LIFE KILLS

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7: Zwölf

Mylor Manasse. Gray versucht sich zu erinnern. Ein „angesehener Bürger der Stadt“. Diplomat, später Senator für Bildung und Wissenschaft. Gray schaut ins Archiv. War während seiner Karriere immer wieder durch „progressive Ideen“ und einen „gekonnten Umgang mit Presse und Öffentlichkeit“ aufgefallen. Jetzt im Ruhestand. Gray liest, dass sein politischer Einfluss noch immer groß ist. Macht bleibt, wo sie sich wohl fühlt. Diesen Mann über einen Callboy befragen zu müssen, ist Gray unangenehm und er hofft insgeheim, dass Manasse keine Zeit für ihn haben wird. Doch schon auf seine erste Anfrage hin bekommt er einen Termin und fährt zwei Tage später in die Schutzzone im Norden. Die Ausflüge in diesen Teil der Stadt erstaunen ihn immer wieder. Sicherheitsdienste patrouillieren in Scharen die weitläufigen Ländereien und abgeschirmten Villen. Gray sieht sie an den Ausfahrten und Toren stehen. Zivilbevölkerung sieht er fast nie. Wenn die Bewohner da sind, verstecken sie sich hinter Mauern.

Manasse wohnt an einem kleinen See im Norden und Gray braucht über zwei Stunden, bis er dort ist. Das Grundstück wird von einem privaten Wachdienst mit eigener Uniform gesichert. Ein alter Landsitz. Efeubewachsene Mauern, ein gusseisernes Tor. Dahinter ein Pförtnerhäuschen. Gray gibt dem Sicherheitsbeamten seinen Namen und wird durchs Tor gelassen. Langsam rollt er die von Fichten gesäumte Allee zum Parkplatz neben dem Anwesen hoch, wo ihn ein anderer Sicherheitsbeamter abholt.

Manasses Sekretär empfängt ihn in einem modernen Gebäude hinter dem Familiensitz. Er wird in einen geräumigen Wintergarten geführt. Von der verglasten Veranda aus sieht er ein Stück des Gartens, der sich gepflegt um mehrere antik aussehende Skulpturen windet. Vor ihm, auf einem glänzenden Holztisch, steht eine Vase mit Lilien und Rosen und daneben eine kleine, bleierne Figur in der Form einer ägyptischen Mumie. Als er sie anhebt, ist sie schwerer, als vermutet. Kein Aschenbecher in Sicht. Wenn es hier eine Bar gibt, ist sie verborgen.

Der ehemalige Senator kommt nach zehn Minuten, gestützt von seiner Frau. Er ist um die achtzig, hat volles weißes Haar und wirkt trotz der Stütze noch recht agil. Seine Frau, mindestens dreißig Jahre jünger, ist einnehmend aber bestimmt. Sie begrüßen ihn freundlich und setzen sich ihm gegenüber. Eine Haushälterin bringt Tee. Gray räuspert sich. Es ist ihm unangenehm, das Thema vor Margitta Manasse anzuschneiden und er bittet um ein Gespräch unter vier Augen. Manasse macht eine abwehrende Handbewegung: Vor seiner Frau habe er keine Geheimnisse.

„Nun gut. Also, es geht um die Ermittlungen in einem Mordfall und ich bin hier, um ein Alibi abzugleichen. Können Sie mir sagen, was Sie in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch gemacht haben und ob Sie vielleicht Besuch hatten?“

Der alte Mann sieht aus dem Fenster, versucht sich zu erinnern, bis seine Frau antwortet. „Ich glaube, Cameron war zu Besuch, oder?“

Gray atmet schnell aus.

