Fjodor Dostojewski: Hauptwerke

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»Von Grenzen ist hier gar nicht die Rede, Mama«, antwortete die Tochter sofort in sehr ernstem Ton. »Ich habe heute dem Fürsten einen Igel geschickt und wünsche seine Meinung kennenzulernen. Nun, reden Sie, Fürst!«

»Das heißt, was für eine Meinung, Aglaja Iwanowna?«

»Ihre Meinung über den Igel.«

»Das heißt, ich glaube, Aglaja Iwanowna, daß Sie wissen wollen, wie ich ... den Igel aufgenommen habe ... oder, besser gesagt, was ich über diese Sendung ... des Igels denke, das heißt ... in diesem Falle nehme ich an, daß Sie, mit einem Wort ...«

Die Luft fehlte ihm, und er verstummte.

»Nun, viel haben Sie gerade nicht gesagt«, bemerkte Aglaja, nachdem sie etwa fünf Sekunden lang gewartet hatte. »Nun gut, ich bin damit einverstanden, daß wir den Igel beiseite lassen; aber ich freue mich sehr, daß ich endlich all den Unklarheiten, die sich angesammelt haben, ein Ende machen kann. Erlauben Sie also, daß ich jetzt endlich Sie selbst persönlich frage: halten Sie um meine Hand an oder nicht?«

»Ach Gott!« rief Lisaweta Prokofjewna unwillkürlich.

Der Fürst fuhr zusammen und schrak zurück. Iwan Fjodorowitsch war starr; die Schwestern machten finstere Gesichter.

»Lügen Sie nicht, Fürst! Sagen Sie die Wahrheit! Man verfolgt mich um Ihretwillen mit seltsamen Fragen; haben diese Fragen irgendwelche Begründung? Nun?«

»Ich habe nicht um Ihre Hand angehalten, Aglaja Iwanowna«, sagte der Fürst, der plötzlich lebhaft wurde. »Aber ... Sie wissen selbst, wie ich Sie liebe und an Sie glaube ... sogar jetzt ...«

»Ich frage Sie: halten Sie um meine Hand an oder nicht?«

»Ja, ich tue es«, erwiderte der Fürst beklommen.

Auf diese Worte folgte eine allgemeine, starke Bewegung.

»Das ist alles nicht ordnungsmäßig, lieber Freund«, sagte Iwan Fjodorowitsch in starker Aufregung. »Das ... das ist beinah unerhört, Aglaja ...! Verzeihen Sie, Fürst, verzeihen Sie, mein Teuerster ...! Lisaweta Prokofjewna!« wandte er sich an seine Gattin um Hilfe; »es wird nötig sein ... die Sache zu überlegen ...«

»Ich weigere mich, ich weigere mich!« rief Lisaweta Prokofjewna mit abwehrenden Handbewegungen.

»Gestatten Sie auch mir zu reden, Mama; ich bin in einer solchen Angelegenheit doch auch von einiger Wichtigkeit: dies ist der Augenblick, in dem sich mein Schicksal entscheidet« (genau so drückte Aglaja sich aus), »und ich will durch eigene Fragen ins klare kommen und freue mich außerdem, daß es in Gegenwart aller geschieht. Wenn Sie also ›ernste Absichten haben‹, Fürst, so gestatten Sie mir die Frage, wodurch Sie mich eigentlich glücklich zu machen gedenken!«

»Ich weiß wirklich nicht, Aglaja Iwanowna, was ich Ihnen antworten soll; auf diese Frage ... was soll ich da antworten? Und dann ... ist es denn notwendig?«

»Sie scheinen verlegen geworden zu sein und keine Luft zu haben; erholen Sie sich ein wenig, und sammeln Sie neue Kraft; trinken Sie ein Glas Wasser; übrigens werden Sie auch sogleich Tee bekommen.«

»Ich liebe Sie, Aglaja Iwanowna, ich liebe Sie sehr; ich liebe nur Sie allein und ... bitte, treiben Sie keinen Scherz; ich liebe Sie sehr.«

»Aber das ist denn doch eine wichtige Sache; wir sind keine Kinder und müssen es vom praktischen Standpunkt aus ansehen ... Haben Sie jetzt die Güte anzugeben, worin Ihr Vermögen besteht!«

»Aber, aber, Aglaja! Was redest du! Das ist ja ungehörig, ganz ungehörig ...«, murmelte Iwan Fjodorowitsch erschrocken.

