Tante Lisbeth

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»Er betet mich an!« antwortete die Tante und setzte eine ernsthafte Miene auf. »Siehst du, Kindchen, bis jetzt hat er nur blasse und fade Frauen gekannt, wie sie da oben im Norden alle sind. Ich, braun, schlank, jung, ich habe ihm das Herz entflammt. Aber schweigen! Ich habe dein Wort.«

»Dem Ärmsten wird es wohl nicht anders ergehen als den fünf andern!« neckte das junge Mädchen die Tante, indem sie das Petschaft weiter betrachtete.

»Sechs, bitte! Du vergißt den, der in Lothringen auf mich wartet, und der noch heute für mich den Mond vom Himmel holen würde.«

»Der hier tut etwas Besseres«, erwiderte Hortense, »er bringt dir die Sonne!«

»Leider kann man Sonnengold nicht prägen lassen«, meinte Tante Lisbeth. »Man braucht Erde, ehe man sich sonnen kann!«

Diese Scherzreden folgten sich Schlag auf Schlag und erregten jenes übermütige Lachen, das die Baronin so ängstigte, weil es sie zwang, die voraussichtliche Zukunft ihrer Tochter mit dem frohen Heute zu vergleichen, wo sie sich all der Fröhlichkeit ihrer Jugend noch hingeben durfte.

»Er muß dir gegenüber doch große Verpflichtungen haben, wenn er dir ein Werk schenkt, an dem er sechs Monate lang gearbeitet hat?« fragte Hortense, die das Petschaft sehr nachdenklich gestimmt hatte.

»Du willst aber auch gar zu viel auf einmal wissen«, wehrte Tante Lisbeth ab. »Paß mal auf! Ich will dich in eine Verschwörung einweihen.«

»Handelt es sich um deinen Verehrer?«

»Du möchtest ihn sehen! Aber du wirst doch billigen, daß eine alte Jungfer wie eure Tante Lisbeth, die ihren Liebsten viele Jahre lang so fein verheimlicht hat, ihn nun nicht gleich zeigt. Laß mich damit also in Frieden! Siehst du, ich habe keinen Kater, keinen Kanarienvogel, keinen Hund, auch keinen Papagei; aber etwas fürs Herz muß doch auch eine alte Wildkatze wie ich haben, und darum halte ich mir einen Polen.«

»Hat er einen Schnurrbart?«

»So lang!« machte Lisbeth, indem sie ein langes Stück Goldfaden von der Rolle abwickelte.

Sie brachte sich stets Arbeit mit und beschäftigte sich damit, bis man zu Tisch ging.

»Wenn du immer nur fragst, erfährst du gar nichts mehr!« fuhr sie fort. »Du bist erst zweiundzwanzig Jahre alt und dabei geschwätziger als ich mit meinen zweiundvierzig oder vielmehr dreiundvierzig.«

»Ich will mucksmäuschenstill zuhören!«

»Mein Verehrer hat eine zehn Zoll hohe Bronzegruppe gemacht«, begann Tante Lisbeth. »Simson, wie er einen Löwen erwürgt. Er hat sie eingegraben, damit sie Rost ansetzt. Sie soll so antik aussehen wie Simson selber. Dies Meisterwerk ist nun bei einem Raritätenhändler ausgestellt, der seinen Laden auf der Place du Carrousel hat, nahe meinem Hause. Dein Vater, der mit Popinot, dem Minister des Handels und der Landwirtschaft, und mit dem Grafen Rastignac bekannt ist, sollte die beiden gelegentlich auf die Gruppe aufmerksam machen: sie sei ein schönes antikes Werk, das er zufällig im Vorbeigehen gesehen habe. Die großen Herren von heute scheinen mehr Interesse für solche Artikel zu haben als für unsere schönen Goldstickereien. Mein Schatz könnte sein Glück machen, wenn einer dies alte Kupferding kaufen oder auch nur mal ansehen möchte. Der arme Kerl meint, man könne das Zeug für wirklich alt halten und teuer bezahlen. Wenn einer der Minister die Gruppe kaufte, würde er sich ihm dann vorstellen und ihm beweisen, daß er sie gemacht hat. Dann wird er angestaunt werden. Ja, er bildet sich wahrhaftig ein, er sei schon auf dem Gipfel seines Künstlertums. Das Kerlchen ist eingebildet wie ein neubackener Kommerzienrat.«

»Also ein neuer Michelangelo! Für einen Verliebten hat er seine sieben Gedanken noch ganz leidlich beisammen«, meinte Hortense. »Und wieviel verlangt er dafür?«

