne Dich ganz wohl.« Dann laut: »Seid Ihr nicht Gourville?«

»Ja, Monseigneur.«

Fouquet stand auf, warf einen letzten Blick in einen der Spiegel, ging auf die Thüre zu, zog den Riegel zurück, und Gourville trat ein.

»Ah! Monseigneur, Monseigneur,« sagte er, »welche Grausamkeit!«

»Warum?«

»Seit einer Viertelstunde flehe ich Euch an, die Thüre zu öffnen, und Ihr antwortet mir nicht einmal.«

»Einmal für allemal, Ihr wißt, daß ich nicht gestört sein will, wenn ich arbeite, und obgleich Ihr eine Ausnahme macht, Gourville, so soll doch mein Verbot der Anderen wegen beachtet werden.«

»Monseigneur, in diesem Augenblick hätte ich Verbote, Thüren, Riegel und Wände, Alles durchbrochen und umgestürzt.«

»Ah! ah! es handelt sich also um ein großes Ereigniß?» fragte Fouquet.

»Oh! dafür stehe ich Euch, Monseigneur.«

»Und welches Ereigniß ist dies?» fragte Fouquet, ein wenig bewegt durch die Unruhe seines innigsten Vertrauten.

»Es gibt eine geheime Justizkammer, Monseigneur.«

»Ich weiß es wohl: doch versammelt sie sich, Gourville?«

»Sie versammelt sich nicht nur, sondern sie hat einen Spruch gefällt, Monseigneur.«

»Einen Spruch!« versetzte der Oberintendant mit einem Beben und einer Blässe, die er nicht zu verbergen vermochte, »einen Spruch! und gegen wen?«

»Gegen zwei von Euren Freunden.«

»Lyodot, d’Emeris, nicht wahr?«

»Ja, Monseigneur.«

»Aber wie lautet das Urtheil?«

»Es ist ein Todesurtheil.«

»Gefällt! Oh! Ihr täuscht Euch, Gourville, das ist unmöglich.«

»Hier ist die Abschrift des Urtheils, das der König noch heute unterzeichnen soll, wenn er es nicht schon unterzeichnet hat.«

Fouquet griff gierig nach dem Papier, las es, gab es Gourville zurück und sagte:

»Der König wird nicht unterzeichnen.«

Gourville schüttelte den Kopf.

»Monseigneur, Herr Colbert ist ein kühner Rath, traut ihm nicht.«

»Abermals Herr Colbert!« rief Fouquet; »ei! warum quält dieser Name bei jeder Gelegenheit seit zwei Tagen meine Ohren? Das heißt zu viel Gewicht aus ein so geringfügiges Subject legen, Gourville. Herr Colbert erscheine, und ich werde ihn anschauen; er erhebe das Haupt, und ich werde ihn niederschmettern; doch Ihr begreift, ich brauche eine hevorragende Stelle, damit mein Blick darauf hafte, eine Oberfläche, daß ich meinen Fuß darauf stelle.«

»Geduld, Monseigneur, denn Ihr wißt nicht, was Colbert werth ist . . . Studirt ihn rasch, es ist mit diesem finsteren Finanzmann wie mit den Meteoren, die das Auge nie vollständig vor ihrem unseligen Einbruch sieht: wenn man sie fühlt, ist man todt,«

»Oh! Gourville, das ist zu viel,« erwiederte Fouquet lächelnd, »erlaubt mir, mein Freund, nicht so leicht zu erschrecken; ein Meteor, Herr Colbert! bei Gott! wir werden das Meteor wahrnehmen . . . Gebt Handlungen und nicht Worte. Was hat er gethan?«

»Er hat zwei Galgen beim Scharfrichter von Paris bestellt,« antwortete Gourville einfach. Fouquet erhob das Haupt, ein Blitz zuckte in seinen Augen, und er rief:

»Seid Ihr dessen, was Ihr sagt, sicher?«

»Hier ist der Beweis, Monseigneur,« sprach Gourville.

Und er reichte dem Oberintendanten eine von einem, Fouquet ergebenen, Secretaire des Stadthauses mitgetheilte Note.