»Das ist eine Schande!« flüsterte Lisaweta Prokofjewna laut.

»Sie ist verrückt geworden!« flüsterte Alexandra ebenfalls laut.

»Mein Vermögen ... das heißt mein Geld?« fragte der Fürst erstaunt.

»Ganz richtig.«

»Ich besitze ... ich besitze jetzt hundertfünfunddreißigtausend Rubel«, murmelte der Fürst errötend.

»Mehr nicht?« fragte Aglaja laut und in aufrichtiger Verwunderung, ohne irgendwie zu erröten. »Indes das macht nichts, namentlich bei sparsamer Wirtschaft ... Beabsichtigen Sie, ein Amt anzunehmen?«

»Ich wollte die Hauslehrerprüfung ablegen ...«

»Sehr anständig; gewiß, das wird unsere Mittel vermehren. Haben Sie vor, Kammerjunker zu werden?«

»Kammerjunker? Daran habe ich nie gedacht; aber ...«

Aber hier konnten sich die beiden Schwestern nicht mehr halten und prusteten vor Lachen los. Adelaida hatte schon lange in Aglajas zuckenden Gesichtsmuskeln die Vorzeichen eines plötzlich hervorbrechenden, unbezwingbaren Gelächters bemerkt, das Aglaja vorläufig noch mit aller Kraft unterdrückte. Aglaja wollte den lachenden Schwestern einen drohenden Blick zuwerfen, konnte sich aber selbst keine Sekunde länger beherrschen und brach ebenfalls in ein tolles, fast hysterisches Gelächter aus; schließlich sprang sie auf und lief aus dem Zimmer.

»Das habe ich doch gewußt, daß es nur ein Spaß war und weiter nichts!« rief Adelaida. »Gleich von Anfang an, von dem Igel an!«

»Nein, das kann ich nicht mehr dulden, das kann ich nicht mehr dulden!« rief Lisaweta Prokofjewna, in heftigem Zorn aufbrausend, und lief schnell hinter Aglaja her.

Auch die Schwestern eilten der Mutter sofort nach. Im Zimmer blieben nur der Fürst und der Vater der Familie zurück.

»Das ist ja ... das ist ja ... Hast du dir je so etwas vorstellen können, Ljow Nikolajewitsch?« rief der General heftig; er wußte offenbar selbst nicht, was er sagen wollte. »Nein, im Ernst, sage im Ernst!«

»Ich sehe, daß Aglaja Iwanowna sich über mich lustig gemacht hat«, antwortete der Fürst traurig.

»Warte einen Augenblick, lieber Freund; ich will hingehen; warte du ein Weilchen ... Aber ... erkläre wenigstens du mir, Ljow Nikolajewitsch, wie das alles gekommen ist, und was das alles sozusagen für einen Zweck verfolgt! Du mußt selbst zugeben, lieber Freund, ich bin doch der Vater; aber obwohl ich der Vater bin, verstehe ich nichts davon. Also gib wenigstens du mir eine Erklärung!«

»Ich liebe Aglaja Iwanowna; das weiß sie und ... ich meine, sie weiß es schon lange.«

Der General zuckte die Achseln.

»Seltsam, seltsam ...! Und du liebst sie sehr?«

»Ja, ich liebe sie sehr.«

»Das alles kommt mir so seltsam vor, so seltsam! Ich meine, es ist eine solche Überraschung, etwas so Unerwartetes, daß ... Siehst du, mein Lieber, ich will nicht von deinem Vermögen reden (wiewohl ich geglaubt hatte, daß du mehr besäßest); aber ... das Glück meiner Tochter muß mir ... und schließlich.. bist du denn imstande, sie sozusagen ... glücklich zu machen? Und ... und ... was war das? War das von ihrer Seite Spaß oder Ernst? Ich meine nicht von deiner Seite, sondern von ihrer Seite?«

Hinter der Tür ließ sich Alexandra Iwanownas Stimme vernehmen; sie rief den Papa.

»Warte einen Augenblick, lieber Freund, warte! Warte und denke über die Sache nach; ich komme gleich wieder ...«, sagte er hastig und leistete eilig und beinah in Angst dem Ruf seiner Tochter Folge.