»Fünfzehnhundert Francs! Der Händler soll die Bronze nicht billiger hergeben.«

»Augenblicklich ist Papa Beauftragter von Majestät«, sagte Hortense. »Er trifft die beiden Minister täglich in der Kammer. Er muß sich der Sache annehmen. Laß mich es nur machen! Sie werden reich sein, Frau Gräfin Steinbock!«

»Nein, dazu ist mein Mann zu gemächlich. Wochenlang tut er nichts als rotes Wachs kneten – und nichts wird fertig. Was sag ich? Ganze Tage verträumt er im Louvre und in der Bibliothek, wo er alte Stiche anguckt und abzeichnet. Er ist ein Tagedieb.«

Die beiden fuhren fort zu scherzen. Hortense lachte aber nicht mehr natürlich, denn sie stand mit einem Male im Banne einer Liebe, wie sie alle jungen Mädchen einmal erleben: der Liebe zu dem Unbekannten, einer vagen Liebe, bei der sich die Gedanken um eine vom Zufall heraufbeschworene Gestalt kristallisieren wie die Blumen des Rauhreifs um den Halm, den der Wind zufällig an ein Fenster gedrückt hat. Seit zehn Monaten ahnte sie etwas vom Vorhandensein dieses phantastischen Liebhabers der Tante Lisbeth, an deren ewige Ehelosigkeit sie ebenso fest wie ihre Mutter glaubte, und vor acht Tagen hatte sich ihnen diese imaginäre Gestalt zu einem Grafen Stanislaus Steinbock verkörpert. Der Traum war damit zur Wirklichkeit geworden, und der nebelhafte Schatten hatte die leibhafte Gestalt eines jungen dreißigjährigen Mannes angenommen. Das Petschaft, das Hortense in der Hand hielt, wirkte zauberkräftig wie eine Verkündigung, in der sich ihr ein Genie offenbarte, wie ein Talisman. Hortense fühlte sich so glücklich, daß sie beinahe an der Wahrheit dieses wunderschönen Märchens zweifeln mochte. Ihr Blut fieberte; sie lachte wie närrisch.

»Die Tür zum Salon ist offen, wie mir scheint«, bemerkte Tante Lisbeth. »Laß uns nachsehen, ob Herr Crevel wieder fort ist!«

»Mutter ist seit zwei Tagen so traurig. Sicherlich hat sich die Partie, um die es sich handelte, zerschlagen.«

»Unsinn! Das wird sich schon wieder einrenken. Es handelt sich – soviel kann ich dir sagen – um einen Königlichen Regierungsrat. Möchtest du gern Frau Regierungsrätin werden? Wenn es von Herrn Crevel abhängt, dann erzählt er mir gewiß etwas davon. Morgen werde ich wissen, ob Aussicht ...«

»Tantchen, laß mir das Petschaft!« bat Hortense. »Ich zeig es niemandem! In vier Wochen ist Mutters Geburtstag; an dem Tage gebe ich es dir früh zurück.«

»Nein, gib es mir gleich wieder! Es fehlt das Kästchen dazu.«

»Ich möchte es nämlich gern Papa zeigen, damit er dem Minister gut unterrichtet davon erzählen kann.«

»Nun gut, aber zeige es deiner Mutter nicht! Weiter verlange ich nichts. Wenn sie wüßte, daß ich wirklich einen Schatz habe, würde sie mich auslachen.«

»Ich verspreche es dir.«

Die beiden gelangten gerade in dem Augenblick an die Tür des Damenzimmers, als die Baronin ohnmächtig wurde; aber der Schrei, den Hortense darüber ausstieß, genügte, um Adeline wieder zu sich zu bringen. Lisbeth lief nach Riechsalz. Als sie damit zurückkam, fand sie die Tochter in den Armen der Mutter. Die Baronin suchte sie mit den Worten zu beruhigen: »Es ist nichts; es sind nur die Nerven. Da kommt dein Vater«, fügte sie hinzu. Sie hatte ihn an seiner Art zu klingeln erkannt. »Sag ihm ja nichts davon!«

Adeline erhob sich, um ihrem Gatten entgegenzugehen und ihn in den Garten zu führen, wo sie ihm noch vor Tisch von dem vereitelten Heiratsplan berichten, ihn über seine Zukunftspläne befragen und ihm einige Ratschläge geben wollte.