»Ja, es ist wahr,« murmelte der Minister, »das Schaffot wird errichtet . . . doch der König hat nicht unterzeichnet, Gourville, der König wird nicht unterzeichnen.«

»Ich werde es bald erfahren.«

»Wie dies?«

»Wenn der König unterzeichnet hat, so werden die Galgen diesen Abend nach dem Stadthaus abgeschickt, damit man sie morgen früh vollends aufschlägt.«

»Nein, nein!« rief Fouquet abermals, »Ihr täuscht Euch und täuscht mich ebenfalls; vorgestern am Morgen hat mich Lyodot besucht; vor drei Tagen habe ich eine Sendung Syrakuser-Wein von dem armen d’Emeris erhalten.«

»Was beweist das?« entgegnete Gourville, »wenn nicht, daß sich die Justizkammer insgeheim versammelt, in Abwesenheit der Angeschuldigten berathen hat, und daß der ganze Prozeß beendigt war, als man sie verhaftete.«

»Sie sind also verhaftet?«

»Allerdings.«

»Aber wo, wann, warum hat man sie verhaftet?«

»Lyodot gestern bei Tagesanbruch; d’Emeris vorgestern am Abend, als er von seiner Geliebten zurückkehrte; ihr Verschwinden hatte Niemand beunruhigt; doch plötzlich nahm Colbert die Maske ab und ließ die Sache bekannt machen; man trompetet es in diesem Augenblick in den Straßen von Paris aus, und in der That, Monseigneur, außer Euch gibt es Niemand mehr, der das Ereigniß nicht kennt.«

Fouquet ging mit einer immer schmerzlicheren Unruhe im Zimmer auf und ab.

»Wozu entschließt Ihr Euch, Monseigneur?» fragte Gourville.

»Wenn dem so wäre, ginge ich zum König,« rief Fouquet; »doch wenn ich mich in den Louvre begebe, will ich den Weg am Stadthaus vorüber nehmen. Ist der Spruch unterzeichnet, so werden wir sehen.«

Gourville zuckte die Achseln.

»Ungläubigkeit!« sagte er, »du bist die Pest aller großen Geister.«

»Gourville!«

»Ja,« fuhr dieser fort, »und du richtest sie zu Grunde, wie die Ansteckung die kräftigsten Gesundheiten tödtet, nämlich in einem Augenblick.«

»Laßt uns aufbrechen,« rief Fouquet; »öffnet, Gourville.«

»Merkt wohl,« entgegnete dieser, »der Herr Abbé Fouquet ist da.«

»Ah! mein Bruder,« sprach Fouquet mit ärgerlichem Ton, »er ist da; er weiß also irgend eine schlimme Nachricht, die er mir zu überbringen, seiner Gewohnheit gemäß, sich ungemein freut! Teufel! wenn mein Bruder da ist, stehen meine Angelegenheiten schlecht, Gourville; warum sagtet Ihr mir das nicht früher? ich hätte mich leichter überzeugen lassen.«

»Monseigneur verleumdet ihn,« sagte Gourville lachend: »wenn er kommt, kommt er nicht in einer schlimmen Absicht.«

»Ah! nun entschuldigt Ihr ihn,« rief Fouquet; »ein Bursche ohne Herz, ohne zusammenhängende Gedanken, ein Verschwender!«

»Er weiß, daß Ihr reich seid.«

»Und trachtet nach meinem Untergang.«

»Nein, aber er trachtet nach Eurer Börse.«

»Genug, genug! Hunderttausend Thaler monatlich zwei Jahre lang! Beim Teufel! ich bin es, der bezahlt, Gourville, und ich kenne meine Summen.«

Gourville lachte auf eine stille, seine Weise.

»Ja, Ihr wollt sagen, der König bezahle,« entgegnete der Oberintendant; »ah! Gourville, das ist ein schlechter Scherz, und es ist hier nicht der Ort dazu.«

»Monseigneur, ärgert Euch nicht.«

»Vorwärts! man schicke den Abbé Fouquet weg, denn ich habe keinen Sou.«

Gourville machte einen Schritt gegen die Thüre.

»Er hat mich einen Monat nicht gesehen,« fuhr Fouquet fort: »warum sollten nicht zwei Monate vergehen, ohne daß er mich sieht?«

»Er bedauert es, daß er in schlechter Gesellschaft lebt, und zieht Euch allen seinen Banditen vor,« sagte Gourville.

»Ich danke für den Vorzug; Ihr macht heute einen seltsamen Advokaten, Gourville . . . den Advokaten des Abbé Fouquet.«

»Ei! jede Sache und jeder Mensch hat eine gute Seite, eine nützliche Seite, Monseigneur.«

»Die Banditen, die der Abbé besoldet und betrunken macht, haben ihre gute Seite? Beweist mir das.«

»Wenn die Umstände eintreten, Monseigneur, werdet Ihr Euch glücklich fühlen, diese Banditen bei der Hand zu haben.«

»Du räthst mir also, mich mit dem Herrn Abbé Fouquet zu versöhnen?« fragte Fouquet spöttisch.