Manasse nickt. „Ja, das stimmt. Cameron war hier. Sie müssen wissen, der Junge kommt uns manchmal besuchen. Nicht oft, aber ab und an, alle paar Monate bitten wir ihn, vorbeizukommen. Sie wissen, wen ich meine, oder? Er hat ja auch schon für Sie gearbeitet.“

„Ähm … ja, ich kenne Cameron. Ich bin froh, dass Sie so offen sind. Können Sie mir sagen, wie lange er da war, und was Sie … getan haben? Keine Details, nur so ungefähr.“

Manasse sieht auf einmal beunruhigt aus. „Sie erwähnten einen Mordfall. Cameron hat doch damit nichts zu tun? Das kann ich mir nicht vorstellen. Er achtet das Leben sehr, müssen Sie wissen.“

Seine Frau unterbricht ihn. „Sie wollen wissen, wie lange er da war? Er kam gegen acht und blieb die ganze Nacht. Wir aßen zu Abend, redeten und dann hatten wir eine Zeremonie. Genauer kann ich Ihnen das nicht erläutern. Es ging um die Gesundheit von Mylor und Cameron hat Fähigkeiten, die, nun ja, sehr ungewöhnlich, aber auch sehr effektiv sind. Er arbeitet mit seinem Körper und ... Ich weiß nicht, ob Sie das wissen, er sieht sich in der Tradition der Heilenden Tempelprostituierten. Mylor ging es in den letzten Jahren gesundheitlich nicht so gut und wir haben festgestellt, dass sich sein Zustand nach Camerons Besuchen immer verbessert.“

Heilende Tempelprostituierte? Gray versucht sich nichts anmerken zu lassen. Kein Wunder, dass Cameron sich bei solchen Klienten nicht mehr auf der Straße herumtreibt. Er beugt sich nach vorne. „Darf ich fragen, woher Sie Cameron kennen?“

Manasse lacht leise in sich hinein. „Oh, das ist eine lange Geschichte. Um es kurz zu machen: Ich traf ihn durch meinen Sohn. Cameron half ihm, von den Drogen los zu kommen. Leider hielt der Erfolg nicht an. Mein Sohn ist inzwischen tot. Aber das war nicht Camerons Schuld. Paul wollte nicht mehr unter uns sein. Das war natürlich hart für Margitta und mich. Inzwischen kann ich damit besser leben. Cameron hat uns sehr geholfen.“

Margitta Manasse nimmt die Hand ihres Mannes. „Er hat sich um Mylor gekümmert. Ich selbst war am Boden zerstört und so gar keine Hilfe. Er hat uns wirklich sehr geholfen. Darf ich fragen, in welchem Fall Sie ermitteln?“

„Über unsere Ermittlungen darf ich Ihnen noch nichts sagen, aber es handelt sich um einen Fall, der möglicherweise religiös motiviert ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Cameron nichts damit zu tun hat, aber ich muss alle Eventualitäten ausschließen. Ich denke, das war’s erst mal. Danke für Ihre Hilfe.“

Auf dem Weg zurück in die Stadt bekommt Gray einen Lachanfall. Heilende Tempelprostitution! Cameron ist geschäftstüchtig, das muss man ihm lassen. Dann fällt ihm etwas ein und er hört auf zu lachen.

Der zwölfte Mord: In einem Hotel am Rande der Innenstadt wurde die Leiche gefunden. Dekoriert mit Schmuck hatte der Mörder den Körper auf dem Bett aufgebahrt. Die Körperteile waren wie ein festliches Essen auf einem dunklen Stoff angerichtet und leuchteten unwirklich im flackernden Kerzenlicht. Als Sophia und Gray eintrafen, konnten sie die ursprüngliche Wirkung nur noch erahnen. Grelle Scheinwerfer tauchten die blutige Installation in ein harsches Licht. Der Schmuck war dieses Mal echt, wertvoll und, wie sich bald herausstellte, fast ausschließlich als gestohlen gemeldet.