Der Baron von Hulot bewahrte noch immer seine parlamentarische napoleonische Haltung. Man kann die »Kaiserlichen« leicht erkennen an ihrem soldatischen Wesen, an ihrer Art, sich zu kleiden, an der Gewohnheit, den Rock bis oben zuzuknöpfen, an den schwarzen Seidenkrawatten und an dem ganzen selbstbewußten Auftreten, dem man unbedingtes Herrentum ansieht, das sich die Umgebung des Kaisers in den so häufigen und wechselvollen Lagen angeeignet hatte. Nichts verriet das hohe Alter des Barons. Seine Augen waren noch so scharf, daß er ohne Glas las; sein hübsches ovales Gesicht, das ein vielleicht allzu dunkler Bart schmückte, war von frischer roter Farbe infolge von vielen kleinen Äderchen in der Haut. Sein durch einen Gürtel gehaltener Bauch vermehrte, wie Brillat-Savarin sagt, seine Würde. Sein uraristokratisches und höchst leutseliges Wesen nahmen jeden sogleich für diesen alten Schwerenöter ein, mit dem Crevel so manchen lustigen Abend verlebt hatte. Er war einer von den Männern, deren Augen beim Anblick einer hübschen Frau aufleuchten, die jeder Schönen zulächeln, selbst denen, die nur vorübergehen und nie wiederkehren.

»Hast du eine Rede gehalten, lieber Hektor?« fragte Adeline, als sie seine sorgenvolle Stirn bemerkte.

»Nein«, antwortete Hektor, »aber ich bin todmüde. Stundenlange Reden, ohne daß es zur Abstimmung gekommen wäre. Nichts als Wortgeplänkel! Wie Kavallerieattacken, die nicht durchstoßen! Man hat das Wort an die Stelle der Tat gesetzt, und die Leute, die an Taten gewöhnt sind, haben wenig Freude daran. Ich habe das auch zum Marschall beim Abschied gesagt. Na, man hat sich lange genug am Regierungstische gelangweilt; hier wollen wir vergnügt sein ... Aha, die Wildkatze! Guten Tag, Wildkatze!«

Dann umarmte und küßte er seine Tochter, neckte sie und zog sie auf seine Knie, indem er ihren Kopf auf seine Schulter legte, um ihr schönes goldiges Haar an seinem Gesichte zu fühlen.

Er ist müde und verstimmt, dachte Frau Hulot, und nun muß ich ihm die Laune gleich noch mehr verderben.

»Bleibst du heute abend bei uns?« fragte sie.

»Nein, Kinder. Nach Tisch verlaß ich euch wieder. Wenn der Tag nicht meinem Bruder, meinen Kindern und der Wildkatze gehörte, so hättet ihr mich überhaupt nicht zu sehen bekommen.«

Die Baronin nahm die Zeitung, überflog den Theaterplan und legte das Blatt wieder hin. Unter der Opernrubrik hatte sie »Robert der Teufel« gelesen. Josepha, die seit einem halben Jahre die Italienische mit der Französischen Oper vertauscht hatte, sang die Alice. Dieses stumme Spiel entging dem Baron nicht; er sah seine Frau scharf an. Adeline senkte den Blick und trat hinaus in den Garten, wohin er ihr folgte.

 

»Na, was hast du, Adeline?« fragte er, indem er sie um die Taille faßte und fest an sich drückte. »Weißt du nicht, daß ich dich mehr liebe als ...?«

»Mehr als Jenny Cadine und Josepha?« unterbrach sie ihn mutig.

»Wer hat dir denn das gesagt?« fragte der Baron, indem er seine Frau losließ und unwillkürlich einige Schritte zurückprallte.

»Ich habe einen anonymen Brief bekommen, den ich verbrannt habe. Darin stand, daß Hortenses Heirat an der Lage, in der wir uns befänden, gescheitert sei. Mein lieber Hektor, als deine Frau hätte ich nie etwas gesagt. Ich kannte dein Verhältnis mit Jenny Cadine. Habe ich mich je darüber beklagt? Aber als Hortenses Mutter bin ich dir Offenheit schuldig.«

Nach einem Augenblick des peinlichsten Schweigens, während dem man die Herzen schlagen hören konnte, breitete Hulot die Arme aus, drückte seine Frau an sich, küßte sie auf die Stirn und sagte mit der ganzen Übertreibung momentaner Begeisterung: »Adeline, du bist ein Engel, und ich bin ein schlechter Mensch!«

»Nein, nein!« rief die Baronin und legte ihm rasch die Hand auf den Mund, um zu hindern, schlecht von sich selbst zu sprechen.