»Ich rathe Euch, Monseigneur, Euch nicht mit hundert bis hundert und zwanzig Galgenstricken zu entzweien, welche, die Spitzen ihrer Raufdegen an einander haltend, einen stählernen Cordon bilden würden, der im Stande wäre, dreitausend Mann einzuschließen.«

Fouquet warf einen tiefen Blick auf Gourville, ging an ihm vorüber und sagte zu dem Bedienten:

»Man führe den Herrn Abbé Fouquet ein.«

Dann sprach er zu Gourville:

»Es ist gut, Ihr habt Recht, Gourville.«

Zwei Minuten nachher erschien der Abbé mit großen Verbeugungen auf der Thürschwelle.

Er war ein Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, halb Geistlicher, halb Soldat, ein Raufer auf einen Abbé gepfropft; man sah, daß er keinen Degen an der Seite hatte, aber man fühlte, daß er Pistolen bei sich trug.

Fouquet grüßte ihn, weniger als älterer Bruder, denn als Minister, und sprach:

»Was steht zu Euren Diensten, Herr Abbé?«

»Hoho! wie Ihr mir das sagt, mein Bruder!«

»Ich sage Euch das wie ein Mann, der Eile hat, mein Herr.«

Der Abbé schaute Gourville boshaft, Fouquet ängstlich an, und sprach:

»Ich habe heute Abend Herrn von Bregi dreihundert Pistolen zu bezahlen . . . eine Spielschuld, eine heilige Schuld.«

»Weiter!» sagte Fouquet muthig, denn er wußte, der Abbé Fouquet würde ihn nicht wegen einer solchen Erbärmlichkeit belästigen.

»Tausend meinem Fleischer, der nicht mehr liefern will.«

»Zwölfhundert dem Schneider,« fuhr der Abbé fort: »der Bursche hat mir sieben Anzüge von meinen Leuten wegnehmen lassen, weshalb meine Livreen gefährdet sind und meine Geliebte davon spricht, sie werde meinen Platz durch einen Steuerpächter ersetzen, was demüthigend für die Kirche wäre.«

 

»Was gibt es weiter?« fragte Fouquet.

»Ihr bemerkt wohl, mein Herr, daß ich nichts für mich verlangt habe,« sprach der Abbé demüthig.

»Das ist äußerst zart, mein Herr,« erwiederte Fouquet; »Ihr seht auch, daß ich warte.«

»Und ich verlange auch nichts, oh! nein . . . Doch nicht, als ob ich keinen Mangel hätte, dafür stehe ich Euch . . . «

Der Minister dachte einen Augenblick nach und erwiederte dann:

»Zwölfhundert Pistolen dem Schneider . . . dafür bekommt man, wie mir scheint, viele Kleider.«

»Ich unterhalte hundert Leute!« rief stolz der Abbé; »das ist, glaube ich, eine Last.«

»Warum hundert Leute? Seid Ihr ein Richelieu oder ein Mazarin, um hundert Leute zu Eurer Bewachung zu haben? Wozu dienen Euch diese hundert Leute, sprecht, sprecht?«

»Ihr fragt mich das?» rief der Abbé Fouquet; »ah! wie könnt Ihr an mich die Frage richten, warum ich hundert Leute unterhalte? Ah!«

»Ja, ich stelle diese Frage an Euch: was macht Ihr mit hundert Leuten, antwortet?«

»Undankbarer!« fuhr der Abbé, sich immer mehr erhitzend, fort.

»Erklärt Euch.«

»Herr Oberintendant, ich brauche nur einen Kammerdiener, und wenn ich allein wäre, würde ich mich vollends selbst bedienen, doch Ihr, der Ihr so viel Feinde habt . . . Hundert Mann genügen mir nicht, Euch zu vertheidigen. Hundert Mann! . . . ich müßte zehntausend haben! Ich unterhalte also dies Alles, damit an den öffentlichen Orten, in den Versammlungen Keiner die Stimme gegen Euch erhebt: und ohne dieses, mein Herr, würdet Ihr mit Verwünschungen belastet, auf das Abscheulichste verlästert, würdet Ihr nicht acht Tage währen, nein, nicht acht Tage, hört Ihr wohl!«