Schmuck war bis jetzt noch an keinem der Tatorte aufgetaucht, abgesehen von der Halskette mit dem Augen-Anhänger, und so läutete der 12. Mord für die Ermittlungen eine neue Phase ein. Diese Entwicklung verhieß nichts Gutes. Die opulent ausgestattete Szene am Tatort könnte ein Ende der Mordserie bedeuten. Viel wahrscheinlicher aber war, dass das der Anfang einer neuen Generation von Morden war: noch komplexer arrangiert und mit beiläufigen Seitenhieben auf die Polizei versehen, die weder die gestohlenen Schmuckstücke zuvor sicherstellen konnte noch in den Ermittlungen weiterkam. Sophia und Gray nahmen verbissen Inventur. Sie ließen sich die einzelnen Schmuckstücke von zwei Experten erklären und eine Skizze von der Anordnung der Leiche und der Fundstücke anfertigen.

Es war schon nachmittags, als sich Gray nochmals ganz genau im Raum umsah und für sich versuchte, die vielen Symbole an den Wänden zu entziffern, angefangen bei dem Schriftzug „Fiordia – Gott in mir“, der prominent an der Wand über dem Bett verlief bis hin zu einer vertikalen Anordnung von Zeichen, die links neben der Badezimmertür anfingen und sich bis auf den Boden zogen – kleine schwarze und braunrote Symbole, die sich im Teppich verfingen, und dort ihre Konturen verloren. Er konnte den Sinn dieser Hieroglyphen nicht entziffern, doch er versuchte, sich für spontane Ideen zu öffnen. Was könnten diese Zeichen bedeuten? Hatte er sie schon einmal woanders gesehen? Wie präzise und filigran waren sie, wie schnell konnte man diese Symbole aufzeichnen? Und mit welchen Mitteln? Mit bloßen Händen, Pinseln, Stiften, Messern? Ein Teil der Symbole war mit einem Filzstift vorgemalt. Gray inspizierte den Türrahmen. Perfekte Kreise und ein souveräner Strich wiesen auf einen Profi hin, oder auf Schablonen. Zusammen mit den blutig nachgefahrenen Konturen erinnerte ihn der Streifen mal an japanische Kalligrafie, mal an ägyptische Hieroglyphen. Er griff nach seinem Notizbuch, um seine Ideen aufzuschreiben. Vergessen. Er seufzte und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Auf einmal war er unglaublich müde.

Der Tote hatte ein Touristen-Visum, aber eine geschäftliche Reise konnte nicht ausgeschlossen werden. Erste Informationen über ihn waren dürftig und sollten später zu keiner Spur führen. Sophia lüftete das Tuch über der Leiche und blickte mit einem Schaudern auf das friedlich lächelnde Gesicht. Am Hals trug der Tote neben dem geflügelten Auge noch eine weitere Kette mit einem Kristall-Anhänger. Der Stein war durchbohrt und zerkratzt. Sophia löste die Kette vorsichtig und sah sich den Anhänger genauer an. Er war rosa, milchig und halb transparent. Und natürlich waren die Kratzspuren nicht zufällig, sondern entpuppten sich bei näherer Betrachtung unter der Lupe als fein ziselierte Symbole. Spiralen, Kreise, Dreiecke. Gray schüttelte den Kopf. „Was für ein verdammter Spinner.“

Sophia drehte sich um, ließ den Raum noch einmal auf sich wirken, und steuerte auf die Tür zu. Gray legte den Anhänger zurück und rannte ihr hinterher. Sophia ging am Lift vorbei und nahm die Treppe, zwei Stufen auf einmal. Gray schnaufte hinterher. Beide wollten so schnell wie möglich raus aus dem Hotel. Von jetzt an würde der Tag nur noch schlimmer werden: Das tägliche Meeting mit Fox stand an, und er würde heute nicht mit sich reden lassen. Gray erreichte die Straße und stützte sich auf den Schenkeln ab. Der Tag war sonnig, der Himmel so blau wie seit Tagen nicht mehr, die Menschen geschäftig. Hier unten erschien alles ganz normal. Sophia nahm ihn am Ärmel und zog ihn zum Auto.

 

Wir lebten so lange, wie wir leben wollten. Wenn die Entscheidung gefallen war, waren wir es auch, wenn die ersten gegangen waren, kamen andere nach.