»Na ja. In diesem Augenblick könnte ich Hortense keinen Pfennig mitgeben. Ich bin sehr unglücklich. Aber da du mir dein Herz geöffnet hast, kann ich dir auch die Sorgen beichten, die mich fast erdrücken. Daß dein Onkel Fischer in Geldverlegenheiten ist, das ist auch meine Schuld; er hat mir nämlich eine Wechselbürgschaft von fünfundzwanzigtausend Francs geleistet! Eines Weibes wegen, das mich betrügt, das in meiner Abwesenheit über mich lacht, mich einen angestrichenen alten Kater nennt! – Ach, es ist entsetzlich, daß es mehr Geld kostet, einem Laster zu frönen als eine Familie zu ernähren! Und doch kann man nicht widerstehen. Ich könnte dir in diesem Augenblick versprechen, niemals wieder zu dieser abscheulichen Jüdin zurückzukehren; aber wenn sie mir nur zwei Zeilen schreibt, so eile ich doch wieder hin, wie man unter dem Kaiser ins Gefecht ging.«

»Quäle dich nicht, Hektor!« sagte die arme verzweifelte Frau und vergaß ihre Tochter über den Tränen in ihres Mannes Augen. »Siehst du, ich habe noch meine Brillanten. Rette damit vor allem meinen Onkel!«

»Deine Brillanten sind heute kaum zwanzigtausend Francs wert. Das würde Vater Fischer gar nichts nützen. Behalte sie darum für Hortense! Morgen rede ich mit dem Marschall!«

»Armer Freund!« rief die Baronin, ergriff ihres Mannes Hände und küßte sie.

Das war die ganze Auseinandersetzung! Adeline bot ihm ihre Brillanten an, und er schenkte sie Hortense. Dieser Verzicht schien ihr erhaben, und nun war sie ganz widerstandslos.

Er ist der Herr. Er könnte mir alles nehmen. Aber er läßt mir meine Brillanten. Er ist ein Gott! So dachte diese Frau, die sicherlich mit ihrer Sanftmut mehr erreicht hatte als eine andere durch Zorn und Eifersucht.

Der Menschenkenner weiß, daß wohlerzogene, aber lasterhafte Menschen gewöhnlich viel liebenswürdiger sind als Tugendbolde. Da sie immer ein schlechtes Gewissen haben, so nehmen sie gleichsam einen Vorschuß auf die Nachsicht der andern; sie sind gegen die Fehler ihrer Richter duldsam, und so gelten sie für prächtige Menschen. Natürlich gibt es auch unter den Tugendsamen reizende Leute; aber meist dünkt sich die Tugend an sich schon vollkommen genug und spart sich jeden Aufwand von Liebenswürdigkeit. Übrigens sind alle tugendhaften Leute – von den Heuchlern spreche ich hier nicht – ein wenig argwöhnisch; sie kommen sich auf dem großen Markte des Lebens gleichsam übervorteilt vor und machen gern spitze Bemerkungen nach der Art der unverstandenen Seelen.

Der Baron, der sich den Ruin seiner Familie vorzuwerfen hatte, nahm seine Zuflucht zu all den reichen Hilfsquellen seines Geistes und seiner verführerischen Urbanität gegenüber seiner Frau, den Kindern und der Tante Lisbeth. Als er seinen Sohn und Cölestine mit dem kleinen Hulot kommen sah, überschüttete er seine Schwiegertochter mit den artigsten Schmeicheleien. Daran war die eitle Cölestine nicht sonderlich gewöhnt; sie war zwar ein reiches, aber höchst unbedeutendes Wesen von recht alltäglichem Aussehen. Der Großvater nahm den kleinen Kerl, küßte ihn und fand ihn süß und entzückend. Er unterhielt sich mit ihm in der Kleinkindersprache und weissagte, daß diese Krabbe einmal größer sein Großvater werden würde; auch seinem Sohne sagte er ein paar angenehme Worte und gab dann das Kind wieder der Kinderfrau, einer dicken Bäuerin aus der Normandie. Cölestine wechselte mit der Baronin einen Blick, der deutlich ausdrückte: Was für ein herrlicher Mensch! Es war klar, daß ihn Cölestine fortan gegen ihres eigenen Vaters Angriffe in Schutz nahm.