»Ah! ich wußte nicht, daß Ihr ein solcher Vertheidiger für mich seid, Herr Abbé.«

»Zweifelt Ihr daran?« rief der Abbé. »Hört also, was geschehen ist. Gestern erst handelte ein Mensch in der Rue de la Huchette um ein Huhn.«

»Nun? in welcher Hinsicht schadete das mir, Abbé?«

»Hört. Das Huhn war nicht fett. Der Käufer weigerte sich, achtzehn Sous dafür zu geben, und sagte, er könne nicht achtzehn Sous für die Haut eines Huhns bezahlen, von dem Herr Fouquet alles Fett genommen habe.«

»Hernach?«

»Dieses Wort machte lachen,« fuhr der Abbé fort, »auf Eure Kosten lachen, Tod und Teufel! Und die Canaille häufte sich an. Der Lacher fügte bei: »»Gebt mir ein von Herrn Colbert gefüttertes Huhn, das lasse ich mir gefallen, ich bezahle Euch dafür, was Ihr wollt.« Von allen Seiten klatschte man in die Hände. Ihr begreift, ein Aergerniß, das einen Bruder nöthigt, sein Gesicht zu verbergen.«

Fouquet erröthete.

»Und Ihr verbargt es?« sagte der Oberintendant.

»Nein,« fuhr der Abbé fort, »ich hatte gerade einen von meinen Leuten in der Menge, einen neuen Rekruten, der von der Provinz kommt, einen Herrn Menneville, den ich besonders liebe. Er durchschnitt die Menge und sagte zu dem Lacher.«

»Tausend Gewitter! schlechter Herr Spaßmacher, es gilt einen Stich dem Colbert.«

»Gut, ich halte einen dem Fouquet!« erwiederte der Lacher. Wonach sie vor der Bude des Garkochs vom Leder zogen, mit einem Kreis von Neugierigen um sich und mit fünfhundert Zuschauern an den Fenstern.«

»Nun?« fragte Fouquet.

»Nun, mein Herr, Menneville spießte den Lacher zum großen Erstaunen der Umstehenden und sagte zu dem Garkoch: »»Nehmt diesen Truthahn, mein Freund, er ist fetter als Euer Huhn.««

»Hierfür, mein Herr,« endigte der Abbé triumphirend, »hierfür verwende ich meine Einkünfte; ich stütze die Ehre der Familie, mein Herr.«

Fouquet schaute zu Boden.

»Und so habe ich hundert Leute,« fuhr der Abbé fort.

»Gut,« sprach Fouquet, »gebt Eure Rechnung Gourville und bleibt heute Abend hier bei mir.«

»Man speist zu Nacht?«

»Man speist zu Nacht.«

»Aber die Kasse ist geschlossen?«

»Gourville wird sie Euch öffnen. Geht, Herr Abbé, geht.«

Der Abbé machte eine Verbeugung und fragte noch:

»Wir sind also nun Freunde?«

»Ja, Freunde. Kommt, Gourville.«

»Ihr entfernt Euch? Ihr speist also nicht zu Nacht?«

»Seid unbesorgt, ich werde in einer Stunde hier sein, Abbé.«

Dann ganz leise zu Gourville:

»Man spanne meine englischen Pferde an und fahre am Stadthaus in Paris vorbei.«

XIV.
Der Wein von Herrn von la Fontaine

Die Wagen brachten schon die Gäste von Fouquet nach Saint-Mandé, schon erwärmte sich das ganze Haus von den Zurichtungen zum Abendbrod, als der Oberintendant auf der Straße nach Paris mit seinen raschen Rossen hineilte und, über die Quais fahrend, um weniger Menschen auf dem Wege zu finden, das Stadthaus erreichte. Es war drei Viertel auf acht Uhr. Fouquet stieg an der Ecke der Rue du Long-Pont aus und wandte sich zu Fuß mit Gourville nach der Grève.

An der Wendung des Platzes erblickten sie einen schwarz und veilchenblau gekleideten Mann von gutem Aussehen, der allein in einen Miethwagen zu steigen sich anschickte und den Kutscher nach Vincennes fahren hieß. Er hatte vor sich einen großen Korb voll von Flaschen, die er in der Schenke zum Bild Unserer Lieben Frau gekauft.

»Ei! das ist Vatel, mein Haushofmeister, » sagte Fouquet zu Gourville.

»Ja, Monseigneur,« erwiederte dieser.