Er fand folgende Gruppe vor: seine Gattin und Aglaja lagen sich in den Armen und benetzten einander mit ihren Tränen. Es waren Tränen der Glückseligkeit, der Rührung und der Versöhnung. Aglaja küßte ihrer Mutter die Hände, die Wangen, die Lippen; beide schmiegten sich in warmer Empfindung aneinander.

»Also da ist sie, sieh sie an, Iwan Fjodorowitsch! Da hast du sie jetzt ganz, wie sie ist!« sagte Lisaweta Prokofjewna. Aglaja wandte ihr glückseliges, verweintes Gesichtchen von der Brust der Mutter weg, blickte den Papa an, lachte laut auf, sprang zu ihm hin, umarmte ihn herzlich und küßte ihn mehrmals. Dann stürzte sie wieder zur Mutter hin und verbarg ihr Gesicht völlig an deren Brust, so daß es niemand mehr sehen konnte, und begann gleich wieder zu weinen. Lisaweta Prokofjewna schlug das Ende ihres Schaltuches um sie herum.

»Aber was in aller Welt richtest du uns denn nur an, du grausames Mädchen; denn so muß man dich nach solchem Benehmen nennen!« sagte sie, aber in freudigem Ton, als ob sie jetzt leichter atme.

»Ich bin grausam, ja, ich bin grausam!« fiel Aglaja ein. »Ich bin unartig! Ich bin unartig! Ich bin verzogen! Sagen Sie es unserm Papa! Ach, er ist ja hier. Papa, sind Sie hier? Hören Sie doch!« rief sie unter Tränen lachend.

»Du mein liebes Kind, mein Abgott!« rief der General und küßte ihr strahlend vor Glückseligkeit die Hand, die Aglaja ihm nicht entzog. »Also du liebst diesen jungen Mann?«

»Nein, nein, nein! Ich kann Ihren jungen Mann nicht leiden, ich kann ihn nicht leiden!« rief Aglaja plötzlich aufbrausend und hob den Kopf in die Höhe. »Und wenn Sie, Papa, es noch einmal wagen ... ich sage Ihnen das ganz im Ernst; hören Sie wohl: ganz im Ernst!«

Sie sprach wirklich im Ernst; sie war ganz rot geworden, und ihre Augen blitzten. Der Papa schwieg erschrocken; aber Lisaweta Prokofjewna machte ihm, von Aglaja unbemerkt, ein Zeichen, und er verstand, was es bedeuten sollte: »Frage nicht weiter!«

»Wenn es so steht, mein Engel, nun, dann wie du willst, meinetwegen; er wartet dort allein; sollen wir ihm nicht auf zarte Weise andeuten, daß er fortgehen möchte?«

Dabei blinkte der General seinerseits seiner Gattin zu.

»Nein, nein, das ist nicht nötig, noch dazu, wenn es ›auf zarte Weise‹ geschieht. Gehen Sie nur selbst zu ihm hin; ich werde dann auch kommen, gleich darauf. Ich will diesen ... diesen jungen Mann um Entschuldigung bitten; denn ich habe ihn gekränkt.«

»Und gar sehr hast du ihn gekränkt«, stimmte Iwan Fjodorowitsch ihr ernst bei.

»Nun, dann ... bleibt lieber alle hier, und ich werde zuerst allein hingehen; kommt mir dann gleich nach, in einer Sekunde! So wird es das beste sein!«

 

Sie war schon bis zur Tür gegangen, drehte sich aber plötzlich wieder um.

»Ich werde loslachen! Ich werde vor Lachen sterben!« sagte sie traurig.

Aber in demselben Augenblick wandte sie sich um und lief zum Fürsten hin.

»Nun, was soll das alles heißen? Wie denkst du darüber?« fragte Iwan Fjodorowitsch rasch.

»Ich fürchte mich, es auszusprechen«, erwiderte Lisaweta Prokofjewna ebenso schnell. »Aber meiner Ansicht nach ist die Sache klar!«

»Auch nach meiner Ansicht ist sie klar. Klar wie der Tag. Sie liebt.«

»Und nicht genug, daß sie liebt, sie ist sogar verliebt!« erklärte Alexandra Iwanowna. »Aber in wen denn nun eigentlich?«

»Gott segne sie, wenn das nun einmal ihr Schicksal ist!« sagte Lisaweta Prokofjewna, sich fromm bekreuzend.