Nachdem der Baron den liebenswürdigen Schwiegervater und den gemütlichen Großpapa gespielt hatte, ging er mit seinem Sohn in den Garten, wo er ihm in einigen erfahrungsreichen Bemerkungen vor Augen führte, wie man sich in der Kammer in einem so schwierigen Fall, wie zum Beispiel dem von heute morgen, verhalten müsse. Der junge Anwalt bewunderte seines Vaters Scharfblick und war von seinem kameradschaftlichen Ton gerührt, besonders aber von der sichtlichen Achtung, mit der er ihn wie seinesgleichen behandelte. Hulot der Jüngere war einer der jungen Männer, wie sie die Revolution von 1830 hervorgebracht hat: den Kopf voll Politik, erfüllt von seinen Plänen und Hoffnungen, die er hinter der Maske der Würde verbarg, und sehr eifersüchtig auf alle bereits Berühmten. Er warf mit Phrasen um sich, aber nicht mit den blitzenden Bonmonts, den Brillanten der französischen Plauderkunst. Seine Haltung war gut, aber von einer steifen Zurückhaltung, die Vornehmheit ausdrücken sollte. Solche Leute sind wie wandelnde Mumien, in denen ein Franzose der guten alten Zeit einbalsamiert liegt. Manchmal regt sich der alte Gallier wieder und möchte die englische Tünche abwerfen, aber die Eitelkeit duckt ihn immer wieder, bis er zu guter Letzt gottergeben seinen Geist aufgibt. Solche wandelnden Mumien stecken immer in tadellosen schwarzen Röcken.

»Ah, da kommt mein Bruder!« sagte der Baron und eilte zur Tür des Salons, ihm entgegen.

Nachdem Hektor den wahrscheinlichen Nachfolger des eben verstorbenen Marschalls Montcornet umarmt hatte, führte er ihn herein, wobei er ihm mit sichtlicher Liebe und Verehrung den Arm reichte. Dieser Pair von Frankreich, den die Taubheit vom Besuch der Sitzungen abhielt, hatte einen herrlichen Kopf mit vom Alter gebleichtem Haar, das aber immer noch voll genug war, um da, wo der Hut gesessen hatte, einen Eindruck zu zeigen. Klein, untersetzt und mager, trug der Graf ein frisches Greisentum fröhlich zur Schau. Im Besitz einer außergewöhnlichen geistigen Regsamkeit, die sich ungern zur Ruhe verurteilt sah, vertrieb er sich die Zeit mit Lesen und Spazierengehen. In seinem blassen Gesicht, seiner edlen Haltung, seiner Natürlichkeit beim Sprechen – wobei er sehr witzig sein konnte – spiegelte sich seine innere Feinheit. Nie erzählte er vom Krieg und den Feldzügen, die er mitgemacht hatte; er war zu sehr wirklicher Held, als daß er mit dem Heldentum paradiert hätte. Im Salon sah er seine ständige Aufgabe darin, die leisesten Wünsche der Frauen zu erfüllen.

»Ihr seid alle so lustig!« meinte er, als er die gute Laune bemerkte, die der Baron in diesem kleinen Familienkreis hervorgerufen hatte, »... obgleich aus Hortenses Heirat nichts geworden ist«, setzte er hinzu, als er auf dem Gesicht der Schwägerin einen Schatten von Trauer wahrnahm.

»Das kommt immer noch früh genug«, rief ihm Tante Lisbeth mit Donnerstimme ins Ohr.

»Ach, da bist du ja auch, du Baum, der keine Früchte tragen wollte!« meinte er lachend.

Der Held von Pforzheim mochte Lisbeth gern, weil sie sich beide in manchem ähnlich waren. Auch er war aus dem Volke hervorgegangen, hatte keine besondere Erziehung genossen und verdankte sein Soldatenglück einzig seinem persönlichen Mute, und der gesunde Menschenverstand ersetzte bei ihm den geistigen Drill. Mit reinen Händen und ruhmgekrönt feierte er den Abend eines schönen Lebens im Kreise einer Familie, der alle seine Liebe gehörte, ohne daß er seines Bruders Irrungen und Wirrungen ahnte. Keiner genoß wie er das schöne Schauspiel dieser Einigkeit, wo nie der geringste Streit ausbrach, wo sich alle wie Brüder und Schwestern liebten; auch Cölestine war sofort als zur Familie gehörig betrachtet worden. So erkundigte sich denn der biedere Graf mehrere Male, warum Vater Crevel nicht käme.

»Mein Vater ist auf dem Lande«, rief ihm Cölestine zu. Man berichtete ihm, Crevel sei verreist.

Diese schöne Familieneintracht stimmte Frau Hulot nachdenklich: Das ist doch mein sicherstes Glück! Wer könnte mir das rauben?