»Was hat er im Bilde Unserer lieben Frau gemacht?«

»Ohne Zweifel Wein gekauft.«

»Wie? man kauft Wein für mich in einer Schenkel« rief Fouquet. »Mein Keller ist also so elend bestellt!«

Und er ging auf den Haushofmeister zu, der seinen Wein mit ängstlicher Sorgfalt im Wagen ordnete.

»Hollah! Vatel,« sagte er mit gebieterischer Stimme.

»Nehmt Euch in Acht, Monseigneur,« sprach Gourville, »man wird Euch erkennen.«

»Gut! . . . was ist mir daran gelegen? Vatel!«

Der schwarz und veilchenblau gekleidete Mann wandte sich um.

Es war ein gutes und sanftes Gesicht, ohne Ausdruck, das Gesicht eines Mathematikers, abgesehen vom Stolz. Ein gewisses Feuer glänzte in den Augen dieses Mannes, ein ziemlich seines Lächeln schwebte auf seinen Lippen, doch der Beobachter hätte bald bemerkt, daß dieses Lächeln auf nichts anwendbar war, daß dieses Feuer nichts erleuchtete.

Vatel lachte wie ein Zerstreuter, oder beschäftigte sich wie ein Kind.

Beim Ton der Stimme, die ihn rief, wandte er sich um.

»Ah!« sagte er, »Monseigneur.«

»Ja, ich. Was Teufels macht Ihr da, Vatel? . . . Wein; Ihr kauft Wein in einer Schenke der Grève; wenn es noch im Tannenzapfen wäre.«

»Aber, Monseigneur,« sprach Vatel ruhig, nachdem er Gourville einen feindseligen Blick zugeworfen hatte, »in was mischt man sich hier? . . . Ist mein Keller schlecht versehen? . . . «

»Nein, gewiß nicht, Vatel, nein; aber . . . «

»Was! aber. . entgegnete Vatel.

Gourville berührte den Ellenbogen des Oberintendanten.

»Aergert Euch nicht, Vatel, ich glaubte, mein Keller, Euer Keller, wäre gut genug versehen, daß man, sich der Mühe, seine Zuflucht zu dem Bild Unserer Lieben Frau zu nehmen, überheben könnte.«

»Ei! mein Herr,« sagte Vatel, der mit einer gewissen Geringschätzung von Monseigneur zum Herrn herabfiel, »Euer Keller ist so gut bestellt, daß gewisse Gäste von Euch, wenn sie bei Euch zu Mittag speisen, nicht trinken.«

Fouquet schaute erstaunt Gourville und dann Vatel an.

»Was sagt Ihr da?«

»Ich sage, Euer Kellermeister habe nicht Weine für jeden Geschmack, und die Herren von la Fontaine, Pelisson und Conrart trinken nicht, wenn sie zu Euch kommen. Was wollt Ihr, diese Herren lieben den starken Wein nicht.«

»Nun, und dann?«

»Dann habe ich hier einen Joigny – Wein, den sie lieben. Ich weiß, daß sie einmal in der Woche, um davon zu trinken, in das Bild Unserer Lieben Frau kommen, und deshalb kaufe ich hier ein.«

Fouquet hatte nichts mehr zu sagen . . . er war beinahe bewegt.

Vatel hatte ohne Zweifel noch viel zu sagen, und man sah wohl, daß er sich erhitzte.

»Das ist gerade, wie wenn Ihr es mir zum Vorwurf machen würdet, Monseigneur, daß ich selbst in der Rue Planche-Mibray den Apfelmost hole, den Herr Loret trinkt, wenn er in Euer Haus kommt.«

»Loret trinkt Apfelmost bei mir!« rief Fouquet lachend.

»Ja, Herr, und darum speist er mit Vergnügen bei Euch.«

»Vatel!« rief Fouquet, indem er seinem Haushofmeister die Hand drückte, »Ihr seid ein Mann! Ich danke Euch, Vatel, daß Ihr begriffen habt, bei mir seien die Herren von la Fontaine, Conrart und Loret ebenso viel als Herzoge und Pairs, ebenso viel als Prinzen, mehr als ich. Vatel, Ihr seid ein guter Diener, und ich verdopple Euren Gehalt.«

Vatel dankte nicht einmal; er zuckte die Achseln und murmelte das erhabene Wort:

»Einen Dank dafür erhalten, daß man seine Pflicht gethan hat, ist demüthigend.«

»Er hat Recht,« sagte Gourville und lenkte die Aufmerksamkeit von Fouquet mit einer einzigen Geberde auf einen andern Punkt.