Nach dem 12. Mord kennt Fox kein Erbarmen. Er bestellt Sophia und Gray in sein Büro und fixiert sie eine Minute lang schweigend. Sein kleiner, bulliger Körper bewegt sich kaum. Gray weiß, dass ein Sturm anzieht. Der Polizeipräsident, der Innenminister und der Stadtrat sitzen Fox im Nacken und verlangen nach einer Erklärung. Wenn Gray die Augen halb zu kneift, kann er sehen, wie Rauch aus Fox’ Nase und Ohren strömt, und er verschränkt innerlich die Arme. Äußerlich bleibt er bewegungslos in der Hoffnung, eine offene und motivierte Haltung einzunehmen. Er weiß nicht warum, aber er fühlt sich schuldig. Nicht nur an den schleppenden Ermittlungen, sondern an dem letzten Mord, an der gesamten Mordserie. So, als hätten die Morde etwas mit ihm zu tun. Und weil er nicht richtig reagiert, kommt es immer wieder zu neuen Vorfällen. Aber wie soll er reagieren? Was muss er tun, damit der Alptraum aufhört?

Bevor er sich von dem Gedanken lösen kann, hört er, wie Sophia tief einatmet und loslegt: Sie spricht von Cameron. Schnell, bevor er sie unterbrechen kann, erwähnt sie die undurchsichtige Rolle des ehemaligen Informanten, erzählt von ihrem Verdacht. Gray versucht abzulenken, doch Fox’ Neugier ist geweckt. Der Chef will mehr über „die Bordsteinschwalbe“ wissen. Gray mischt sich ein, wird laut und schließlich von Fox des Raums verwiesen. Aufgebracht verlässt er das Büro. Sophia entschuldigt sich und läuft ihm hinterher.

Als Gray auf der Straße ankommt, regnet es. Das Licht wirft unruhige Schatten und die Menschen laufen vornüber gebeugt Slalom zwischen den Pfützen. Er dreht sich um und sieht, wie Sophia mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck auf ihn zu steuert. Er reibt sich die Haare aus dem Gesicht und spürt, wie sein Herz schneller wird. Dann schreit er sie an. Bezichtigt sie, den einfachen Weg zu nehmen und Unschuldige zu verdächtigen, um vor Fox besser dazustehen.

Sophia verteidigt sich, sie habe nur endlich gesagt, was schon längst hätte gesagt werden müssen. „Wenn Cameron unschuldig ist, wird ihm nichts passieren. Aber er muss endlich seine Karten auf den Tisch legen.“

„Das wird er jetzt aber nicht mehr tun können. Fox wird ihn einfach festnehmen und ihm die Schuld in die Schuhe schieben. Selbst wenn es danach mit den Morden weitergeht. Keiner da oben interessiert sich dafür, was hier wirklich geschehen ist. Die wollen lediglich irgendjemanden hängen sehen. Cameron ist doch nur eine Marionette in dem ganzen Spiel.“

„Und du? Du willst wissen, was wirklich im Kopf des Mörders vorgeht? Oder denkst du, es handelt sich hier um eine große Verschwörung, die von uns ganz nebenbei mal aufgedeckt wird? Ohne dass dabei unsere eigenen Köpfe rollen?“

„Und was ist mit dir, Sophia? Willst du die Wahrheit wissen? Willst du wissen, was hier tatsächlich passiert?“

Die Wahrheit. Immer, wenn Gray Sophia auf die Palme bringen will, spricht er von der „Wahrheit“. An die Wahrheit glaubt Sophia schon lange nicht mehr. Vielmehr herrscht eine unausgesprochene Vereinbarung, dass sie nicht nach der Wahrheit suchen, sondern Indizien feststellen. Fakten, die realistische Einschätzungen untermauern, höchstwahrscheinliche Szenarien, die für sich genommen existieren und auf keine „Wahrheit“ dahinter deuten.