Als der General sah, wie seinem Liebling Adeline von ihrem Manne der Hof gemacht wurde, neckte er den Baron, so daß dieser aus Furcht vor der Lächerlichkeit seine Galanterie von neuem seiner Schwiegertochter zuwandte, die bei diesen Familienmahlzeiten immer den Gegenstand seiner Schmeicheleien und Aufmerksamkeiten bildete. Durch sie hoffte er nämlich den Vater Crevel umzustimmen und ihn von seinem Hasse abzubringen.

Schwerlich konnte man beim Anblick dieses Familienbildes glauben, daß der Vater vor dem Ruin stand, daß die Mutter in Verzweiflung war, daß der Sohn in größter Besorgnis um seines Vaters Zukunft schwebte und daß die Tochter im Begriffe war, ihrer Tante den Geliebten abspenstig zu machen.

Um sieben Uhr, als er seinen Bruder, seinen Sohn, die Baronin und Hortense am Whisttische sah, ging der Baron fort, um seine Geliebte in der Oper zu bewundern, und nahm Tante Lisbeth, die in der Rue du Doyenné wohnte, mit in seine Droschke. Unter dem Vorwande, daß es in ihrer Gegend so einsam sei, pflegte sich Lisbeth stets sofort nach dem Essen zu empfehlen. Diese Maßregel des alten Fräuleins war sehr vernünftig.

Daß das alte Häuserviertel längs des Louvre noch immer besteht, ist einer der Widersprüche gegen den gesunden Menschenverstand, die sich die Franzosen so gerne leisten, damit sich Europa zu seiner Beruhigung überzeugen kann, daß der Fortschritt nicht so schlimm ist, wie er aussieht. Vielleicht verfolgt man damit unbewußt eine große politische Idee. Sicherlich ist es aber keine überflüssige Arbeit, diesen Winkel des modernen Paris zu beschreiben; denn später wird man sich so etwas gar nicht mehr vorstellen können. Unsere Enkel, die zweifellos das Louvre vollendet sehen, werden nicht glauben wollen, daß es so lange in der schändlichsten Umgebung gestanden hat, im Herzen von Paris, dieser Palast, in dem drei Dynastien in einem Zeiträume von sechsunddreißig Jahren die Blüte Frankreichs und Europas empfangen haben.

Von dem Portal aus, das nach dem Pont du Carrousel und der Rue de Musée führt, fällt einem ein Dutzend Häuser mit zerfallenen Vorderseiten auf, die von den unbekümmerten Besitzern nicht mehr ausgebessert werden. Man steht vor den Überbleibseln eines alten Viertels, das zerstört wurde, als Napoleon den Plan faßte, das Louvre zu vollenden. Die Rue du Doyenné mit ihrer Sackgasse dringt einzig und allein in dieses düstere und einsame Häuserviertel ein, dessen Bewohner einem wie Gespenster vorkommen; denn eigentlich sieht man dort keinen Menschen. Das Pflaster, viel tiefer als das der Rue du Musée, liegt ungefähr in einer Höhe mit dem der Rue Froidmanteau. Schon durch die Erhöhung des Platzes erscheinen diese Häuser wie verschüttet; dazu kommt noch, daß sie von dem undurchdringlichen Schatten umhüllt sind, den die hohen, an dieser Seite vom Nordwind geschwärzten Galerien des Louvre werfen. Dunkelheit, Stille, eiskalte Luft und die Kellertiefe machen diese Häuser gewissermaßen zu Grüften, zu lebendigen Gräbern. Wenn man im Wagen an diesem toten Viertel entlangfährt, gruselt es einen, und man fragt sich, wer wohl da wohnen könne und wer am Abend hier zu gehen wage, zu der Zeit, wo sich dies Gäßchen in eine Räuberhöhle verwandelt, wo alle Laster von Paris unter dem Deckmantel der Nacht aufwachen. Dieser an sich schon beunruhigende Gedanke beängstigt einen geradezu, wenn man sieht, daß diese sogenannten Häuser nach der Rue de Richelieu hin an lange Moräste grenzen, nach der Tuilerienstraße an ein wahres Meer von Pflastersteinhaufen, nach den Galerien an kleine Gärten und unheimliche Baracken und nach der Seite des alten Louvre an Felder von Abbruchsteinen. Heinrich III. und seine Lieblinge, die ihre Hosen, und Königin Margaretes Liebhaber, die ihre Köpfe suchen, mögen bei Mondenschein ihre Menuetts tanzen in diesen Wüsteneien, die überragt werden von der Kuppel einer alten Kapelle, die noch dort steht, als wolle sie beweisen, daß der in Frankreich nimmermüde Katholizismus alles überdauert. Seit fast vierzig Jahren schreit das Louvre aus all den aufgerissenen Mäulern dieser geborstenen Mauern, aus all diesen gähnenden Fensterhöhlen: »Entfernt diese Schandflecke aus meinem Gesichtskreis!« Zweifellos sieht man aber in dieser Mördergrube eine Art Symbol und hält es für nützlich, damit im Herzen von Paris die nahe Verwandtschaft von Elend und Glanz, die Merkmale dieser Königin der Weltstädte, zu zeigen. Und wer weiß, ob diese kahlen Ruinen, diese verruchten Baracken der Rue du Musée mit ihren Reihen von Holzbuden nicht ein längeres und glücklicheres Dasein haben als die drei Herrscherhäuser.