»Es ist also ihr Schicksal«, stimmte ihr der General bei, »und seinem Schicksal kann man nicht entgehen!«

Alle gingen in den Salon; dort wartete ihrer eine neue Überraschung. Aglaja lachte, als sie zu dem Fürsten herantrat, nicht los, wie sie das befürchtet hatte, sondern sagte im Gegenteil schüchtern zu ihm:

»Verzeihen Sie einem dummen, schlechten, verzogenen Mädchen« (sie ergriff seine Hand), »und seien Sie überzeugt, daß wir alle Sie außerordentlich hochschätzen! Und wenn ich Ihr schönes, gutes, schlichtes Wesen zu verspotten wagte, so bitte ich Sie, es mir zu verzeihen, wie man einem Kind eine Unart verzeiht; verzeihen Sie, daß ich ein törichtes Benehmen so lange fortsetzte, das natürlich nicht die geringsten Folgen haben kann ...«

Die letzten Worte sprach Aglaja mit besonderem Nachdruck.

Der Vater, die Mutter und die Schwestern kamen alle noch früh genug in den Salon, um dies alles zu sehen und mit anzuhören, und waren alle überrascht von dem »törichten Benehmen, das nicht die geringsten Folgen haben könne«, und noch mehr von der ernsten Stimmung, in der Aglaja von diesem törichten Benehmen sprach. Alle sahen einander fragend an; aber der Fürst schien diese Worte gar nicht verstanden zu haben und war auf dem Gipfel der Glückseligkeit.

»Warum reden Sie so?« murmelte er; »warum ... bitten Sie ... um Verzeihung ...?«

Er wollte sogar sagen, daß er unwürdig sei, um Verzeihung gebeten zu werden. Wer weiß, vielleicht hatte er auch den Sinn der Worte »ein törichtes Benehmen, das nicht die geringsten Folgen haben kann«, verstanden und freute sich, ein sonderbarer Mensch, wie er nun einmal war, über diese Worte. Unstreitig bildete es für ihn schon den Gipfel der Seligkeit, daß er wieder unbehindert zu Aglaja kommen, mit ihr reden, mit ihr spazierengehen durfte, und wer weiß, vielleicht wäre er damit sein ganzes Leben lang zufrieden gewesen! (Gerade diese Genügsamkeit war es anscheinend, was Lisaweta Prokofjewna im stillen fürchtete; sie erriet sie und hegte im stillen viele Befürchtungen, die sie selbst nicht deutlich auszusprechen wußte.)

Man kann sich nur schwer eine Vorstellung davon machen, wie lebhaft und munter sich der Fürst an diesem Abend zeigte. Er war so heiter, daß man bei seinem Anblick selbst heiter wurde, wie sich nachher Aglajas Schwestern ausdrückten. Er war gesprächig, und das hatte sich bei ihm seit jenem Vormittag nicht wiederholt, an dem er vor einem halben Jahr zuerst die Bekanntschaft der Familie Jepantschin gemacht hatte; nach seiner Rückkehr nach Petersburg war er in auffälliger Weise absichtlich schweigsam gewesen und hatte erst kürzlich in Gegenwart aller zum Fürsten Schtsch. gesagt, er müsse sich beherrschen und schweigen, da er eine Idee nicht dadurch entwürdigen dürfe, daß er sie auseinandersetze.

An diesem Abend redete er fast allein und erzählte viel; auf Fragen antwortete er mit Freuden, klar und eingehend. Aber in seinen Worten war nichts zu entdecken, was an die Redeweise eines Verliebten erinnert hätte. Es waren lauter ernste, zum Teil sogar schwierige Gedanken. Der Fürst trug sogar einige eigene Ansichten, einige eigene geheime Beobachtungen vor, so daß das alles sogar einen lächerlichen Eindruck gemacht hätte, wäre nicht die »schöne Darstellung« gewesen, wie nachher alle Zuhörer übereinstimmend erklärten. Zwar liebte der General ernste Gesprächsthemata; aber sowohl er als auch Lisaweta Prokofjewna fanden im stillen, daß das Gespräch doch gar zu gelehrt sei, so daß sie gegen das Ende des Abends geradezu traurig wurden. Übrigens verstieg sich der Fürst gegen Ende dazu, ein paar sehr komische Anekdoten zu erzählen, über die er selbst zuallererst lachte, so daß die andern nun mehr über sein fröhliches Lachen als über die Anekdoten selbst lachten. Was Aglaja anlangte, so redete sie den ganzen Abend über fast gar nicht; dafür hörte sie, wenn Ljow Nikolajewitsch sprach, zu, ohne die Augen von ihm abzuwenden; es schien sogar, wie wenn ihr das Ansehen noch wichtiger sei als das Zuhören.