Sophia lacht bitter. Als Gray nach einem Taxi winkt, greift sie nach seiner Schulter, um ihn zurückzuhalten. Für sie ist die Sache noch nicht erledigt. Für Gray schon. Er will Cameron warnen. Fox sieht den beiden vom Fenster aus zu und greift zum Telefon. Er schickt eine Einheit zu der Adresse, die Sophia ihm gegeben hat, zu dem Haus, aus dem Gray gekommen ist, als sie ihm heimlich gefolgt ist. Gray sieht nach oben und entdeckt in einem der hell erleuchteten Fenster seinen Chef am Telefon. Er reißt sich los und springt in ein Taxi. Sophia nimmt das Taxi dahinter und fährt ihm hinterher. Sie schmeckt Blut auf der Lippe. Nasenbluten. Auch das noch. Sie verflucht Gray und gibt dem Fahrer die Adresse. Dasselbe Ziel vor Augen rasen sie in zwei Taxis in den Außenbezirk, zu der Wohnung, in der sich Chinchilla nie eingerichtet hat, in der sich seit über zwei Jahren Kartons stapeln. Sie kommen noch vor Fox’ Einheit an und rennen, stumm und ohne sich anzusehen, die Treppen hinauf. Gray wird erst kurz vor der Wohnungstür bewusst, dass er Sophia direkt zu Cameron führt, aber er hat keine Wahl. Außer Atem tritt er die Tür ein, die Zeit reicht nicht mehr für Höflichkeiten, und stolpert in die dunkle Wohnung. Er findet den Lichtschalter und zuckt zusammen.

Hier wohnt niemand mehr. Die Möbel kaputt geschlagen und aufeinander getürmt, die Wände nass und vergilbt, dunkle Flecken auf dem Boden. Lediglich das Sofa ist stehen geblieben. Dort kauert ein Mädchen und sieht sie entgeistert an. Als Sophia sich ihr langsam nähert, zuckt sie zurück und presst sich an die Wand. Sie trägt nur einen Slip und hat aufgerissene Hand- und Fußgelenke, als habe sie die letzten Tage in Fesseln verbracht. In diesem Moment bricht die Spezialeinheit durch die Tür und nimmt alle fest. Gray, Sophia und die junge Frau, die sich nicht identifizieren kann (ihr fehlen Papiere und die Zunge). In diesem Augenblick, und wie stets mit grandiosem Timing, fährt Fox vor. Er sorgt dafür, dass die stumme Zeugin ins nächste Hospital gefahren und dort von Psychologen befragt wird. Dann sieht er lächelnd in die Runde, probt sein Kameragesicht, und verkündet vor der versammelten Mannschaft, dass der Hauptverdächtige identifiziert und schon im Visier einer weiteren Spezialeinheit sei.

Während Gray wild gestikulierend abgeführt wird, redet Sophia mit Fox. Sie merkt, sie hat vorschnell gehandelt. Gray hatte Recht. Cameron jetzt festnehmen zu lassen, wäre nicht gut. Er würde ihnen nicht mehr helfen können. Sie versucht Fox davon zu überzeugen, dass Cameron die Morde nicht begangen haben konnte, dass er möglicherweise nur ein Lockvogel war. Zu spät. Fox hört ihr nicht mehr zu. Er hört nur noch das Klicken der Kameras bei der Pressekonferenz, sieht die Schlagzeilen. Er hat seinen Hauptverdächtigen, alles andere ist ihm egal. Praktischerweise ist der mutmaßliche Täter kein Anwalt, Arzt oder Automechaniker und somit kein wertvolles Mitglied der Gesellschaft. Man muss dem Bösen nur einen Namen geben, schon ist es gebannt. Fox nickt zufrieden. Heute Abend kann seine Frau lange auf ihn warten, heute Abend wird gefeiert.

8: Der Unfall

„Und da ist dein Gold drin.“ Sie legte ihre Hand auf seinen Bauch. Gray machte aus Schreck einen Schritt nach hinten. Damals war er schlanker als jetzt, ihre Hand näher an ihm dran. Zu nah. Er spürte, wie einsam sie war.