Er zeigte ihm in der That einen Wagen von niedriger Form, gezogen von zwei Pferden, worauf zwei ganz mit Eisen beschlagene und durch Ketten aneinander gebundene Galgen lagen, während ein Bogenschütze, der auf der Dicke des Balkens saß, wohl oder übel, mit etwas gedemüthigter Miene die Commentare eines Hunderts von Vagabunden aushielt, welche die Bestimmung dieser Galgen witterten und dieselben bis zum Stadthaus geleiteten.

Fouquet bebte.

»Seht Ihr, es ist entschieden,« sagte Gourville.

»Aber es ist noch nicht geschehen,« erwiederte Fouquet.

»Oh! täuscht Euch nicht, Monseigneur, wenn man so Eure Freundschaft, Euer Mißtrauen eingeschläfert hat, wenn die Dinge so stehen, könnt Ihr nichts mehr ändern.«

»Aber ich habe nicht ratificirt.«

»Herr von Lyonne wird es an Eurer Stelle gethan haben.«

»Ich gehe in den Louvre.«

»Ihr werdet nicht dahin gehen.«

»Ihr rathet mir diese Feigheit,« rief Fouquet, »Ihr rathet mir, meine Freunde im Stich zu lassen, Ihr rathet mir, während ich kämpfen kann, die Waffen, die ich in der Hand habe, von mir zu werfen?«

»Ich rathe Euch nichts von dem Allem, Monseigneur; könnt Ihr die Oberintendanz in diesem Augenblick aufgeben?«

»Nein.«

»Nun, wenn aber der König Andere an Eure Stelle setzen wollte?«

»Er wird dies von der Ferne wie von Nahem thun.«

»Ja, aber Ihr werdet ihn nie verletzt haben.«

»Ja, doch ich werde feig gewesen sein; ich will aber nicht, daß meine Freunde sterben, und sie werden nicht sterben.«

»Dazu ist es nöthig, daß Ihr in den Louvre geht.«

»Gourville!«

»Nehmt Euch in Acht . . . Seid Ihr einmal im Louvre, so werdet Ihr genöthigt sein, entweder laut Eure Freunde zu vertheidigen, das heißt ein Glaubensbekenntniß abzulegen, oder sie unwiederbringlich aufzugeben.«

»Nie.«

»Verzeiht mir . . . der König wird Euch nothwendig diese Alternative vorschlagen, oder Ihr werdet sie ihm selbst vorschlagen.«

»Das ist richtig.«

»Darum ist jeder Conflict zu vermeiden . . . Kehren wir nach Saint-Mandé zurück, Monseigneur.«

»Gourville, ich werde mich nicht von diesem Platz rühren, wo das Verbrechen, wo meine Schande in Erfüllung gehen sollen; ich werde mich nicht rühren, sage ich, ehe ich ein Mittel, meine Feinde zu bekämpfen, gesunden habe.«

»Monseigneur,« sprach Gourville, »Ihr würdet mein Mitleid erregen, wenn ich nicht wüßte, daß Ihr einer der guten Geister dieser Welt seid. Ihr besitzt hundert und fünfzig Millionen, Ihr seid ebenso viel als der König durch die Stellung, fünfzigmal mehr durch das Geld. Herr Colbert hat nicht einmal den Geist gehabt, das Testament von Mazarin annehmen zu machen. Wenn man der Reichste eines Königreichs ist, und man gibt sich die Mühe, Geld zu verbrauchen, ist man, wenn man nicht das thut, was man will, ein armseliger Mensch. Ich sage Euch, kehren wir nach Saint-Mandé zurück.«

»Um Pelisson um Rath zu fragen, ja.«

»Nein, Monseigneur, um Euer Geld zu zählen.«

»Auf!« sagte Fouquet, die Augen entflammt; »ja! ja! nach Saint-Mandé!«

Er flieg in seinen Wagen, und Gourville mit ihm. Auf der Straße, am Ende des Faubourg Saint-Antoine, trafen sie das kleine Gefährt von Vatel, der ruhig seinen Joigny-Wein führte.

In vollem Laufe vorüberjagend, erschreckten die Rappen das scheue Pferd des Haushofmeisters, und dieser streckte ganz bestürzt den Kopf auf dem Schlag und rief:

»Habt Acht! habt Acht! meine Flaschen!«