 

Seit 1823 war der Mietzins in diesen dem Verfall geweihten Häusern sehr niedrig, was Tante Lisbeth bewogen hatte, dort zu mieten, obwohl sie sich beim Anblick des Viertels sofort sagte, daß man hier nach Einbruch der Nacht nicht mehr außer dem Hause weilen dürfe. Diese Notwendigkeit paßte übrigens zu ihrer ländlichen Gewohnheit, der sie treu geblieben war: mit der Sonne aufzustehen und mit den Hühnern schlafen zu gehen; man spart damit beträchtlich an Licht und Heizung. Lisbeth bewohnte also eins jener Häuser, denen die Niederlegung des berühmten Hauses, in dem Cambacérès gewohnt, die freie Aussicht über den Platz verschaffte.

In dem Augenblick, als sich der Baron an der Tür dieses Hauses von Lisbeth mit den Worten verabschiedete: »Auf Wiedersehen, Tante Lisbeth!«, ging eine junge Frau an der Droschke vorbei, um gleichfalls das Haus zu betreten. Sie war klein, schlank, hübsch, sehr elegant gekleidet und duftete nach einem erlesenen Parfüm. Ohne etwas anderes damit zu bezwecken, als sich den Verwandten ihrer Nachbarin anzusehen, wechselte diese Dame einen Blick mit dem Baron; aber den alten Lebemann durchzuckte es dabei lebhaft wie alle Pariser, wenn sie einer jungen Frau begegnen, die, wie der Fachmann sich ausdrückt, ihren Geschmack verkörpert. Ehe er wieder in den Wagen stieg, zog er langsam und bedächtig einen seiner Handschuhe an, um sein Zögern zu begründen und der jungen Frau mit den Blicken folgen zu können. Ihr Kleid verriet gefällige Formen und nicht nur die abscheulichen betrügerischen Krinolinenunterröcke.

Das ist ja eine reizende kleine Frau! sagte er sich. Mit der wäre man glücklich.

Als nun die Unbekannte im Hausflur die Wendung zur Treppe machte, spähte sie nochmals nach dem Baron, wobei sie sich ja nicht umzudrehen brauchte. Da sah sie, daß der Baron, starr vor Bewunderung und von Begehrlichkeit und Neugier gepackt, noch am selben Platze stand. Bewunderung ist eine Blume, deren Duft alle Pariserinnen mit Wonne einatmen, wenn sie sie an ihrem Wege finden. Sogar pflichttreue und tugendsame hübsche Frauen kommen ziemlich verdrießlich heim, wenn sie auf ihrem Spaziergange nicht ihr kleines Sträußchen Bewunderung gepflückt haben.

Schnell stieg die junge Frau die Treppe hinauf. Bald darauf wurde im zweiten Stock ein Fenster geöffnet, an dem sie erschien, aber in Gesellschaft eines Herrn, dessen kahler Schädel und ein klein wenig grimmiger Blick den Ehemann verrieten.

Wie schlau und klug! dachte der Baron. Auf diese Weise zeigt sie mir, wo sie wohnt. Nur ein bißchen zuviel Tempo! Und dann dies Viertel hier! Also Vorsicht!

Der Rat hob den Kopf, als er in die Droschke gestiegen war, und im Nu zogen sich Mann und Frau zurück, als habe das Gesicht des Barons die sagenhafte Wirkung des Medusenhauptes auf sie ausgeübt.

Fast möchte man glauben, sie kennen mich, dachte der Baron. Dann wäre ja alles klar.

Und wirklich, als der Wagen wieder der Rue du Musée zufuhr und Hulot sich noch einmal nach der Unbekannten umwandte, sah er, daß sie wieder am Fenster stand. Sich schämend, dabei ertappt worden zu sein, daß sie ihrem Anbeter nachschaute, fuhr die junge Frau rasch zurück.

Durch die Wildkatze werde ich erfahren, wer sie ist, dachte der Baron.