Ihre Augen wanderten zu seinem Mund. „Und, schon mal darin herumgeschürft?“

Gray wusste nicht, was sie meinte. Er wollte es nicht wissen. Sie waren keine Freunde. Egal, was andere behaupten, sie waren keine Freunde. Er kannte sie kaum. Er verstand sie nicht. Damals nicht, heute nicht. Carmen schüttelte den Kopf und lächelte langsam, bis ihr Mund aufleuchtete. Er hätte ihr nicht vertrauen sollen. Ihr Mund leuchtete auf und sie griff nach ihm. Und dann sah es so aus, als hätte er nach ihr gegriffen und nach dem Gold gesucht. Man kann ihr nicht vertrauen.

Gray dachte tatsächlich für einen Moment, er hätte die Nuss geknackt. Das Geheimnis um Cameron gelüftet. Er dachte, er wusste, wer Cameron ist. Wer er wirklich ist, unter der Perücke, hinter der Sonnenbrille, den permanent umschatteten Augen. Damals, als seine Schwester und Lucinda bei einem Autounfall starben. In der Schweiz, wo sie angeblich Kirchen besichtigen wollten. Er musste nach Genf fliegen, um die Leichen zu identifizieren. Dort trafen sie sich. In einer kleinen Kapelle in den Bergen. Cameron gab sich als Freundin seiner Schwester aus. Verabredete sich mit ihm. Er wollte ihm helfen. Ihn trösten. Nach vier Tagen. Erst nach vier Tagen merkte er, dass Carmen ein Mann ist. Er haute sofort ab. Aber da war es schon zu spät.

Jahre später trafen sie sich wieder. Bei einer Razzia. Cameron lächelte breit, als er Gray sah. Er arbeitete nun für die Polizei, für Grays Einheit. Wie das Leben so spielt. Gray konnte es nicht fassen. Er konnte nicht so tun, als würden sie sich nicht kennen. Er ist kein guter Schauspieler. Und er konnte ihn nicht in Ruhe lassen. Er konnte sich nicht in Ruhe lassen. Und das Übel nahm seinen Lauf. Gray warf Cameron vor, am Unfall mit schuld gewesen zu sein. Cameron verteidigte sich nicht. Aber Gray wusste, er war nicht einmal im Auto gewesen, als es passierte. Er hatte in einer Kirche auf sie gewartet. Die drei waren durch die Schweiz gefahren und hatten sich Kirchen und Burgen angeschaut. Cameron wiederholte seine Version, bis Gray ihm ins Gesicht schlug.

Und das Übel nahm seinen Lauf. Nachdem Gray sich abreagiert hatte, suchte er nach ihm. Er vermisste seine Schwester. Er vermisste Carmen. Es ging weiter. Cameron tröstete ihn. Mit einer Engelsgeduld. Aber er wurde nie wieder zur Frau dabei. Das war vorbei. Endgültig.

Kurz darauf hörte Cameron auf, für die Polizei zu arbeiten. Er verschwand für einige Monate. Gray ließ sich nichts anmerken. Zuhause zerschlug er aus Zorn seinen Spiegel im Bad. Er setzte sich auf die Badewanne und sah zu, wie das Blut auf die staubigen Fliesen tropfte. Dann suchte er das einzige Foto, das er von Carmen hatte. Er hatte sie fotografiert, als sie sich gerade umdrehte. Der Himmel war grau, aber an einer Stelle war ein Loch in der Wolkendecke aufgerissen und ein Sonnenstrahl fiel auf ihr Gesicht. Ihr feuchtes Haar glitzerte unter der Kapuze und sie lächelte ihn an, voller Trotz. Er dachte damals, mit diesem Trotz könnte er alles überleben. Auch den Tod seiner Schwester. Er nahm das Foto und fackelte es in der Badewanne ab. Dann putzte er die Fliesen.