»Sie sieht ihn fortwährend an und wendet kein Auge von ihm; nach jedem Wort von ihm hascht sie ordentlich und klammert sich daran fest!« sagte Lisaweta Prokofjewna nachher zu ihrem Gatten. »Aber wenn man ihr sagt, daß sie ihn liebt, dann ist der Teufel los!«

»Was ist zu machen? Es ist nun einmal ihr Schicksal!« erwiderte der General achselzuckend.

Noch mehrmals wiederholte er diese seine Lieblingsredensart. Wir wollen noch hinzufügen, daß ihm als einem Geschäftsmann ebenfalls an der augenblicklichen Lage der Dinge vieles sehr mißfiel, namentlich die herrschende Unklarheit; aber auch er entschied sich vorläufig dafür, zu schweigen und ... nach Lisaweta Prokofjewnas Augen zu blicken.

Die freudige Stimmung der Familie hielt nicht lange vor. Schon am folgenden Tag zankte sich Aglaja wieder mit dem Fürsten, und das setzte sich ohne Unterbrechung an allen folgenden Tagen fort. Ganze Stunden lang machte sie den Fürsten lächerlich und behandelte ihn beinah wie einen Hausnarren. Allerdings saßen sie manchmal eine oder zwei Stunden lang zusammen in einer Laube des Hausgärtchens; aber die andern beobachteten, daß der Fürst während dieser Zeit Aglaja fast immer aus der Zeitung oder aus einem Buch vorlas.

»Wissen Sie«, sagte Aglaja einmal zu ihm, indem sie ihn beim Vorlesen der Zeitung unterbrach, »ich habe bemerkt, daß Sie furchtbar ungebildet sind; nichts wissen Sie ordentlich, wenn man Sie nach etwas fragt: weder wer etwas getan hat, noch in welchem Jahr etwas geschehen ist, noch auf Grund welches Vertrages. Sie sind von einer kläglichen Unwissenheit.«

»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß ich keine große Gelehrsamkeit besitze«, erwiderte der Fürst.

»Was ist denn unter solchen Umständen an Ihnen daran? Wie kann ich Sie dann achten? Lesen Sie weiter; übrigens, es ist nicht nötig, hören Sie nur damit auf!«

Und an demselben Abend veranstaltete sie wieder ein für alle rätselhaftes Intermezzo. Der Fürst Schtsch. war zurückgekehrt. Aglaja benahm sich gegen ihn sehr freundlich und fragte ihn viel nach Jewgeni Pawlowitsch (Fürst Ljow Nikolajewitsch war noch nicht gekommen). Auf einmal erlaubte sich Fürst Schtsch. auf »die nahe bevorstehende neue Umwälzung in der Familie« hinzudeuten, und zwar infolge einer Bemerkung, welche Lisaweta Prokofjewna sich hatte entschlüpfen lassen, daß nämlich Adelaidas Hochzeit vielleicht nochmals verschoben werden müsse, damit beide Hochzeiten zusammen begangen werden könnten. Es ging über alle Begriffe, in was für einen Zorn Aglaja über »all diese dummen Vermutungen« geriet; unter anderm entfuhren ihr die Worte, »sie habe noch nicht die Absicht, die Nachfolgerin der Mätressen irgend jemandes zu werden«.

Durch diese Worte wurden alle und ganz besonders die Eltern in das höchste Erstaunen versetzt. Lisaweta Prokofjewna sprach in einer geheimen Beratung mit ihrem Mann das dringende Verlangen aus, es solle mit dem Fürsten eine endgültige Auseinandersetzung über sein Verhältnis zu Nastasia Filippowna stattfinden.