Der Anblick des Staatsrates hatte einen tiefen Eindruck auf das Ehepaar gemacht.

»Aber das ist ja der Baron Hulot, der Vorstand meiner Abteilung!« rief der Mann und trat von der Fensterbrüstung zurück.

»Und denke dir, Paul, die alte Jungfer, die im dritten Stock nach dem Hof hinaus wohnt und mit dem jungen Menschen zusammenlebt, die muß eine nahe Verwandte von ihm sein! Wie sonderbar, daß wir das erst heute und so zufällig erfahren!«

»Fräulein Fischer lebt mit einem jungen Menschen zusammen?« rief der Beamte. »Ach was, das ist Altweiberklatsch! Wir wollen nicht so leichthin von der Verwandten eines Staatsrates sprechen, von dem im Ministerium Regen und Sonnenschein abhängt. Komm! Essen wir! Ich warte seit vier Stunden auf dich!«

Die sehr hübsche Frau Marneffe, eine uneheliche Tochter des Grafen Montcornet, eines der gefeiertsten napoleonischen Offiziere, hatte man mit einer Mitgift von zwanzigtausend Francs an einen unteren Beamten im Kriegsministerium verheiratet. Durch den Einfluß des berühmten Generals, der während der letzten sechs Monate seines Lebens Marschall von Frankreich gewesen, war diese Schreiberseele ganz unverhofft in die Stelle eines Kanzleiassistenten aufgerückt. Aber gerade als er Kanzleisekretär werden sollte, hatte der Tod des Marschalls den Hoffnungen des Ehepaares ein Ende bereitet. Die Kärglichkeit ihres Einkommens zwang das Ehepaar Marneffe, an der Miete zu sparen; denn die Mitgift von Fräulein Valerie Fortin war draufgegangen, teils um Marneffes Schulden zu bezahlen, teils durch die nötigen Anschaffungen bei der Errichtung ihres Heims, besonders aber durch die Bedürfnisse der hübschen Frau, die bei ihrer Mutter an Genüsse gewöhnt worden war, auf die sie nicht mehr verzichten wollte. Die Lage der Rue du Doyenné, nahe dem Kriegsministerium und der City von Paris, gefiel Herrn und Frau Marneffe, die nun seit ungefähr vier Jahren mit Fräulein Fischer in einem Hause wohnten.

Jean Paul Marneffe gehörte zu der Kategorie von Beamten, die dem völligen moralischen Untergang nur durch jene gewisse Widerstandskraft entgehen, die die Entartung zeitigt. Dieser kleine hagere Mann mit dünnem Haupt- und Barthaar und blassem Gesicht, mit mehr Spuren des Verbrauchtseins als des Alters, mit bebrillten Augen und leicht geröteten Lidern, dieser Mann von unsicherem Benehmen und noch unsicherer Haltung hatte den Typ eines Sittlichkeitsverbrechers.

Die Räume, die das Ehepaar bewohnte, boten den üblichen Anblick so vieler Pariser Wohnungen, in denen unechter Luxus vorherrscht. Im Salon standen Möbel mit abgenutzten Bezügen aus Baumwollsamt; Gipsfiguren sollten Florentiner Bronzen vorstellen; der schlecht entworfene bronzierte Kronleuchter trug Lichthalter aus gepreßtem Glas, und der billige Preis des Teppichs fand nachträglich eine Erklärung in der Menge eingewebter Baumwolle, die man bereits mit bloßem Auge erkennen konnte. Alles bis auf die Vorhänge, an denen man so recht sehen konnte, daß Wolldamast keine drei Jahre lang gut aussieht, alles das rief laut das Mitleid des Betrachters an wie ein zerlumpter Bettler vor der Kirchentür. Das Eßzimmer, von einem einzigen Dienstmädchen nur schlecht instand gehalten, machte denselben widrigen Eindruck wie die Speisesäle in kleinstädtischen Gasthöfen: alles schmutzig und vernachlässigt.

Das Herrenzimmer – von einer Studentenbude nicht allzu verschieden – mit dem Junggesellenbett und sonstigem Junggesellenmobiliar sah verwohnt aus und so verbraucht wie sein Herr. Nur einmal wöchentlich ward es gesäubert. Und dies greuliche Zimmer, wo alles umherlag, wo alte Socken über den Polsterstühlen hingen, auf deren dunklen Bezügen sich staubumränderte Blumen abzeichneten, ließ darauf schließen, daß diesem Manne sein Haushalt gleichgültig war, daß er sein Leben draußen verbrachte, beim Spiel, im Kaffeehaus und Gott weiß wo noch.