Fast zwei Jahre später klingelte es spät abends. Gray öffnete die Tür. Cameron lehnte an der Wand. Gray warf die Tür zu. Cameron klingelte wieder.

Am nächsten Morgen stand Gray auf und machte sich einen Kaffee. Cameron schlief noch. Auf dem Couchtisch lag ein goldenes Armband, dass Cameron ihm mitgebracht hatte. Geschürftes Gold für den alten Freund, der keiner war. Gray dachte nicht mehr an seinen Bauch. Er starrte in den Rauch, der aus der Tasse stieg, bis ihm die Augen tränten. Ab jetzt würde er hart bleiben. Cameron war ein Fremder, der sich viel zu vertraut anfühlte. Er ging, bevor der Fremde aufwachte.

Er wollte sich nie wieder von ihm trösten lassen. Nicht als Freund, nicht als etwas anderes. Das Armband versteckte er tief in seinem Kleiderschrank.

Fox beißt sich auf die Zunge, als er die Nachricht bekommt. Es ist wie verhext. Alle Spuren scheinen ins Nichts zu führen. Die Zeugin, die sie zwei Tage zuvor festnahmen, ist an diesem Morgen ganz plötzlich gestorben. Die zuständigen Ärzte sprechen von Kreislaufversagen. Eine Autopsie bringt einige Stunden später Licht ins Dunkel: Das Mädchen hatte eine akute Bleivergiftung. Die Gerichtsmedizinerin findet Spuren einer stark bleihaltigen Paste in Mund und Genitalien, die bei der ersten Untersuchung nicht entdeckt wurden. Die Identität von „Blei-Girl“ bleibt ungeklärt. Keiner in dem Haus, in dem sie gefunden wurde, weiß, wer sie ist, und eine Recherche im Vermisstenarchiv führt auch zu keinen Ergebnissen.

Fox presst seine Kiefer aufeinander. Versunken fährt er mit einem Finger über die Fotos des toten Mädchens. So viele Bilder, so wenig Sinn. Sie wäre hübsch gewesen, unter anderen Umständen. Ein bisschen zu blass vielleicht, aber hübsch. Alles an ihr war hell, die Augen, die Haut, das blondierte Haar. Fast durchsichtig sah sie aus, so als wäre sie gar nicht richtig da gewesen. Mit einer Lupe betrachtet er die Details. Blaue Flecken. Abschürfungen. Zarte Tätowierungen. Er erkennt Blumen, Tiere und Gesichter. Ein Auge mit Flügeln kann er nicht ausmachen. Frustriert wirft er die Lupe an die Wand.

Ich sehe die Leiche, ich sehe sie immer wieder, in unterschiedlichen Positionen, immer derselbe Mensch, ich bin die Leiche, die Leiche bin ich.

Der Mann schläft friedlich. Er träumt nicht. Langsam hebt und senkt sich sein Brustkorb. Er wacht nicht auf, als seine Knochen anfangen zu brechen. Als sein Blut in das weiche Leinen sickert, sein Leben in die Matratze tropft. Er weiß nicht, wie ihm geschieht. Jemand legt die Hand auf sein Gesicht und friert sein Lächeln ein. Der Mann ist ohne Lust. Er hat den höchsten Berg erklommen. Er hat den tiefsten Zustand erreicht. Er begehrt nichts mehr. Sein Sinn ist gekommen. Und hat ihn mitgenommen. Kleine dicke Engel jubilieren in einem Strahlenkranz um seinen Kopf. Flinke Hände nehmen ihn auseinander mit Skalpellen, Sägen, Scheren, Messern. Es ist still im Raum. Still und stickig. Der Mann lächelt. Er weiß mehr als sein Mörder. Viel mehr.