Iwan Fjodorowitsch erwiderte, er wolle darauf schwören, daß das alles nur eine aus Aglajas »Verschämtheit« hervorgehende »Extravaganz« sei; hätte Fürst Schtsch. nicht angefangen von der Hochzeit zu reden, so wäre es zu dieser Extravaganz gar nicht gekommen; denn Aglaja wisse selbst zuverlässig, daß das alles nur Klatsch schlechter Menschen sei und Nastasja Filippowna sich mit Rogoschin verheiraten werde; der Fürst habe, von einer Liaison ganz zu geschweigen, mit ihr überhaupt nichts zu schaffen und habe niemals etwas mit ihr zu schaffen gehabt, wenn man die reine Wahrheit sagen wolle. Aber der Fürst ließ sich durch nichts irremachen und fuhr fort in Seligkeit zu schwelgen. Freilich bemerkte auch er mitunter einen düsteren, ungeduldigen Ausdruck in Aglajas Blicken; aber er führte dies auf andere Gründe zurück, und der düstere Ausdruck verschwand ja dann auch von selbst wieder. Einmal überzeugt, ließ er sich in seiner Überzeugung durch nichts wankend machen. Vielleicht war er doch gar zu ruhig; wenigstens war dieser Ansicht Ippolit, der ihm zufällig einmal im Park begegnete.

»Nun, habe ich Ihnen damals nicht die Wahrheit gesagt, als ich es aussprach, daß Sie verliebt seien?« begann er, indem er an den Fürsten herantrat und ihn anhielt.

Dieser streckte ihm die Hand hin und beglückwünschte ihn zu seinem »guten Aussehen«. Der Kranke schien auch selbst mehr Mut zu haben, wie das eine Eigenheit der Schwindsüchtigen ist.

Er war an den Fürsten mit der Absicht herangetreten, ihm eine giftige Bemerkung über seine glückselige Miene zu machen, jedoch kam er sogleich davon ab und begann von sich selbst zu reden. Er fing an zu klagen und klagte viel und lange und ziemlich unzusammenhängend.

»Sie glauben gar nicht«, sagte er zum Schluß, »was für reizbare, kleinliche, egoistische, eitle und gewöhnliche Menschen sie dort alle sind; sollten Sie es glauben, daß sie mich nur unter der Bedingung aufgenommen haben, daß ich möglichst bald sterbe, und nun alle wütend sind, weil ich noch nicht sterbe, sondern im Gegenteil mich besser fühle? Es ist die reine Komödie! Ich möchte darauf wetten, daß Sie es mir nicht glauben!«

Der Fürst mochte ihm nicht widersprechen.

»Ich denke sogar manchmal daran, wieder zu Ihnen überzusiedeln«, fügte Ippolit in lässigem Ton hinzu. »Sie halten also diese Leute doch nicht für fähig, einen Menschen unter der Bedingung aufzunehmen, daß er bestimmt und möglichst bald stirbt?«

»Ich glaubte, sie hätten Sie mit anderen Absichten eingeladen hinzuziehen.«

»Aha! Sie sind gar nicht so einfältig, wie man von Ihnen behauptet! Ich habe jetzt nur keine Zeit, sonst würde ich Ihnen über diesen Ganja und seine Hoffnung ein Licht aufstecken. Man miniert gegen Sie, Fürst, miniert gegen Sie erbarmungslos, und ... es ist außerordentlich zu bedauern, daß Sie dabei so ruhig sind. Aber das liegt leider in Ihrer Natur!«

»Nun sehen Sie einmal an, weswegen Sie mich bedauern!« erwiderte der Fürst lachend. »Würde ich denn etwa nach Ihrer Meinung glücklicher sein, wenn ich unruhiger wäre?«

»Es ist besser, unglücklich zu sein, aber zu wissen, als glücklich zu sein und in der Dummheit zu leben. Wie es scheint, wollen Sie durchaus nicht glauben, daß Sie eine Nebenbuhlerschaft zu fürchten haben ... und zwar von jener Seite?«