 

Beim Schneiden hört der Mörder auf, ihn zu hassen. Die harte körperliche Arbeit füllt ihn aus. Er ist ruhig und gelöst. Eigentlich hasst er keinen von ihnen. Er mag nur den nächsten Tag nicht. Die aufdringlichen Kopfschmerzen, den süßlichen Geruch unter den Fingernägeln. Sie gehen auf die Reise und er bleibt zurück. So ist das Leben. Einer bleibt immer zurück. Der Mörder ist nicht sentimental. Das verbietet er sich. Als er sich die Hände wäscht, vermeidet er es, in den Spiegel zu sehen. Man sagt, die Züge des Mörders brennen sich ein in die Augen des Ermordeten. Oder in einen Spiegel in der Nähe. Er ist nicht abergläubisch. Was ihm Angst macht, ist sein eigener Blick.

Erst der Kopf. Die kleine Säge macht ein schnappendes Geräusch. Ihr Schnurren übertönt das schwerfällige Blubbern, mit dem sich das Blut nach draußen kämpft. Er bemüht sich, keine Fontänen auszulösen. Die große Kunst ist, den Körper auch nach dem Tod noch zu kontrollieren. Er schneidet in sickernden Mustern. Zarte Linien überziehen seine Leinwand. Das Werk nimmt Gestalt an. Auf den Kopf folgen die Hände. So will es der heilige Prozess. Er legt das Gebiss an. Beißt in den Schenkel. Ordnet die Glieder an, wie im Halbschlaf. Er weiß nicht, wie glücklich er ist. Routine. Ritual. Innere Stille. Er wartet seine eigenen Bewegungen ab, denkt nicht über den nächsten Schritt nach, legt ein Teil neben das nächste. Führt die Hand, führt den Pinsel, arrangiert die Bühne. Er weiß nicht, wie glücklich er ist. Glück ist für Verlierer. Für ihn zählt nur die Ekstase. Der Moment, in dem die Zeit stillsteht. In dem sie keine Macht mehr über ihn hat.

Der Mann auf dem Bett ist kein Mensch mehr. Er ist ein Tatbestand. Eine Situation. Zweiunddreißig Fotos in einer Akte. Ein Akt für sich. Ein Akt in einer Serie. Doch ist er mehr als ein bloßes Kunstwerk. Er ist das Leben selbst. Oder das, was sein Mörder daraus machen will. In seinem Tod sieht er das erste Mal aus wie das blühende Leben. Sein fruchtbarer Saft ist überall. Auf dem Bett. Auf dem Boden. An den Wänden. An den Möbeln. Sein furchtbarer Saft riecht nach Leben und treibt dem Mörder Tränen in die Augen. Das einzige, was zählt, ist das Leben. Das ewige Leben. Der Körper des Mannes ist ein Bild des Schreckens. Jeder kann sehen, dass er nicht mehr hier ist. Jeder. Außer dem Mörder.

„Ich bin der Sturm. Ich bin die Stimme. Ich bin der, auf den ihr wartet. Ohne mich kein Leben. Ohne mich kein Leid. Ohne mich keine Unsterblichkeit.“

Als er fertig ist. Als er den Raum verlassen hat, sauberer als je zuvor. Als er dem Mann im Aufzug zunickt und zurück in die Tiefgarage fährt, sein Spazierstock akkurat neben seinem rechten Fuß. Als er auf dem Weg nach Hause ist, fühlt er die Müdigkeit. Der bekannte Druck danach. Die drohende Depression. Der Gott kommt und geht, wie es ihm passt, aber gnade ihm Gott, wenn er sich nicht im Griff hat. Er hat sich im Griff. Pfeifend greift er sich in den Schritt.

Meine Fantasien sichern mein Überleben, denn man überlebt nur in der Fantasie, im Wachzustand ist der Spaß irgendwann vorbei, wie soll ich orakeln, wenn ich den Tod noch nie bewusst erlebt habe? Osiris sah seine Gliedmaßen und wurde zum Gott der Götter, die Weissagung musste sich bewahrheiten, damit es so etwas wie Wahrheit geben konnte, im Wachzustand ist der Tod näher als die Wahrheit.

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