»Was Sie da über Nebenbuhlerschaft sagen, ist etwas zynisch, Ippolit; es tut mir leid, daß ich kein Recht habe, Ihnen darauf zu antworten. Was Gawrila Ardalionowitsch anlangt, so kann er ja nach einem so großen Verlust, wie er ihn erlitten hat, unmöglich ruhig bleiben; das werden Sie selbst zugeben müssen, selbst wenn Sie von seinen Angelegenheiten nur wenig wissen. Es scheint mir, daß man die Sache am besten von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet. Er hat noch Zeit sich zu ändern; er hat noch ein langes Leben vor sich, und das Leben ist reich ... Übrigens ... übrigens« (hier geriet der Fürst in Verwirrung), »was das Minieren anlangt ... so verstehe ich nicht einmal, wovon Sie reden; wir wollen dieses Gespräch lieber lassen, Ippolit.«

»Lassen wir es vorläufig; Sie bekommen es ja auch gar nicht fertig, sich anders als edelmütig zu benehmen. Ja, Fürst, Sie glauben so lange, bis Sie das Gegenteil mit eigenen Fingern fühlen, haha! Jetzt verachten Sie mich wohl sehr, nicht wahr?«

»Weswegen sollte ich das tun? Weil Sie mehr gelitten haben und leiden als wir?«

»Nein, weil ich meines Leidens nicht würdig bin.«

»Wer mehr hat leiden können, muß auch würdig sein, mehr zu leiden. Als Aglaja Iwanowna Ihre Beichte gelesen hatte, wünschte sie, Sie zu sehen; aber ...«

»Sie schiebt es auf ... sie darf es nicht, ich verstehe, ich verstehe ...«, unterbrach ihn Ippolit, wie wenn er bemüht wäre, das Gespräch möglichst bald von diesem Gegenstand abzulenken. »Apropos, man sagt, Sie selbst hätten ihr dieses ganze verrückte Zeug vorgelesen; es ist wirklich im Fieberwahn geschrieben und ... fabriziert worden. Und ich verstehe nicht, was für eine, ich will nicht sagen Grausamkeit (das wäre für mich erniedrigend), aber was für eine kindische Eitelkeit und Rachsucht dazu gehört, mir diese Beichte zum Vorwurf zu machen und sie als Waffe gegen mich zu benutzen! Beunruhigen Sie sich nicht; ich sage das nicht mit Bezug auf Sie ...«

 

»Aber es tut mir leid, daß Sie sich von diesem Heft lossagen, Ippolit; es ist mit großer Aufrichtigkeit geschrieben, und, wissen Sie, selbst seine komischsten Stellen, und es gibt ihrer viele« (Ippolit runzelte heftig die Stirn), »sind mit Leiden erkauft; denn schon das darin Mitgeteilte zu bekennen war ebenfalls ein Leiden und ... vielleicht die größte Mannhaftigkeit. Der Gedanke, von dem Sie sich dabei leiten ließen, hatte jedenfalls eine edle Grundlage, trotz allen gegenteiligen Scheines. Ich versichere Sie: ich erkenne das um so klarer, aus je weiterer Entfernung ich es betrachte. Ich fälle über Sie kein Urteil; ich sage das nur, um mich auszusprechen, und bedaure, daß ich damals geschwiegen habe ...«

Ippolit wurde dunkelrot. In seinem Kopf blitzte für einen Augenblick der Gedanke auf, daß der Fürst sich nur verstelle und ihm eine Schlinge lege; aber als er ihm genauer ins Gesicht sah, konnte er doch nicht umhin, an seine Aufrichtigkeit zu glauben, und seine eigene Miene hellte sich auf.

»Aber sterben muß ich dennoch!« sagte er (und hätte beinah hinzugefügt: »Ein Mensch wie ich!«). »Und denken Sie sich nur, wie mich Ihr Ganja zurechtweist; er hat sich diese Entgegnung ausgedacht: es würden vielleicht von denen, die damals der Vorlesung meines Heftes beigewohnt hätten, drei oder vier am Ende noch früher sterben als ich! Was sagen Sie dazu? Er meint, das werde für mich ein Trost sein, haha! Erstens sind sie noch nicht gestorben, und selbst wenn diese Leute bald wegsterben sollten, was ist das für mich für ein Trost, sagen Sie selbst! Er urteilt nach sich; übrigens ist er sogar noch weiter gegangen: er schimpft jetzt einfach und sagt, ein ordentlicher Mensch sterbe in solchem Fall schweigend, und hinter meinem ganzen Verhalten stecke weiter nichts als Egoismus! Was sagen Sie dazu? Nein, was ist das seinerseits für ein Egoismus! Wie raffiniert oder, richtiger gesagt, gleichzeitig wie stiermäßig grob ist der Egoismus dieser Leute, den sie trotzdem an sich gar nicht wahrzunehmen vermögen ...! Haben Sie, Fürst, einmal etwas von dem Tod Stepan Glebows im achtzehnten Jahrhundert gelesen? Ich las zufällig gestern etwas darüber ...«

»Was ist das für ein Stepan Glebow?«

»Er wurde unter Peter dem Großen gepfählt.«

»Ach mein Gott, ja, ich weiß! Er steckte fünfzehn Stunden lang am Pfahl, in der Kälte, nur mit einem Pelz bekleidet, und starb in der großherzigsten Gesinnung; gewiß, ich habe es gelesen ... Aber was soll das hier?«

»Manchem beschert Gott einen solchen Tod, aber unsereinem nicht! Sie meinen vielleicht, ich sei nicht imstande, so zu sterben wie Glebow?«

»Oh, das meine ich ganz und gar nicht«, erwiderte der Fürst verlegen; »ich wollte nur sagen, daß Sie ... das heißt, nicht als ob Sie Glebow es nicht gleichtun würden, sondern ... daß Sie ... daß Sie dann vielmehr ...«

»Ich errate es: Sie meinen, ich würde ein Osterman sein und kein Glebow? Das wollten Sie sagen?«

»Was für ein Osterman?« fragte der Fürst verwundert.

»Osterman, der Diplomat Osterman zur Zeit Peters des Großen«, murmelte Ippolit, der auf einmal etwas verlegen wurde. Der Fürst verstand ihn nicht sofort.

»O n-n-nein!« sagte er dann nach einigem Stillschweigen, indem er das Wort dehnte. »Ich möchte meinen ... Sie würden nie ein Osterman sein.«

Ippolit machte ein finsteres Gesicht.

»Ich behaupte das übrigens deshalb«, fuhr der Fürst in dem offensichtlichen Bestreben, sich zu verbessern, fort, »weil die damaligen Menschen (ich kann versichern, daß mir das von jeher aufgefallen ist) sozusagen nicht dieselben Menschen waren wie die jetzigen, nicht derselbe Schlag wie jetzt in unserm Jahrhundert, wirklich wie eine andere Rasse ... Damals waren die Menschen von einer einzigen Idee erfüllt; jetzt sind sie nervöser, mehr entwickelt, sensitiver, mit zwei, drei Ideen gleichzeitig beschäftigt ... Der jetzige Mensch ist vielseitiger, und nach meiner Überzeugung hindert ihn das, ein so einheitlicher Mensch zu sein, wie es die Angehörigen jener Jahrhunderte waren ... Ich ... ich habe das nur deswegen gesagt, und nicht ...«

»Ich verstehe; um die Naivität wiedergutzumachen, mit der Sie anderer Meinung waren als ich, versuchen Sie mich jetzt zu trösten, haha! Sie sind das reine Kind, Fürst! Ich bemerke jedoch, daß Sie alle mich wie ... wie eine Porzellantasse behandeln ... Nun, das tut nichts, das tut nichts; ich nehme es nicht übel. Jedenfalls hat sich das Gespräch zwischen uns recht komisch gestaltet; Sie sind manchmal noch völlig Kind, Fürst. Lassen Sie sich übrigens sagen, daß ich vielleicht gewünscht habe, noch etwas Besseres zu sein als ein Osterman; um ein Osterman zu sein, würde es sich nicht lohnen, von den Toten aufzuerstehen ... Aber ich sehe ein, daß ich gut tun werde, möglichst bald zu sterben, sonst werde ich selbst ... Lassen Sie mich nur in Ruhe! Auf Wiedersehen! Nun gut, dann sagen Sie mir einmal selbst, wie ich nach Ihrer Meinung am besten sterben würde ... damit es möglichst tugendhaft herauskommt, meine ich. Nun, so reden Sie!«

»Gehen Sie an uns vorbei, und verzeihen Sie uns unser Glück!« sagte der Fürst mit leiser Stimme.

»Hahaha! Hatte ich es mir doch gedacht! Ich habe erwartet, daß unfehlbar so etwas kommen würde! Aber Sie ... aber Sie ... Nun ja, schöne Phrasen haben diese Leute immer zur Hand! Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!«